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Pop-Tagebuch

Text, in dem sich Jeffrey Lee Pierce, Daevid Allen und Howard Carpendale Gute Nacht sagen

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Pop-Tagebuch

Text, in dem sich Jeffrey Lee Pierce, Daevid Allen und Howard Carpendale Gute Nacht sagen

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Folge 79

Vor ein paar Jahren führten mich Umstände, deren Erläuterung hier zu weit führen würde, auf ein Howard-Carpendale-Konzert. Es war einer seiner beiden letzten Live-Auftritte, bevor der Sänger seine Bühnentätigkeit mit dramatischer Geste niederlegte – freilich nur um zwei Jahre später mit ebenso dramatischer Geste ein glorreiches Comeback hinzulegen. Das Konzert war super. Vor allem wegen des Anfangs. Carpendale gefiel es an diesem Abend, die Bühne in einer Manier zu entern, die dem späten Elvis, Morrissey und Neil Diamond ein kollektives Zungenschnalzen abgenötigt hätte, das die Liste der lautesten Zungenschnalzer, die je von drei prominenten Bühnencharismatikern gleichzeitig geschnalzt wurden, bis in alle Ewigkeit anführen dürfte.

Carpendale nämlich kam nicht einfach irgendwann auf die Bühne gesprungen, nein, er betrat die Halle von hinten und bahnte sich im Kielwasser mehrerer Security-Schränke und zahlreicher rückwärts laufender Fotografen den Weg durch das Publikum zur Bühne. Ja, da darf man ruhig mal mitschnalzen!

Was aber musste ich vergangene Woche in einer Kölner Boulevard-Zeitung lesen? „Howard Carpendale: Verliebt in einen Mann“ stand da in fetten Lettern. Und darüber: „Vier Tage lang für eine Frau gehalten“. Ich war empört! Howard Carpendale darf sich verlieben in wen er will – und wenn es Charleys Tante ist! Aber hier sollte ganz offensichtlich einem großen Künstler in schändlicher Boulevard-Manier amouröse Trotteligkeit hinterhergeschrieben werden.

Ich habe den Artikel zu der Überschrift aus Protest dann gar nicht mehr gelesen. Mir egal, was da los war. Ich will hier nur sagen: Wenn ich wegen jedes Mannes, den ich in blinder Liebe wochenlang für eine Frau gehalten habe, in der Zeitung stünde, dann müssten sich die Putins und Tsipras dieser Welt wirklich etwas einfallen lassen, um überhaupt noch Platz zu finden! Ja, ich bin total aufgebracht. Ist mir egal! Wenn man hier im Pop-Tagebuch keine Gefühle mehr zeigen darf – wo dann denn bitte noch?

***

Ich weiß nicht, ob es am Wetter liegt oder an meiner Frisur oder den Lebensmittelpreisen, aber im Moment höre ich fast nur noch Gun-Club-Platten aus den Achtzigern. Vor allem „Miami“ ist eine Herrlichkeit, an der man sich als zerrütteter Mittvierziger mit Hafenviertelhintergrund wunderbar erbauen kann. Der Sound der Platte ist eine ziemliche 80er-Jahre-Katastrophe, aber Jeffrey Lee Pierce agiert hier so entfesselt wie auf keinem anderen Album seiner Band.

In meiner Jugend war Jeffrey Lee Pierce’ Solowerk „Wildweed“ ein ganz wichtiger Bezugspunkt. Ich spielte damals in meiner ersten Band. Wir hießen Overheated und waren scheiße. Alle Bandmitglieder befanden sich in ihren mittleren Teens und rangen mit Problemen wie unkontrollierbarem Oberlippenflaum. Vor allem waren wir in Musikgeschmacksfragen noch ausgesprochen ungefestigt: Es konnte damals noch jederzeit alles passieren – und das meine ich ausdrücklich nicht positiv.

Vielleicht waren wir damals auch unserer Zeit voraus, das lässt sich heute nicht mehr so genau sagen. So oder so: Es waren schöne und wichtige Jahre, freundschaftlich wie künstlerisch, und ich möchte Erinnerungen wie die an unser Konzert auf dem Odenthaler Pfarrgemeinderatsfest nicht missen, bei dem wir die kleine Gemeinde im Bergischen Land mit der zerstörerischen Kraft des Rock’n’Roll konfrontierten. Epochal war auch unser Auftritt auf einem Festival im nahegelegenen Bergisch Gladbacher Stadtteil Schildgen, wo man uns nach unserem Auftritt nicht mehr in den Backstagebereich ließ (was auch damit zu tun hatte, dass wir vor unserem desaströsen Gig das komplette Catering aufgegessen hatten).

Jeffrey Lee Pierce’ „Wildweed“ war die erste coole Platte, die uns kollektiv erwischte. Das lag natürlich an der klingenscharfen Musik, es lag aber auch am Cover, das den Sänger mit geschultertem Gewehr auf einem Feld oder Acker zeigte.  Klare Sache: So wollten wir uns auch inszenieren. Es war sogar ein wenig naheliegend: Felder und Äcker gab es bei uns genug. Man stand eigentlich zwangsläufig ständig auf Äckern herum. Ja, so muss man sich eine 80er-Jugend im Bergischen Land vorstellen: auf Äckern rumstehen und Jeffrey Lee Pierce super finden. Es gab bloß ein Problem: Es ließen sich einfach keine Knarren auftreiben.

Zum Glück hatten wir gerade auch Captain Beefhearts großartige Nervplatte „Trout Mask Replica“ entdeckt. Auf der Rückseite sah man den Captain mit der Magic Band inmitten irgendwelchen Gesträuchs herumstehen. Zwar war weit und breit kein Acker in Sicht, aber etwas diffus Ländliches hatte das Ganze doch. Zudem gefiel uns die total bescheuerte Knallkopf-Montur der Musiker, die allesamt den Eindruck erweckten, am Vorabend eine Fachhandlung für Psilocybinpilze überfallen zu haben zu haben. Das Entscheidende aber war, dass uns das Cover vor allem eins nachdrücklich klarstanzte: Man kann auch ohne Knarren super in der Landschaft herumstehen! Das war die Lösung: Wir fotografierten uns fortan ständig in blöder Knallkopfkostümierung auf dem Acker. Ein Image war geboren! Kurz danach lösten wir uns auf.

Den Gun Club und Jeffrey Lee Pierce höre ich heute immer noch gerne. „Trout Mask Replica“ eher nie.

***

Nur mal kurz zwischendurch: Eigentlich wollte ich diesmal ja über Nikki Sudden schreiben. Das hat leider nicht geklappt. Vielleicht ja beim nächsten Mal. Das sollte indes niemanden abhalten, sich mal (wieder) „Robespierre’s Velvet Basement“ anzuhören.

***

Am Freitag erreichte mich die traurige Kunde vom Tod Daevid Allens. Gut, der Mann war 77, aber mir hätte es besser gefallen, wenn dieser liebenswerteste aller Psychedeliker nicht von einer hässlichen Krankheit dahingerafft, sondern von einem Raumschiff abgeholt worden wäre.

Nachdem wir damals nämlich, unsere Acker-und-Gun-Club-Phase beendet hatten, wurden wir Neo-Hippies und traten in eine nicht minder heftige Daevid-Allen-Phase ein. So ist das auf dem Land. Ständig saßen wir in tuchverhangenen Räumen herum, hörten Gong, Kevin Ayers und Soft Machine und taten dabei das, was man eben so tut, wenn man Gong, Kevin Ayers und Soft Machine hört.

Ich mag ja keinen Prog und jegliche Form von Fusion löst bei mir Ekel aus, aber Daevid Allen und die Freak-Frickler der frühen Gong waren lustige Zeitgenossen und bereisten auf ihren kunterbunten Platten musikalische Galaxien, die ansonsten unbereist geblieben wären. Manchmal nannte sich Daevid Allen auch Divided Alien, Dingo Virgin oder Bert Camembert, was in seinem künstlerischen Kontext definitiv sinnstiftend war. Elektrischer Käse, Radio-Gnome, Weltraumelfen und Pot Head Pixies bevölkerten seine Kunstwelt. Wären Monty Python jazzrockfähige Hippies gewesen – das Ergebnis ihres Schaffens hätte ähnlich ausfallen können. Ich empfehle dringend das „Flying Teapot“-Album. Fortgeschrittene Hörer sollten sich mit dem Album „You“ befassen. Das Jazzrock-Geklöppel von Pierre Moerlen’s Gong (ohne Allen) darf ignoriert werden.

Vor ein paar Jahren hatte ich das Glück, Allen und Gong noch einmal live sehen zu dürfen. Obwohl der Mann auch da schon die 70 überschritten hatte, sah er immer noch aus wie ein psychedelischer Weihnachtsbaum. Einer meiner Overheated-Bandkumpanen war auch dabei und ließ sich allerhand signieren. Eine für 2014 geplante weitere Deutschlandtour musste leider abgesagt werden. Nun hat der Teekessel seinen Flugbetrieb also endgültig eingestellt. Immerhin tröstet die Vorstellung, dass Daevid Allen seine „Glissandoz Guitar“ ab sofort und für immerdar auf dem fernen Planeten Gong spielen wird, während Syd Barrett und Kevin Ayers dazu eine Pullen Skywine entkorken.

So ist nun also ein Text entstanden, in dem sich Jeffrey Lee Pierce, Howard Carpendale und Daevid Allen Gute Nacht sagen. Wie wohl ein gemeinsames Zungenschnalzen der drei Heroen geklungen hätte? Um ein Haar hätte auch noch Nikki Sudden mitschnalzen können, aber … Moment, mir ist, als wäre da eben ein Teekessel am Fenster vorbeigeflogen …

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