U2 veröffentlichen überraschend die spirituelle EP „Easter Lily“

„Es ist eine Zeit, in der unsere Band tiefer in unser Leben gräbt, um einen Quell an Songs zu finden“, sagt Bono über die neue EP „Easter Lily“.

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Nur sechs Wochen nach der Überraschungsveröffentlichung ihrer EP „Days of Ash“ haben U2 ohne jede Vorankündigung eine weitere Sechs-Song-Kollektion herausgebracht. Sie heißt „Easter Lily“ und ist ab sofort auf YouTube und allen Streaming-Plattformen verfügbar.

Anders als „Days of Ash“ ist „Easter Lily“ unpolitisch. Die Songs widmen sich stattdessen spirituellen Fragen, Freundschaft, Verlust und Hoffnung. „Wir sind im Studio und arbeiten weiterhin an einem lauten, chaotischen, ‚unvernünftig bunten‘ Album, das wir LIVE spielen wollen … dort ist U2 zu Hause“, sagt Bono in einem Statement. „Wir sehen in lebhaftem Rock’n’Roll nach wie vor einen Akt des Widerstands gegen all den Wahnsinn auf unseren kleinen Bildschirmen. Das sind definitiv ‚Wüstenjahre‘ für so viele von uns, die auf das Chaos da draußen in der Welt blicken.“

„Es ist eine Zeit, in der unsere Band tiefer in unser Leben gräbt, um einen Quell an Songs zu finden, die dem Moment gerecht werden“, fährt er fort. „Mit ‚Easter Lily‘ haben wir uns am Ende sehr persönliche Fragen gestellt: Halten unsere eigenen Beziehungen diesen herausfordernden Zeiten stand? Wie sehr kämpft man für eine Freundschaft? Kann unser Glaube das Zerreißen von Bedeutung überstehen, das diese Algorithmen so gerne belohnen? Ist alle Religion Unsinn und reißt uns immer noch auseinander …? Oder gibt es in ihren Ritzen Antworten zu finden? Gibt es Zeremonien, Rituale, Tänze, die uns in unserem Leben fehlen? Vom Frühlingsritual bis zu Ostern und seinem Versprechen von Wiedergeburt und Erneuerung … Patti Smiths Album ‚Easter‘ hat mir so viel Hoffnung gegeben, als es 1978 erschien. Ich war noch keine 18. Der Titel ist eine Verbeugung vor ihr. Wir werden zu einem späteren Zeitpunkt für Tamtam und Trubel sorgen, um den Rest der Welt daran zu erinnern, dass wir existieren – aber bis dahin … ist das zwischen euch und uns.“

Hommage an Hal Wilner

Die EP eröffnet mit „Song For Hal“, einer Hommage an den verstorbenen Hal Wilner, bei der The Edge den Lead-Gesang übernimmt. „Ich singe selten die Hauptstimme“, sagt Edge in einem Interview für die brandneue Ausgabe des U2-Fanzines „Propaganda“. „Wenn Leute fragen warum, erkläre ich, dass wir tatsächlich einen großartigen Sänger in der Band haben. Ich hatte immer gedacht, Bono würde den Lead singen, aber er war der festen Überzeugung, ich sollte es tun. Ihm gefiel, wo es meine Stimme trifft. Das war ein großes Kompliment.“

„In a Life“ ist eine Ode an die Freundschaft. „Auch wenn wir akzeptieren, wie absurd es ist, in so nihilistischen Zeiten über Glauben und Freundschaft zu sprechen – wir bereuen es nicht … das ist emotional direkt, was für manche uncool sein wird“, sagt Edge. „Aber darum geht es: konfrontativ und herausfordernd gegenüber der Coolness zu sein, die sich in Beziehungen einschleicht. Wenn ich es nach ‚Song for Hal‘ höre, erinnert es mich daran, Freunde nicht als selbstverständlich zu betrachten.“

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„Scars“ schöpft seine musikalische Inspiration aus der Post-Punk-Szene der frühen Achtziger. Die Lyrics handeln von Selbstakzeptanz und davon, zu den Narben zu stehen, die man im Laufe der Jahre angesammelt hat. „Narben sind hilfreich, Fehler sind hilfreich – wenn man zu ihnen stehen kann“, sagt Edge. „Das ist der Schlüssel. Wenn sie verborgen oder geleugnet werden, ist das keine gute Nachricht. Das ist die Wurzel des Narzissmus – nicht Selbstliebe, sondern vorgetäuschte Perfektion. Bono führt diesen Gedanken an einen anderen Ort, mit einem Verweis auf die Wunden Christi, der uns daran erinnert, dass sie vom Staat in Zusammenarbeit mit der religiösen Obrigkeit zugefügt wurden. Kirche und Staat – eine gefährliche Kombination.“

Ein Jahrzehnt altes Demo

Die Wurzeln von „Resurrection Song“ reichen ein Jahrzehnt zurück, zu einem Demo, das Edge gemeinsam mit Produzent Jackknife Lee aufgenommen hatte. „Ich wollte einen Song, der Auftrieb in seiner DNA trägt“, sagt Edge. „Die Band hat ihn auf ein völlig neues Level gehoben. Larry spielt auf diesem Track einige der besten Drums, die er je aufgenommen hat.“

Auch an „Easter Parade“ feilte die Band ausgiebig. Es begann als „Aufguss älterer U2-Ideen“, bis Bono und Jackknife Lee es in etwas Neues und Frisches formten – wobei die Texte tief spirituell blieben. „Die Frage ist wohl: Warum diese Songs der Transzendenz gerade jetzt?“, fragt Edge. „Unser Gefühl ist, dass unser Publikum genauso hungrig ist wie wir nach etwas, woran man sich festhalten kann in diesen schwierigen Zeiten. Wir schreiben keine Songs, die davor zurückschrecken, eine Welt in ihrem Trauma, ihrer Wut und ihrem Schmerz zu bezeugen – und in diesen spirituelleren Songs bezeugen wir die Quelle der Kraft, die wir gefunden haben, um durch diese Welt zu gehen.“

„Easter Lily“ schließt mit „COEXIST (I Will Bless The Lord At All Times?)“, das eine „Soundscape“ von Brian Eno enthält. „Diesen hier haben wir mit Brian Eno begonnen“, sagt Edge. „Es war Bono, der über diese wunderschönen Akkorde von Brian improvisierte. Bono und Jackknife Lee haben den Track noch einmal aufgegriffen, und wie ein Jazzmusiker hat Bono alles gegeben. Völlig ungezügelt. Ich hatte mit diesem Track sehr wenig zu tun, aber er ist eines meiner liebsten Musikstücke, die wir zuletzt gemacht haben.“

Kein Teil des kommenden Albums

Die zwölf Songs von „Days of Ash“ und „Easter Lily“ werden auf U2s kommendem Album nicht zu hören sein. Und als die Arbeit an der LP begann, gab es noch keine Pläne für vorausgehende EPs. Diese Entscheidungen fielen größtenteils in letzter Minute und erforderten enormen Kraftaufwand. „Ich schlafe im Schnitt zwei Stunden pro Nacht“, sagt Jackknife Lee in einem separaten „Propaganda“-Interview für die kommende Ausgabe. „Und ich habe das Gefühl, auf der Internationalen Raumstation zu leben. Ich habe jedes Zeitgefühl verloren. Es war wirklich intensiv, aber auch sehr aufregend. Es gibt viel auf dem Spiel, und da ist eine nervöse Aufgeregtheit, die ein großartiger kreativer Treibstoff ist.“

Nachdem Larry Mullen Jr. U2s Residency in der Sphere 2023 und 2024 wegen Hals- und Rückenoperationen verpasst hatte, sitzt er nun wieder hinter dem Schlagzeug. „Larry musste aufgrund früherer Verletzungen einen neuen Drumming-Stil erlernen“, sagt Lee, „aber das hat so viele neue Möglichkeiten für ihn eröffnet.“

Einen konkreten Veröffentlichungstermin für das neue Album gibt es bislang nicht. Tourpläne hat die Band ebenfalls noch nicht bekanntgegeben.

Andy Greene schreibt für den ROLLING STONE USA. Hier geht es zum US-Profil