U2: Ist „Days Of Ashes“ das, worauf wir gewartet haben?
Fünf Songs, ein Statement: Die vier Iren leisten Widerstand - mit dem wuchtigsten Sound seit langem
Wie schlimm es um die Welt steht, sieht man daran, dass selbst Bono sie kaum noch ertragen kann. Aber wir wären verdammt, wenn er nichts dagegen unternehmen würde! U2 gehören zu den Musikern, auf die man sich immer verlassen konnte beim Kampf um Gerechtigkeit, Frieden und Freiheit. Insofern hätte es vielleicht gar keine so große Überraschung sein sollen, dass sie am Aschermittwoch plötzlich eine EP rauswerfen, von der vorher niemand eine Ahnung hatte. Und gleichzeitig ist es natürlich eine Sensation, denn wir alle wissen, wie lange Bono, The Edge, Adam Clayton und Larry Mullen Jr. normalerweise im Studio sitzen, um an Songs zu werkeln, bis sie irgendwann endlich damit rausrücken.
Die Dringlichkeit macht „Days Of Ashes“ so beeindruckend
Die offensichtliche Dringlichkeit ist es, die „Days Of Ashes“ so beeindruckend macht. Es sind eigentlich nur fünf Songs, das 77-Sekunden-Spoken-Word-Stück „Wildpeace“ (ein Gedicht von Yehuda Amicai, gelesen von Adeola, untermalt von U2 und Jacknife Lee) nicht mitgerechnet. Fünf Lieder über eine Welt in Trümmern, die wir nur mit sehr viel Mut und Hoffnung wieder zusammenkriegen. Gehen wir es an!
Es beginnt mit einem krachenden Gitarrenakkord und Bonos Verkündung: „You have the right to remain silent… or not…“ Natürlich nicht! „American Obituary“ ist gar kein Nachruf auf Bonos gelobtes Land des Rock’n’Roll, es ist eine Rückeroberung: „I love you more/ Than hate loves war!“ ruft er im Chorus, die Band steht mit all ihrer Wucht hinter ihm. Wie immer. Jacknife Lee baut ihnen eine überlebensgroßen Sound, weil es jetzt mal keine subtilen Details braucht.
Das Lied ist der von ICE ermordeten Renée Nicole Macklin Good gewidmet. Wie ein Mantra wiederholt Bono: „The power of the people is so much stronger than the people in power.“ Es scheint gerade nicht so, doch vielleicht manifestiert es sich, wenn wir es uns nur oft genug wünschen! Hier ist jeder Song ein Statement, jeder Moment eine Feier der Werte, die es hochzuhalten gilt.
Der Tod umweht die Stücke, die Lebendigkeit der Band steht dagegen
Das beste Stück, „The Tears Of Things“, fällt sofort auf, weil aus dem gewaltigen Rahmen. Erst ist vor einer leisen Akustikgitarre nur Bonos Stimme zu hören – angekratzt und doch (oder gerade deshalb) so stark. Er singt Gott an, mal wieder, und beklagt den Zustand der Welt, aber ohne missionarische Gedanken, im Gegenteil: „When people go around talking to God/ It always ends in tears.“ Am Ende, nachdem Michelangelo, Mussolini und andere aufgetaucht sind und der Song sich zu einer atemlosen Eloge steigert, steht die Erkenntnis, dass alle eins sind – und Bono bittet: „Everybody is my people/ Let my people go.“ Gleich danach wirft sich „Song Of The Future“ mächtig ins Zeug – es erzählt von der 16-jährigen Sarina Esmailzadeh, die bei einer Demonstration im Iran starb. Der Tod umweht all diese Stücke, die Lebendigkeit der Band steht im krassen Kontrast dazu.
Den Titel „One Life At A Time“ hatte Bono vorab schon mal verraten, weil ihm die Idee, dass die Welt nur Leben für Leben gerettet werden kann, so gefiel. Sich auf das kleinere Umfeld zu konzentrieren, in dem man etwas erreichen kann, statt am großen Ganzen zu verzweifeln – in diesem Fall der Nahostkonflikt. Inspiriert wurde das Lied vom Mord an einem palästinensischen Aktivisten. Die Ohnmacht in den Griff kriegen, auch darum geht es. U2 leisten Widerstand mit dem, was sie haben – Musik und Worte. Sie werden die Welt oder auch nur die Demokratie vielleicht nicht retten können, aber sie stehen Seite an Seite mit Bruce Springsteen, Billy Bragg und anderen Aufrechten – und wir dürfen uns freuen, dass sie sich nach vorne stellen, statt sich zu verstecken.
In einer anderen Welt wäre „Yours Eternally“ ein Hit
Und dann haben U2 für die Hymne „Yours Eternally“ auch noch Ed Sheeran rumgekriegt. Der habe sich eigentlich gar nicht so explizit politisch äußern wollen, ließ Bono durchblicken, aber sie haben ihn wohl ein bisschen beschummelt. Nun singt auch der Ukrainer Taras Topoli mit. In einer anderen Welt wäre dieser Song sofort ein globaler Hit. Wenn Bono am Ende „Don’t bet/ On getting rid of me/ Yours eternally“ singt, ist das keine Drohung, sondern ein Versprechen. Ihre eindeutig politischen Lieder sind nun in der Welt, für das zum Ende des Jahres erscheinende Album stehen ihnen alle Optionen offen.
Für „Days Of Ashes“ gibt es vier Sterne, es muss ja Luft nach oben bleiben. Im September 2026 wird die Band U2 50 Jahre alt. Das schönste Geschenk haben sie sich jetzt schon selbst gemacht: Sie haben bewiesen, dass sie immer noch für Überraschungen gut sind. Mit ihnen wird es einfach nie langweilig.