Testosteronkolosse und gute Feen: So war das Hurricane-Festival 2015

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Testosteronkolosse und gute Feen: So war das Hurricane-Festival 2015

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Freitag

Alljährlich wird der kleine Ort Scheeßel in Niedersachen zum Epizentrum passionierter Festivalliebhaber. Im nächsten Jahr wird das Hurricane-Festival bereits 20 Jahre alt und ist deshalb auch längst eine Institution.
Über Feldstraßen, etwa zwei Kilometer vom Ortseingang Scheeßel entfernt, gelangt man in ein kleines Waldgebiet – und schließlich auf das von der Außenwelt fast schon etwas abgeschottete Gelände. Am frühen Freitagnachmittag herrscht bereits munteres Treiben, die meisten Besucher sind wohl schon am Donnerstag angereist.

Wie gewohnt gibt es auf insgesamt vier Bühnen (Green Stage, Blue Stage, Red Stage, White Stage) Konzerte. Wer dem Musikvollzeitangebot für einen Moment entfliehen will, kann auch mit einem Riesenrad über die weitläufige und sehr grüne Landschaft blicken mit einem Bungee-Jumping seinen Adrenalinpegel erhöhen.

Counting Crows

Einen der ersten Auftritte am Freitag machen die Counting Crows. Ihre in positiver Weise geerdete und unprätentiöse Pop-Musik mit Pathos- und Gospeleinschlag erweist sich definitiv als festivaltauglich. Das mehrheitlich junge Publikum kennt die Hits, singt bei „Mr. Jones“, ihrer vielleicht größten Nummer, textsicher mit. Sänger Adam Duritz, mit wilder Mähne gegen das Alter gestählt, hat auch nach knapp 25 Jahren Bandgeschichte genug Soul in der Stimme, um über die mitunter recht verstaubten und weniger inspirierten Songideen mit zuweilen endlosen James hinwegzuretten. Durch die zahlreichen Americana-Motive, die zeitlosen Texte und allerlei Classic-Rock-Ingredienzien hat die Band schon in frühen Jahren einen eigenen (inzwischen angenehm nostalgischen) Stil gefunden, der immer noch tadellos funktioniert.

Angus & Julia Stone

Das Geschwisterpaar Angus & Julia Stone aus Australien kommt anschließend mit seiner auffallend entspannt wirkenden Band auf die Bühne. Sie verlassen sich in ihrem doch etwas kurzen Set auf bekannte Stücke wie „Big Jet Plane“, aber anders als auf ihren bisher drei Alben ist das Duo live wesentlich zupackender und hat ihre Lieder auf Festivalformat aufgepumpt. Immer im Zentrum: die einprägsamen und charakteristischen Stimmen der Geschwister. Zum Highlight avanciert „Crash And Burn“ – eine elegische Hymne, die mit ihrem Feedbackeinsatz sogar an Neil Young und Crazy Horse erinnert. Während des Slots wird es merklich kühler, der erste Regen des Tages fällt. Grund genug für die frierende Julia Stone sich einen schwarzen Mantel reichen zu lassen und sich für den Sommer zu entschuldigen.

LaBrassBanda

Auf der „Green Stage“ wird auf die sich zunehmend ungemütlicher werdenden Wetterbedingungen keine Rücksicht genommen. LaBrassBanda kommen barfuß auf die Bühne, nur die ausgelegten Perserteppiche trennen die Männer vom kalten Boden. Die Gruppe aus Bayern hat sich längst einen Ruf als außergewöhnliche Live-Band aufgebaut und ist mittlerweile auch auf größeren Bühnen angekommen (was auch stolz betont wird). Ihr unvergleichlicher Stil aus bayrischer Mundart und hektischen Ska-Elementen ist wie gemacht für ein kurzweiliges Spektakel. Frontmann Stefan Dettl ist glücklicherweise eine echte Rampensau, animiert unentwegt die Zuschauer zu kleinen Spielereien und lässt nicht locker, bis auch der letzte Nörgler zum Feierbiest mutiert. Trotz des bayrischen Backrounds ist das psychedelische Kuhmotiv als Deko nur ein Hinweis darauf, dass die Gruppe hier keinen verstockten Lokalpatriotismus betreibt, sondern angenehm ironisch mit der eigenen Herkunft umgeht. Hinzu kommen ausgesprochen frische Songideen– bis hin zu einem atemberaubenden 80er-Jahre-Medley aus „Rock Me Amadeus“, „99 Luftballons“ und „Das Model“.

The Dø

Unterkühlt und artifizieller geht es im Anschluss im Zelt der „White Stage“ zu. Das finnisch/französische Kollektiv von The Dø, in den letzten Monaten unentwegt auf Tour, präsentiert ihren zunächst sehr klinisch und emotionslos anmutenden Wave-Pop. Doch den visuellen Reizen von Sängerin Olivia Melirathi, die wie eine Testfahrerin für Ferrari im roten Ganzkörperkostüm auf die Bühne kommt und wild fuchtelnd durch die Gegend hüpft, kann man sich schwer entziehen. Alles ist hier auf Tanzbarkeit ausgerichtet – und das Publikum lässt sich gerne dazu einladen.

Parov Stellar

Weiter geht es auf die „Blue Stage“, wo man zweckdienlichen Balkan-Beats des Österreichers Parov Stellar beiwohnen kann. Die Film-Noir-Ästhetik passt gut zu den 20er-Jahre-Jazz-Samples, die der DJ immer wieder geschickt in das Set einfließen lässt. Ein Touch Nostalgie funktioniert in diesem Jahr auf dem Hurricane anscheinend besonders gut.

The Gaslight Anthem

Was im kleinen Rahmen sympathisch wirken kann, ist im größeren Kontext manchmal hinderlich. Diese Weisheit wird zumindest von The Gaslight Anthem auf der großen Bühne bestätigt. Die Band ist nicht die Spur an Show interessiert und spult auffällig desinteressiert ihre Rockhymnen herunter. Auf Platte funktionieren die melancholischen, manchmal an Pathos und Songwriter-Handwerk von Bruce Springsteen erinnernden Stücke für mindestens drei Alben wunderbar, mit den neuen Stücken stellt sich schon einige Langeweile ein. Immerhin sorgt die dichte Wolkendecke für etwas Spannung und bringt den vom Wetterbericht angedrohten, aber bis in die späten Abendstunden verzögerten heftigen Regenguss.

Placebo

Placebo, die nur wenig später als Headliner den Tagesabschluss setzen wollen, verstehen von Show naturgemäß etwas mehr. Dramaturgisch effizient eingesetzte Lichteffekte und ein hübsch anzusehendes Bühnenbild sorgen für den visuellen Höhepunkt am Freitag. Nach bandinternen Krisen und mehren Umstellungen innerhalb der Gruppe blieben zuletzt nur noch Brian Molko und Stefan Olsdal übrig, doch es reifte anscheinend die Erkenntnis, dass gerade in solch einer Situation die Maxime „weniger ist mehr“ nicht greift – und so hat die Band nicht nur personell, sondern auch soundtechnisch aufgerüstet. Die musikalische Dringlichkeit der Frühphase erreichen Placebo allerdings an keiner Stelle mehr, stattdessen regiert das unaufgeregte Bemühen um klangliche Düsternis. Letztlich ist der Band wohl kein Vorwurf zu machen, schließlich rekrutierte sich ihre Kunst einmal zu großen Teilen aus selbsterlebtem Leid und vertonter Paranoia. Solche Gefühle sind wohl nicht auf ewig künstlich herstellbar. Trotzdem ist der Auftritt gewohnt druckvoll, bleiben Klassiker wie „Every Me, Every You“ doch auch in breiteren Arrangements spannend und durchaus subtil. Molko zeigt sich in jedem Fall zufrieden mit seinen Zuhörern: „Thank you for staying with us in the rain. You are like warriors“.

Samstag

Nachdem der Freitag im Zeichen nasskalten Regenwetters stand, gibt es am Festival-Samstag Sonne satt. (Auch wenn sich die Wolken nicht gänzlich vertreiben lassen wollten.)

First Aid Kit

Der Hippie-Folk von First Aid Kit ist da genau das richtige, um die zarte Andeutung eines Sommertages zu genießen. Die beiden filigranen schwedischen Schwestern Johanna und Klara Söderberg haben sichtlich Spaß mit ihrem angetüdelten Sirenengesang. Man denkt sich: Gut, dass diese lächelnd vorgetragenen Country-Variationen nicht von ein paar hässlichen Truckern in einer amerikanischen Bar vorgetragen werden. Conor Oberst hatte schon den richtigen Riecher, als er die Band auf seinem Label Saddle Creek Records unter Vertrag nahm.

Future Islands

Noch geschmeichelt vom raumgreifeneden Wohlklang der Schwedinnen, wird es nun hektischer: Future Islands entführen stilvoll in die 80er. Das größte Kapital der Band ist Sänger Gerrit Welmers, der sich mit Emphase in die Songs wirft, mit den Armen rudert, auf den Bühnenboden wirft, springt und brüllt. Mit skinny jeans, orangenem Hawaiihemd und theatralischen Gesten sieht er aus wie eine Mischung aus Morrissey und Joaquin Phoenix. Die Bereitschaft sein letztes Hemd zu geben, sich komplett zu verausgaben, wird vom Publikum euphorisch goutiert, vor allem ihr Hit  “Seasons” wird wildtanzend befeiert.

Die Antwoord

Die eigentlichen Feiergroßmeister sind allerdings Die Antwoord, denn mit ihrem muskelbepackten RaveRap verbinden sie auf derart impulsive und sicher auch martialische Art und Weise all das, was die Popmusik in den letzten Jahren an den Randzonen des Kommerzes verkommen lassen hat. Sängerin Yolandi Visser, mit weißumrandeter Augenpartie, piepst ihre kaum verständlichen Ansagen ins Publikum, ihr hühnengleicher Kollege Ninja – der seinem Namen alle Ehre macht und nach etlichen Bädern im Publikum freudestrahlend seinen durchtrainierten Allerwertesten entblößt – ist hingegen für die knallharten Sprüche (“Fuck The Rules!”) und vorpreschenden Gesangsparts zuständig. Dann brettern allerdings die messerscharfen Beats dazwischen und Publikum wie Musiker hüpfen derart ungestüm, dass man noch Kilometer weiter leichtzuckende Erdstöße vernommen haben muss. Ein merkwürdiges Gespann, diese Elfe und der Testosteronkoloss, doch die Südafrikaner haben zur Zeit, man verzeihe den Kalauer, die richtige Antwort auf den kommerziellen und künstlerischen Overkill der Rap- und Danceszene parat.

Farin Urlaub Racing Team

Farin Urlaub sorgt dann schon für einen gewissen Stilbruch, als er mit seinem Racing Team die “Green Stage” entert. Mit weiblichem Chor im Rücken und durch ein Bläser-Ensemble verstärkt, wirken nicht nur die neuen Songs aus dem Album “Faszination Weltraum” immer ein Stück größer, als sie sind. Auch solo spielt der große Blonde letztlich Ärzte-Lieder ohne Ärzte – selbst den eingefleischtesten Fans dürften mittlerweile die zuweilen sogar geschmacklosen Selbstzitate und ewiggleichen Reimschemata (wo der Herzinfarkt wie selbstverständlich mit dem Wörtchen Sarg vermählt) zuviel geworden sein. Allerdings gehört Urlaub, seinem Künstlernamen entsprechend, zu den entspanntesten Naturen, die sich in dieser Galaxie denken lassen und so befindet er sich mit dem gutgelaunten Publikum in einem niemals launigen Dialog, der so etwas wie echte Verbundenheit ausdrücken mag. Wenngleich der jugendliche Spaß von einst immer mehr einer professionellen Show-Routine gewichen ist, so ist doch die Verbindung zwischen Künstler und Anhänger hier auf eine berückende Art und Weise vorbildlich. Da ist es passend, dass das “Abschiedslied” als letzter Song des Sets keine Spur wehmütig daherkommt – schließlich wird so einer wie Farin Urlaub in angespannten Zeiten wie diesen mehr als gebraucht, Plattitüden hin oder her.

Cro

Cro ist schon lange  bei den oberen 10.000 angekommen, freut sich aber immer noch sichtlich wie ein kleines Kind über die Zuneigung seiner zum großen Teil weiblichen Fans. Die singen die groovend-entspannten Stücke wie “Easy” und all die anderen zahllosen Boy-meets-Girl-Szenarien dankbar mit. Carlo Waibel, wie der Mutlangener mit bürgerlichem Namen heißt, ist eigentlich kein Showman, auch kein Womanizer. Eher hat man das Gefühl, dass er seine Maske trägt, um seine natürliche Schüchternheit zu verbergen. Dieser Schmuserap ist für all die aufgeregten jungen Mädchen, die zum ersten Mal auf einem Festival sind, vielleicht so etwas wie das Äquivalent zu einem Alcopop. Zum Schluss gibt es dann noch ein bonbonfarbendes Feuerwerk – das den zahlreichen anderen Rapperkollegen, die an diesem Tag die “Bluestage” unsicher machen, nicht vergönnt ist. Am Ende siegt Freundlichkeit eben doch über loses Mundwerk.

K.I.Z.

K.I.Z. haben natürlich anderes im Sinn. Die Berliner Rapper spielen  ihre Proll-Attitüde mit grenzenlosem Hang zur Ironie gnadenlos aus. Da fallen die zahlreichen Grenzüberschreitungen in den mitunter radikalen Texten (die auch nicht davor Halt machen, Adolf Hitler in den Refrain mit einzubeziehen) gar nicht mehr auf. Immer wieder gefällt sich das Trickster-Quartett mit politischen Ansagen (“Jetzt gibt es ein bisschen Bildung!”). Die zahlreichen popkulturellen Zitate – von Venga-Boys bis Pippi Langstrumpf – sind enorm wirkungsvoll und derart subtil eingesetzt, dass ihre Verschiebung auf einen oftmals unerhört subversiven Kontext erst wirksam wird, wenn der Rausch des Abends längst verflogen ist.

Black Rebel Motorcycle Club

Nach den zahlreichen deutschen Acts ist nun Platz für die vielleicht coolste, weil zunächst am emotionslosesten daherkommende Band des Abends. Der Black Rebel Motorcycle Club rollt zu einem bedrohlichen Gitarrengewitter auf die Bühne. Peter Hayes Locken stehen tief im Gesicht, die Zigarette ist schon fast verglommen, die Nebelschwaden umschließen die Kalifornier gänzlich. Die psychedelischen Gitarrensounds sind so trocken, dass man geradezu den Staubgeruch an ihren schwarzen Lederstiefeln in der Nase kitzeln spürt. Ihre dröhnende Psychedelia und die hart angeschlagenden Instrumente vermitteln zwar einen gewissen Autismus, doch nach all den Partysängern und Mitmachmusikern ist das genau das richtige für den Abschluss des zweiten Festival-Tags auf dem Hurricane. Wie selbstverständlich mischen sich balladeske Songs wie “Rivals” mit Southern Rock und mäandernden Gitarrenmonstren (“Let The Day Begin”).  Diese Typen haben den Rock ‘n’ Roll-Lifestyle noch mit der Muttermilch aufgesogen.

Sonntag

Tag Drei beim Hurricane – und das Wetter hält (vorerst). Auf dem Weg zum Festivalgelände treten viele Besucher bereits den Rückweg an, die letzten Tage haben bei ihnen sichtbar Spuren hinterlassen.

Death Cab For Cutie

Death Cab For Cutie sind seit jeher eine Band auf der Suche nach ihrem eigenen Stil, ihrem eigenen Weg, ihrer eigenen Besetzung und Identität. Seit letztem Jahr ist Gitarrist Chris Walla nicht mehr dabei, vielleicht klingen die Songs auf der neuen, höchst experimentellen Platte “Kintsugi” deshalb so wehmütig. Natürlich hat die Gruppe immer noch ein großartiges Gespür für Melodien (zu hören im zuweilen düsteren “Black Sun”, wesentlich offenherziger noch beim fast schon kitschigen “Little Wanderer”), setzt aber mit einer Melange aus 80er-Jahre-Wave und  harten Gitarrenanschlägen neue Akzente. So bittersüß wie einst klingen die Amerikaner nicht mehr, aber als sie ihr Set – natürlich – mit “Transantlanticism” ausklingen lassen, zeigt sich, dass das Erzeugen von Gänsehaut immer noch zu ihrem Standardrepertoire gehört.

Olli Schulz

Als Olli Schulz im blauen Business-Hemd die Bühne betritt, wird deutlich, welches Standing der Hamburger Alleskönner mittlerweile genießt. Die Zuschauer stehen bis weit hinter den zweiten Wellenbrecher vor der “Red Stage”. Ein Blick auf die Bühne verrät, dass Gisbert zu Knyphausen wieder einmal Teil der Tour-Band des immer hagerer werdenden Schlackses ist. Insgesamt stehen zwei Gitarristen auf der Bühne, Entlastung für Schulz, der anders als früher nur noch selten selbst zu diesem Intsrument greift. Er kommt beschwingt auf die Bühne und stellt seine Gruppe als “Bio-Band” aus Berlin vor, die garantiert “laktosefreie Sounds” dabei hat. Neben vielen neuen Stücken von seiner aktuellen Platte “Feelings aus der Asche” spielt der Entertainer auch einige ältere Stücke wie “Die Ankunft der Marsianer”. Einen kleinen musikalischen Scherz erlaubt er sich auch: Weil er schon des Öfteren “Wonderwall” live gespielt hat, kann er es sich nicht verkneifen, den Oasis-Klassiker auch zu spielen, während zeitglich der Engländer mit seinen High Flying Birds auftritt. Dazu ermutigt Schulz seine Fans, so laut mitzusingen, dass Gallagher es bei seinem Gig auf der “Blue Stage” garantiert mitbekommen wird.

Noel Gallagher’s High Flying Birds

Noel Gallagher kommt allerdings erst kurze Zeit später auf die Bühne, aber vielleicht konnte er den Singalong des Publikums ja backstage noch hören. Anders als Showman Schulz ist der Sänger nicht als großer Unterhalter bekannt. Ein knappes “Thank You” nach jedem zweiten Song, mehr will ihm eigentlich nicht über die Lippen kommen. Wie gut, dass sich der Brite immer schon auf seine Liedkunst verlassen konnte. Er spielt einige Stücke seines im Februar erschienenen Solo-Albums “Chasing Yesterday”, bevor er mit “Diggys Dinner” erstmals auf den Oasis-Katalog zurückgreift. Die Mundwinkel tendenziell nach unten gerichtet, in enger Lederjacke, wirkt Gallagher stets etwas gelangweilt, doch dabei könnte es sich um eine Fehlinterpretation handeln. Es dürfte sich dabei eher um die Konzentration eines musikalisch durchaus limitierten Gitarristen handeln, der aber mit großem Perfektionismus versucht, das Beste aus sich herauszuholen. Beim obligatorischen “Don’t Look Back In Anger” als Abschluss lockt Gallagher das anfänglich eher zurückhaltende Publikum aus der Reserve. Groß und Klein singen andächtig mit.

The Notwist

Zum experimentellen Raum wird die Bühne bei The Notwist. Die Band aus Weilheim hält sich nicht an gängige dramaturgische Konventionen, sondern hat es sich zur Aufgabe gemacht, mit jedem Konzert ihre Kunst geradezu improvisatorisch neu auferstehen zu lassen. Manchmal wirkt es ein wenig so, als befände man sich im Musikhochschulseminar “Krautrock”. Es ist beeindruckend, welche Spannung The Notwist ganz ohne Showeffekte und Tamtam zu erzeugen in der Lage ist. Anders als auf ihren LPs kann die ehemalige Post-Hardcore-Band ihren filigranen Songs live noch wesentlich mehr Dynamik abgewinnen. “Pilot” (aus ihrem Großwerk “Neon Golden”) verwandelt sich im Mittelteil zu einem technoiden Stampfer, während Frontmann Markus Acher sich am DJ-Pult sampelt; “Run Run Run”, vom jüngsten Werk “Close To The Glass”, dehnt sich auf keine Sekunde langweilige zehn Minuten aus. The Notwist verstehen sich selbst als  Musikhandwerker, die ihr Material verfeinern, bis es hoffentlich ihren Ansprüchen genügt (mehr als ein verhuschtes “Tausenddank” bekommen die Zuschauer deshalb auch nicht von Sänger zu hören). Dass dies anscheinend nie der Fall ist, macht die Band zu einer der besten Live-Acts in diesem Land.

Casper

Weniger subtil ist der Slot von Casper. Statt mit seiner Begleitband wird der Mann aus Extertal nur von eimen DJ begleitet. “Ich will alle eure Hände sehen und ihr sollt springen – bis in die letzte Reihe!”, fordert der Rapper auf. Es funktionert. Casper, der mit bürgerlichen Namen Benjamin Griffey heißt, hetzt schier atemlos durch die Stücke, springt und hüpft, klopft sich gegen die Brust. “Ihr könntet auch bei Florence + The Machine sein und auch Paul Kalkbrenner zieht viele Menschen – aber ihr hier, das bedeutet mir sehr viel”, gibt er zu Protokoll und wirkt sichtlich gerührt. Die Rap-Show, die hier geboten wird, ist im besten Sinne “old school” und untermauert Caspers Qualitäten als Wortakrobat mehr als deutlich.

Florence + The Machine

Es mag ein frommer Wunsch sein, dass das Beste erst zum Schluss kommen möge, aber im Fall von Florence + The Machine, soweit darf vorgegriffen werden, stimmt das tatsächlich. Was die Sängerin mit ihrem Publikum anstellt, hat etwas Magisches: Wie betört von ihren eigenen Worten tanzt und huscht Florence Welch in einem blütenweißen Kleid über die Bühne, ohne auch nur einen Moment den Atem zu verlieren. Schon der erste Song (“What The Water Gave Me”) gibt den Takt für eine Messe vor, in der Spiritualität, Anmut und kollektives Zusammensein gefeiert werden. Die neuen Fanfaren aus “How Big, How Blue, How Beautiful” fügen sich wie selbstverständlich in das himmelhochjauchzende Gesamtwerk ein. Die Engländerin genießt es, ihre Fans zum Kuscheln und Schwelgen zu animieren. Wer sich gerade kennengelernt hat, soll sich umarmen; wer sich liebt, soll die Hände in die Höhe halten. Ergreifend geraten die Bläsereinsätze, markerschütternd singt der Chor. Die Sängerin lädt sich einen Fan auf die Bühne, der kostenlose Umarmungen verspricht und Welch so ausgiebig herzt, dass man für einen Moment Angst um sie hat. Doch die gute Fee, die während des 80-minütigen Auftritts mehrmals zum Stagedive ansetzt und  glückstrunkenen Mädchen ihre Hände reicht, lässt sich auf einen ekstatischen Tanz mit ihrem Verehrer ein. Mit den letzten Liedern (“You’ve Got The Love”, “Dog Days Are Over” und “Kiss With A Fist”) wird das Hurricane-Gelände dann endgültig zum Tanzplatz. Als Welch wie benommen von der Bühne hetzt, können es viele Zuschauer gar nicht glauben, was ihnen gerade widerfahren ist. Ungläubig schauen sie zur Bühne, schweigen, juchzen, rufen heiser Zugabe – bis auf den Bildschirmen das Festival für beendet erklärt wird.

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