Live-Bericht



Taylor Hawkins Tribute Concert mit den Foo Fighters: 6 Stunden Rock, Liebe und Tränen


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Dass der heutige Abend kein unbeschwerter werden würde, liegt in der Natur der Dinge. Dennoch herrscht im Wembley Stadium Volksfeststimmung – und das ist auch in Ordnung, es war ja auch eine „celebration of life“ angekündigt. „Wir haben uns heute hier versammelt …“ – als die Foo Fighters pünktlich um 16.30 Uhr Ortszeit die Bühne betreten und damit ihr seit Ende März anhaltendes Schweigen in der Öffentlichkeit brechen, mischen sich Trauer mit Euphorie und Wiedersehensfreude. Es soll ein Abend werden, an dem getanzt, gefeiert und wenn es sein muss, auch geweint wird, so Grohl. Denn wir alle haben den Tod von Taylor Hawkins auf unsere Weise zu verarbeiten –  ob man ihn nun persönlich oder als Künstler kannte.

Den Auftakt für sechs Stunden Tribute-Show liefert Liam Gallagher mit „Rock’n’Roll Star“ und „Live Forever“, bevor Comedian Dave Chappelle ein paar warme Worte über Hawkins verliert und sich dabei insbesondere an dessen Kinder wendet, die am Bühnenrand sitzen. Neben seinem Dasein als genialer Drummer und absoluter Musiknerd sei Taylor vor allem eines gewesen: ein herzensguter Mensch und eine außergewöhnliche Vaterfigur. Von nun an geht es Schlag auf Schlag: Während sich die (zu Ehren von Van-Halen-Fan Hawkins teils in farbenfrohen Leggings gekleideten) Massen durchs Wembley Stadium schieben, um sich Biere, Nachos, Burger und Wasser-Refills zu holen, ist auf und hinter der Bühne jede Menge los. Dave Grohl wird später sagen: „Ihr solltet sehen, wie viele Drumkits hinter der Bühne stehen!“ Im Minutentakt werden diese durch eine sich öffnende Klappe in der Mitte der Bühne rein- und rausgeschoben.

Wer sich bislang weniger mit dem Wirken von Taylor Hawkins abseits der Foo Fighters auseinandergesetzt hat, lernt heute noch so einiges dazu: Seine 70s-Dirtrock-Coverband Chevy Metal sowie die Begleitband beim Projekt Taylor Hawkins & The Coattail Riders erinnern sich zusammen mit Kesha und Justin Hawkins von The Darkness an gemeinsame Zeiten. Es ist, als würde noch einmal der große Plattenschrank geöffnet – mit zahlreichen Deep Cuts, von denen seine Freunde wissen, dass sie Taylor gefallen haben. In der Hoffnung, dass ihn die gute Nachricht doch auf irgendeiner Ebene erreicht: Seine geliebte James Gang mit Eagles-Gitarrist Joe Walsh hat sich anlässlich des Tribute-Konzerts wiedervereint. Hawkins verehrte aber auch Van Halen und so spielt Eddies Sohn Wolfgang für ihn „On Fire“ und „Hot for Teacher“ – Grohl ist ebenfalls dabei, wenn auch untypisch zurückhaltend am Bass. Mindestens genauso viel konnte der Drummer den Bands Rush und Supergrass abgewinnen. Letztere sorgen unter anderem mit „Alright“ für großes Mitsingfeeling am frühen Abend.

Reunion von Them Crooked Vultures

Besondere Momente gibt es an diesem Abend fast minütlich, doch dieser sticht für Fans hervor: Them Crooked Vultures, bestehend aus John Paul Jones, Josh Homme, Dave Grohl und Alain Johannes tun sich erstmals seit zwölf Jahren für drei Songs („Goodbye Yellow Brick Road“, „Gunman“, „Long Slow Goodbye“) zusammen. Für viele Zuschauer geht damit der sehnliche Wunsch nach einer Reunion in Erfüllung. Nun wird es allerdings Zeit, noch einen Gang hochzuschalten – mit Brian Johnson, Lars Ulrich und den AC/DC-Hits „Back in Black“ und „Let There Be Rock“ hält es nun keinen Wembley-Besucher mehr auf den Klappsitzen. Andere würden da jetzt Feierabend machen, so Grohl. „Wir fangen gerade erst an.“

Tränen bei „Times Like These“

 

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Die Foo Fighters waren in den vergangenen Jahren eine so gut geölte Maschine, dass ihnen alles in den Schoß zu fallen schien. Natürlich nicht zu Unrecht, denn live zeigte sich immer wieder, wie perfekt eingespielt die sechsköpfige Band plus Backgroundgesang wirklich war. Die Musiker verstanden sich blind, erahnten die nächsten Schritte und Jokes der anderen und jammten spielerisch. Nur der natürliche Lauf der Dinge konnte diesen Wahnsinns-Run der Foo Fighters stoppen – wenngleich der abrupte Halt in diesem Fall viel zu früh kam. Um Hawkins für den Abend (und den noch folgenden in Los Angeles) zu ersetzen, telefonierte man deshalb die Größten der Branche zusammen: Stewart Copeland, Roger Taylor, Travis Barker, Omar Hakim und etliche mehr wechseln sich in der Bühnenmitte ab, um den Platz zu füllen, den Hawkins leer zurückgelassen hat. Und trotzdem: Die Band, die für ihr unvergleichliches Timing und Flow bekannt ist, klang live nie roher und zerrissener als an diesem Abend. Taylor fehlt schmerzlich.

Dass Rufus Taylor, Sohn von Queen-Drummer Roger Taylor, Patenkind von Hawkins und Schlagzeuger von The Darkness, bei den Foo Fighters einsteigen könnte, ist ein Gerücht, das in Foren schon seit einigen Wochen immer wieder diskutiert wird. Tatsache ist: Nicht nur der Name Taylor verbindet die beiden, Rufus sieht seinem Mentor auch zum Verwechseln ähnlich – inklusive Falkentattoo auf dem Oberarm. Ein einerseits tröstlicher, andererseits auch befremdlicher Anblick, als er unter anderem gemeinsam mit seinem Vater und Brian May einige Queen-Hits für seinen verstorbenen Freund spielt.

Unter all der Trauer liegt noch eine Chance für die Band verborgen. Ob sie Dave Grohl ergreifen will? Da scheint er sich selbst noch nicht sicher.

„I’m a little divided / Should I stay or run away and leave it all behind? / It′s times like these you learn to live again / It’s times like these you give and give again / It′s times like these you learn to love again / It’s times like these time and time again

Die eigenen Songs auf Knopfdruck zu performen, war für Grohl stets das Natürlichste der Welt, doch heute fällt ihm dies sichtlich schwer. Dem Sänger bricht zum mit Orgel unterstützten „Times Like These“ die Stimme – es braucht ein paar Atemzüge, bis er das Intro hinter sich bringen kann, um sich danach wieder hinter den langen Haaren und den großen Rockgesten verstecken zu können. 75.000 Menschen im Publikum vor ihm sowie Millionen Live-Zuschauer spüren hautnah, wie sehr ihn der Tod seines Freunds beschäftigt. Zudem starb im Juli, also mitten in den Vorbereitungen für diese Show, seine Mutter.

Schnell gilt die Aufmerksamkeit danach Drum-Wunderkind Nandi Bushell, die für „Learn to Fly“ hinters Schlagzeug klettert. Und auch der inzwischen nicht mehr so geheime Special Guest Paul McCartney hat nun seinen großen Auftritt – im vergleichsweise lahmenden Duett mit Chrissie Hynde („Oh! Darling“) und mit den Foo Fighters („Helter Skelter“). Ergreifend ist im Anschluss „My Hero“ mit Taylor Hawkins’ 16-jährigem Sohn Shane, der mit Wut, Trauer und Ehrgeiz in Armen und Beinen eine kathartische Performance hinlegt, bei der selbst die alten Hasen sprachlos sind.

 

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Ein Beitrag geteilt von Wendy Fleming (@wendyffleming)

„Everlong“ wird ein ruhiger Solo-Abschied von seinem Freund und Bandkollegen, denn ohne The Hawk kann es kein gewohnt fulminantes Finale mit der ganzen Band geben. Die Zukunft der Band scheint nach wie vor ungewiss. Worte werden darüber nicht verloren, Hinweise sind aber hier und da zu finden. Wer die Foo Fighters live kennt, weiß, dass Grohl jetzt zum Abschluss gern sein „Wir verabschieden uns nie, wir sagen nur das hier“ von der Zunge rollen lässt, um dann ins bekannte Riff überzugehen. Heute dagegen fehlen ihm die Worte. Was ist noch zu sagen, das er auch wirklich aussprechen will? Alle hier wissen es doch: Trauer ist ein schlechter Berater – und so bleibt es bei einem unverbindlichen „Man sieht sich“.