Sven Regener im Interview: Kürbis statt Politik

Er scheint sich in jedem literarischen Genre wohl zu fühlen. Als Songschreiber kann dem Element-Of-Crime-Sänger hierzulande eh kaum jemand das Wasser reichen, mit der Romantrilogie um Herrn Lehmann stürmte er die Bestsellerlisten und auch als Blog-Autor ist Sven Regener gefragt. Seine überaus amüsanten gesammelten Internet-Tagebücher aus den Jahren 2005 bis 2010 erscheinen am 14. März unter dem Titel „Meine Jahre mit Hamburg-Heiner. Logbücher“ (Galiani, 14,95 Euro). Hier vorweg eine kurze Lesung von Regener, passenderweise betitelt „Sex auf der Buchmesse“…

Glauben Sie, dass Element Of Crime durch Ihre außermusikalischen Tätigkeiten noch mal an Popularität gewonnen haben?
Sicher haben wir an Bekanntheit gewonnen. Element Of Crime kennt man ja nur, wenn man sich für diese Art von Musik interessiert. Das heißt natürlich, dass viele Leute erst durch den Klappentext meiner Bücher erfahren haben, dass es diese Band überhaupt gibt. Das heißt aber nicht, dass sie dann die Musik auch mögen.

Ist Ihnen das Schreiben im Blog-Format leichtgefallen?
Man muss die richtige Form finden. Es gibt da mehrere Möglichkeiten. Man kann erzählen, was einem in diesem Moment so durch die Birne rauscht. Das ist klassisches Tagebuch. Oder man hat ein bestimmtes Thema und verfolgt das über die Zeit, so wie Stefan Niggemeier (von bildblog.de). Und dann gibt’s noch das literarische Blog, das ist eine sehr freie Form und die einzige, die für mich in Frage kam. Tagebücher an sich sind ja im Grunde entsetzlich langweilig.

Was halten Sie von Rainald Goetz?
Das ist noch mal was anderes, weil es ihm darum geht – wie der Titel „Abfall für alle“ ja schon suggeriert –, den Schaffensprozess nach außen zu tragen. Das ist natürlich auch eine Möglichkeit. Hat mich persönlich aber auch nicht interessiert, weil ich über so was nicht so gern rede. Und da habe ich mir quasi eine Wirklichkeit konstruiert.

Ihre Blogs sind also eigentlich die pure Fiktion?
Wirklich spannend ist es, wenn man in dieser Form, die zumindest oberflächlich so tut, als ginge es da um reale Dinge, Fakten mit Ausgedachtem mischt. Dabei entsteht eine seltsame psychedelische Wahrheit. Das ist ein bisschen so, als würde man von einem Drogentrip berichten. Und plötzlich läuft alles aus dem Ruder, und die Realität kriegt so einen Knick. Diese Freiheit macht Spaß. Gesetzt den Fall, man tut gar nicht erst so, als würde man was Relevantes schreiben.

Welche Rolle spielt Ihr Alter Ego Hamburg-Heiner?
Bei meinem allerersten Blog ging mir schon nach einem Tag die Luft aus. Da habe ich überlegt, ich lasse einfach einen anrufen und führe mit dem einen imaginären Dialog. Das war die Geburt von Hamburg-Heiner.

Ihre Songs haben eine zeitlose Qualität, Ihre Romane spielen in den Achtzigern. War es eine Umstellung, sich im schnelllebigen Blog nun ständig auf der Höhe der Zeit bewegen zu müssen?
Wenn ich ehrlich bin, ging es mir auch beim Blog nicht um Aktualität. Deswegen kann man das auch heute noch lesen, und es funktioniert auch in Buchform. Auf den Wahlsonntag 2009 bin ich zum Beispiel gar nicht eingegangen, das war nicht Gegenstand dieses Blogs. Stattdessen habe ich an dem Tag von einer Kürbisausstellung in Brandenburg berichtet – was wirklich faszinierend war. Allerdings gab es dann noch einen Anruf von Hamburg-Heiner, in dem er mich für dieses Versäumnis ausschimpft.

An einer Stelle schreiben Sie von Ihren neuen Schuhen und fügen hinzu, „würde ich jetzt noch die Marke nennen, wäre das hier Popliteratur“.
Stimmt! Was ich aber noch vergessen habe: Ich hätte die Marke gar nicht lesen können, weil die festen Einlagen schon reingeklebt waren. (lacht) Aber mich interessieren Marken eh nicht. Etwa die Barbour-Jacke (die in Christian Krachts Roman „Faserland“ eine wichtige Rolle spielt) – ich habe nie gewusst, was das ist. Bis ich das erste Mal auf Sylt war. Aber das ist halt das Wesen von Popliteratur, dass die Marken so wichtig sind. Wobei der Begriff eh schwierig ist und diffus. Das war für ein halbes Jahr gut, als alle darüber sprachen, und heute ist es ein Fluch, wenn man sagt, das ist ja ein Popliterat.

Haben Sie sich in den Neunzigern für die sogenannte Popliteratur interessiert?
Manche der Bücher waren einfach gut. „Soloalbum“ von Benjamin von Stuckrad-Barre zum Beispiel – das hat mich interessiert. Nicht so interessiert hat mich der identifikationsstiftende Aspekt, der aber auch legitim ist. Zu einem gewissen Grad ist Uwe Tellkamps „Der Turm“ ja auch nichts anderes, in dem Sinn, dass er eine verschwundene Zeit wieder in Erinnerung ruft. Oder „Der Zauberberg“ natürlich.

Der Pop-Begriff ist also mittlerweile völlig leer?
Die ganze Kultur ist ein Massenphänomen. Jeder Autor, jeder Film, jede Fernsehsendung, jeder Musiker macht das theoretisch für die Masse der Menschen. Außer man sagt: Ich gründe einen Verein und mache Sachen, die nur eine bestimmte Art von Menschen verstehen kann, und die anderen will ich gar nicht sehen. Aber das ist ein Ausnahmefall. Ich will mal ein Beispiel geben. Für uns als Musiker war es immer der Abgrund, sich zu Hause fotografieren zu lassen. Das war der totale Ausverkauf, das Allerletzte. Bei Schriftstellern ist das was ganz Natürliches, die zeigen ihre Frau und ihre Kinder und ihr Haus und ihren Garten und ihre Bibliothek und ihre Sofas. Die machen den ganzen Tag Homestories! Ich könnte das nicht. Wo ist jetzt der Pop? Wo fängt der an, wo hört der auf? Schriftsteller drängen sich genauso ins Fernsehen wie alle anderen. Wer sitzt denn immer in diesen Talkshows? Die Musiker sind’s nicht! Seit Erfindung des Buchdrucks ist auch die Literatur ein Massenphänomen.


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