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RS-Interview

Udo Lindenberg: „Ein echter Rocker kennt keine Rente“

Ein Nobel-Hotel am Potsdamer Platz. In einer geräumigen Suite wartet Udo Lindenberg auf seine Gesprächspartner, standesgemäß mit Hut und dunkler Kastenbrille. Er wirkt ungemein fit.

Beswingt turnt er während der Unterhaltung auf der Ledercouch herum – kaum Spuren von den in den vergangenen Wochen bereitwillig zum Besten gegebenen Alkohol-­Eskapaden früherer Dekaden. Nebenan logiert seine Entourage, die ihm durch die Schiebetür gelegentlich mit vergessenen Fakten aushilft. Hinten am Tisch diniert ein älterer Herr, der sich später als Michael Gaißmayer vorstellt, ein enger Freund des Hauses und langjähriger künstlerischer Einflüsterer. In einem sentimentalen Moment erinnert sich Gaißmayer an gemeinsame Pop- und Politik-Highlights, etwa den Wahlkampf von SPD-Kanzlerkandidat Willy Brandt im legendären Reichsbahn-­Salonwagen 10205.

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Herr Lindenberg, nachdem Sie in Ihrer Autobiografie „Udo“, auf dem neuen Unplugged-­Album und mit der Retro­box „Das Vermächtnis der Nachtigall, 1983–1998“ ausgiebig auf Ihre Karriere zurückgeblickt haben, möchten wir nun etwas in die Zukunft schauen. 

Kooperation

Gerne. Da geht noch einiges. Wo sollen wir anfangen?

In Hamburg. Auf der Reeperbahn hat Mitte vergangenen Jahres die Panik City eröffnet. Das Fachblatt „absatzwirtschaft“ spricht von einem „digitalen Markenerlebnis“. Eine Art Udo-­Wunderland mit Museums- und Erlebnis-Charakter. Wie läuft’s? 

Die Betreiber sind sehr zufrieden. Das ist ja kein Nostalgieschuppen, sondern auf dem neuesten Stand der Technik. Virtual Reality, interaktives Story­telling und so. Im dortigen Tonstudio kann man mit mir zusammen ganz locker ’n Hit singen. Es gibt aber auch Filmchen aus meiner Jugend und einige von meinen Likörellen (seinen mit ­alkoholischen Getränken gefärbten Male­reien) zu sehen. Volle Wunder­tüte aus Lindanien.

Und dann ist auch noch ein Spielfilm in Arbeit. Eine Art Biopic?

So ähnlich. Die Story endet 1973. Hermine Huntgeburth führt die Regie, Jan ­Bülow spielt den jungen Udo, den es von Gronau an die Elbe zieht. Die alte Bundesrepublik in vollster Blüte. Wird wohl 2020 fertig werden.

Wie erklären Sie sich die Wertschätzung, die Sie gerade bei jüngeren Rappern genießen? Was verbindet Sie? 

Der Umgang mit der deutschen Sprache – jeder auf seine Weise, aber da trifft man sich. Früh mit Freundeskreis und Max Herre. Dann Jan Delay 2008 auf „Stark wie Zwei“. Nun ist mein Alienfreund Marteria dabei. Oder Gentleman als Reggae-­Mann. Das hat sich alles ohne großes Konzept ergeben. Wie in der Kneipe.

Das andere Ende Ihres Duo-Spek­trums ist Maria Furtwängler, die bislang nicht als Rapperin in Erscheinung getreten ist. Wie kam es dazu?

Hat sich bei einem Maskenball ergeben. Maria ist schließlich als Udo gegangen: Hut, enge Hose, grüne Socken. So kamen wir in den gleichen ­Groove. Sie sah sehr komplizenhaft aus, sehr musikalisch, als könnte sie singen. Ich dachte, lass ma’ checken, Agentensong. Den 1988er-­Spion-Thriller „Bist Du vom KGB?“. Eher kein Rap.

Und im Gegenzug sollen Sie nun zu ihr in den „Tatort“? Aber schließlich haben Sie ja schon seinerzeit als Drummer in Klaus Doldingers Combo bei der Erkennungsmelodie mitgewirkt … 

Na ja, bei der ersten Aufnahme der Melodie. Was genau ich in Marias „Tatort“ machen soll, ist noch nicht klar. Vielleicht bin ich ihr kleiner Door-Opener in die Unterwelt, hab ja ’n ganzes Schlüsselbund zum Milieu in der Tasche. Underground-­Berater oder Rock’n’-Roll-Kommissar.

Ihr Tourprogramm führt Sie in die größten Hallen des Landes, teilweise doppelt und dreifach aus­verkauft. Haben Sie nie daran gedacht, kürzer­zutreten?

„Nicht kürzertreten, sondern längere Schuhe anziehen“ ist mein Leitspruch. Ein echter Rocker kennt keine Rente. Wir sind zudem eine Live-­Familie, die seit Jahren zusammen arbeitet, musiziert und feiert. Zwar längst nicht mehr so wild wie früher, aber weiterhin mit voller Kraft. Die Shows sind wie ein gut geölter Motor, der schon zigmal überholt wurde. Für 2019 arbeiten wir an einer Art Revue-Show mit Gästen und Freunden, die sich alle an einer Bühnenbar treffen. Genug Megasongs und nie gesehene Showszenen gibt es ja.

Wie weit haben Sie Ihre Zukunft voraus­geplant?

Da ich mit Kollege Alice Cooper bereits den Club der Hundertjährigen gegründet ­habe, kann das locker noch drei Jahrzehnte weitergehen. Wir müssen halt ­alle schauen, dass uns der Laden nicht politisch auseinanderfliegt. Und dafür lohnt es, sich bis zum Finale zu engagieren. Klimawandel, Plastikmüll, Vernichtung der Regenwälder, da bringen uns weder Trump noch der neue Nationalismus in Europa einen Schritt weiter. 2020 ist der Zweite Weltkrieg 75 Jahre zu Ende, da basteln wir gerade an einer internationalen Nummer. Vielleicht erleben wir ja noch ein vereinigtes Europa.

Aktuell fährt der Zug eher in die andere Richtung. Glauben Sie, dass Popmusik politisch etwas ausrichten kann?

Musik alleine natürlich nicht. Doch sie kann Bewegungen begleiten, unterstützen und die Verhältnisse zum Tanzen bringen. In Chemnitz ist das mit dem „Wir sind mehr“-Konzert ganz gut gelungen, und neulich 300.000 in Berlin. Die Leute müssen selbst auf die Straße. Wir können bloß der Schmierstoff sein.


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