Twin Peaks: Top oder Flop? Diese Figuren sind die Gewinner, diese die Verlierer

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Twin Peaks: Top oder Flop? Diese Figuren sind die Gewinner, diese die Verlierer

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Gefreut hatten wir uns über die Rückkehr aller alten Figuren in „Twin Peaks“ – und auf die neuen waren wir gespannt. Nicht alle Charaktere haben während der 18 Folgen von „The Return“ überzeugt, viele haben uns begeistert. Ein Überblick über diejenigen, die den größten Sprung nach vorne oder hinten gemacht haben.

Die Verlierer

01. Gordon Cole (David Lynch)

David Lynch hat seinen FBI-Direktor zur zweiten zentralen Figur neben Dale Cooper (Kyle McLachlan) erhoben. Eine Entwicklung, die im Kinofilm „Fire Walk With Me“ (1992) bereits angedeutet wurde. Es ist konsequent, dass der Regisseur als Schauspieler sich verpflichtet fühlt, Handlungsstränge zu verknüpfen, die Suche nach dem vermissten Cooper zu intensivieren, als auch Diane und Albert Rosenfield zu harmornisieren. In „The Return“ wird er bisweilen zum Rätsel offenbarenden Großvater, nach und nach macht er sein Geheimwissen publik. Lynch ist kein geborener Schauspieler. Der Kniff, seinen Beamten mit Schwerhörigkeit auszustatten, kam zupass. Wer laut spricht, muss sich auch nicht in Nuancen üben.

Insgesamt gab es ein wenig zu viel Gordon Cole. Allerdings gebührt ihm dank seines Hörproblems die wohl lustigste Szene der gesamten Serie, der „Cossacks“-Dialog mit Rosenfield. „Up on the wrong side of the bed this morning, Albert!“

02. Carl Rodd (Harry Dean Stanton)

Der Trailerpark-Chef meistert eine der berührendsten Szenen der dritten Staffel. Im einen Moment bewundert der alte Mann noch das Licht in den Baumwipfeln, die Schönheit der Natur also. Im nächsten Moment wird er Zeuge, wie ein Junge totgefahren wird. Das Rad der Welt.

Gegenüber Lynch und „Twin Peaks“ sollte man nicht das Argument bringen, dass eine Figur nicht eindeutig zielgerichtet agiert – in diesem Universum wäre das ein Totschlag-Argument. Viele Charaktere sind dazu da, dass wir uns deren Biografie erträumen. Von Stanton hätten wir uns nur gewünscht, dass er eine größere Rolle erhält.

03. Rebecca Burnett (Amanda Seyfried)

Mit „Fire Walk With Me“, vor allem ab „Lost Highway“ (1996) werden Lynch-Darsteller zu Recht auch dahingehend vom Publikum geprüft, ob sie ihre Rolle „verstanden“ haben. Sollte natürlich jeder Schauspieler in jedem Film. Aber bei Lynch meint das, ob die Mimen sich in ihre Figur hineinfühlen können, auch wenn sie deren Motivationen nicht verstehen.

Bei Seyfried irritiert die Starpower (sie ist der prominenteste Neuzugang), und ihre Charaktergeschichte wirkt irrelevant. Seyfried scheint überengagiert. Als Tochter von Shelly (Mädchen Amick) verleiht sie der von Fans geliebten Kellnerin immerhin eine tiefere Biografie.

04. Leland Palmer (Ray Wise)

Hands down, das Schönste am Versprechen des als gescheitert geltenden „Fire Walk With Me“-Films war nicht, dass wir Laura Palmers Vorgeschichte erfahren – sondern ihrem Vater, dem zweiten Todesopfer der Serie, erneut begegnen. Tote Charaktere wieder einzuführen erfordert erzählerisches Geschick. Gerade das Staffel-Finale mit seinen verschiedenen Zeitdimensionen hätte die Möglichkeit geboten, den tragischen, von BOB beherrschten Daddy wieder zu bringen. In „The Return“ beschränkt sich Lelands Auftritt auf zwei Cameos.

Aber er sieht noch immer so gut aus wie früher. Hätten wir Leland doch nur ein einziges Mal in Bewegung gesehen, statt nur auf einem Stuhl. Der Mann ist Michael Jackson. „Wir müssen tanzen! Tanzen für Laura!“

05. Shelly Briggs (Mädchen Amick)

Sie heißt nun Briggs, nicht mehr Johnson. Ihren Traummann Bobby (Dana Ashbrook) hatte sie also halten können. Inzwischen leben sie getrennt. Und Shelly ist vernünftig geworden.

Die gefährliche Romanze der beiden vor 25 Jahren, von der Shellys gewalttätiger Gatte Leo Johnson natürlich keinen Wind bekommen durfte, war tatsächlich eine der spannenderen Liebesgeschichten der ersten beiden Staffeln. Sie funktionierte sogar ohne das „Twin Peaks“-Mysterium (man denke da nur mal an Sherilyn Fenn und Billy Zane).

Nun steht Shelly als besorgte Mutter etwas im Schatten von Norma Jennings (Peggy Lipton). Ihre Ziehmutter hat nicht nur die wichtigere Aufgabe (das Diner und damit die „Twin Peaks“-Tradition vor dem Ausverkauf zu retten), sondern auch die wichtigere Liebesgeschichte (Ed).

06. Mike Nelson (Gary Hershberger)

Von allen alten Figuren hat Mike den kürzesten Auftritt. Im Gegensatz zu Kumpel Bobby, der Polizist geworden ist, ist er allerdings Arschloch geblieben. Gerade als Firmenchef. Hätten wir nur mehr von ihm gesehen – die Pointe, dass er wieder mit Nadine Hurley anbandeln könnte, blieb uns zum Glück erspart.

Sein Kurzauftritt macht ein Fass auf. Wenn alte Figuren zumindest kurz wieder dabei sein dürfen – warum dann nicht die zwei, die es sich so gewünscht hatten, aber von Lynch keine Antwort erhielten? Josie Packard (Joan Chen, wenn auch als Geist) und Catherine Martell (Piper Laurie, 85). Von beiden wird in Folge 17 Archivmaterial verwendet. Martell hätte auch als Lebensgefährtin von Ben Horne ins Spiel gebracht werden können.

07. Nadine Hurley (Wendy Robie)

Ein weiteres „Nice To Have“, also nicht essentiell. Von Dr. Jacobys Predigten inspiriert, schenkt Nadine ihrem Ehemann Ed die Freiheit. In der zweiten „Twin Peaks“-Staffel befremdete ihre zweite Storyline die Fans – sie wird zur Frau mit Superkräften. Hier wird ihre Rolle sehr klein gehalten.

Hätte man mehr aus ihr machen können?

08. Janey-E Jones (Naomi Watts)

Neben Laura Derns Diane bietet diese „Damsel in Distress“ die zweite weibliche Hauptrolle. Ihre Hausfrau kann einem leid tun. Die Figur ist die wohl einzige, die die magischen Vorgänge spürt, aber zu keiner Zeit Bewohnerin des „Twin Peaks“-Universums ist. In dieser Liste steht sie als Verliererin, weil ihr die Weitsicht fehlt.

Der Charakter wirkt wie aus einer 1950er-Jahre-Komödie entsprungen, in der die Jägerzäune weiß und der Braten im Ofen ist, wenn der Mann nach Hause kommt. Watts’ Janey-E ist auch Modell für alle Menschen (und Zuschauer), die sich der Realität, aber auch der Zukunft verweigern. Sie nimmt ihren veränderten Ehemann Dougie so an, wie er ist.

Nur der mal weinende, mal apathische Sohn scheint mehr zu ahnen. Überhaupt hat Lynch in dieser Staffel einen Blick auf Kinder, der so brutal ist wie sonst nie. Eines wird überfahren; das andere muss ansehen, wie der Vater vor seinen Augen erschossen wird, gerade als es vor Freude die Haustür öffnen will.

Die Familien-Wiedervereinigung der Jones’ in der finalen Episode jedoch ist herzzerreißend. So viele Folgen lang gab es Ungewissheit, ob Dougie wieder Dougie wird. Das kann keinen kalt lassen, dabei dauert die Homecoming-Sequenz keine drei Sekunden. Janey-E ist gar nur von hinten zu sehen.

David Lynch zeigt sich hier, im guten Sinne, als konservativer Familienfilmer. Bittere Pointe: Zum Zeitpunkt seiner Verwandlung machte Dougie Jones es sich bei einer Prostituierten gemütlich.

09. Richard Horn (Eamon Farren), Red (Balthazar Getty) und Ray Monroe (George Griffith)

Richard Horne (Eamon Farren)

Neben dem besessenen Cooper war einfach kein Platz für einen zweiten Baddie. Oder eine dritten oder vierten. Ray Monroe (Griffith) erhielt immerhin die Ehre, in der wahnsinnig machenden Trinity-Episode acht mitgemacht zu haben (in den anderen Folgen erreicht er nicht viel). Das Engagement Gettys als komplett unausgeleuchteter Red wirkt wie ein Gefallen an den „Lost Highway“-Hauptdarsteller, der nach 1996 keine große Rolle mehr in Hollywood spielte.

Am bedauerlichsten ist sicher die Figur des Richard Horn (Farren). Die Fan-Theorie, er sei das Kind von Coop und Audrey, wurde bestätigt. Seine Brutalität steht der jener anderen großen Lynch-Perversion, Frank Booth aus „Blue Velvet“, in nichts nach (in der Bar wird dazu der Song „Frank 3000“ gespielt). Sein Abgang jedoch wirkt zerfahren, seine Geschichte nicht auserzählt.

10. Eddie Vedder

Da half auch die Bühnen-Ankündigung als Edward Louis Seversen, wie er bürgerlich heißt, nichts. It does get any vedder, leider. Das war ganz klar Eddie Vedder da auf der Bühne. Er wirkte wie in einem Musikvideo für seinen neuen Solo-Song „Out Of Sand“. Eben wie der Pearl-Jam-Sänger, der eine Kleinstadt im Nordwesten besucht, um dort vor überschaubarem Publikum einen Back-To-Basics-Traum zu leben. Es ist vielleicht weniger seine Darstellung – Vedder verfügt über sehr starke Mimik, er hält sich ja schon zurück – als sein Image, das „Twin Peaks“ überstrahlt.

Nine Inch Nails im Vergleich: Trent Reznor und Musiker traten nicht in Folge 16 auf, sondern gar in der jetzt schon legendären acht. Auch sie wirkten da ein wenig fehl am Platz – aber nicht wie die Nine Inch Nails, sondern wie eine „Twin Peaks“-Band.

11. Benjamin Horne (Richard Beymer) und Jerry Horne (David Patrick Kelly)

Als eine Art Catweazle im Miniaturformat lässt sich Jerry (Kelly) sicher ertragen, aber es ist sein älterer Bruder Benjamin (Beymer), dem Lynch die bitterste Aufgabe verliehen hat. „My home is my castle“ bzw. „my hotel is my castle“: Der Hotelbesitzer verlässt sein Domizil während der gesamten Staffel kein einziges Mal (dafür stellt er aber diesmal auch nicht wieder mit Miniaturfiguren den Amerikanischen Bürgerkrieg in seinem Büro nach).

Benjamin Horne ist also im besten Sinne angekommen. Hinter seinem Schreibtisch. Erstaunlich, dass das Hotel an sich in dieser Season keine prominente Rolle spielt. Dass Benjamin seine Tochter Audrey nicht erwähnt, spricht dafür, dass sie im Koma liegt oder tot ist.

12. Tammy Preston (Chrysta Bell)

Sie ist Lynchs Muse, er macht mit ihr Musik, veröffentlicht seit bald 20 Jahren Alben mit ihr, sie glaubt an Transzendentale Meditation und Wiedergeburt, so wie der Mentor. Nur schauspielern, das kann Preston nicht.

13. Chantal Hutchens (Jennifer Jason Leigh) und Gary Hutchens (Tim Roth)

Dieses Killer-Ehepärchen war erzählerisch tatsächlich notwendig, weil sie die Mordaufträge zu erfüllen hatten, für die Coop keine Zeit blieb. Das Problem ist die Tarantino-artige Konstellation des zynischen Duos, das sich intensiv über Kleinigkeiten unterhält, während das Töten an sich wie eine Kleinigkeit erscheint.

Roth und Leigh spielten Hauptrollen zwei Jahre zuvor in Tarantinos „Hateful Eight“, das macht es nicht gerade leichter Distanz zu halten. Eine seltsame Casting-Entscheidung Lynchs, der bislang sehr trennscharf zum jüngeren Regie-Kollegen drehte.

Twin Peaks – die Gewinner:

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