Mit 80 fit wie nie: Udo Lindenberg bekommt GEMA-Ehrenpreis

Der Panikrocker trainiert täglich, inspiriert Generationen und erhält jetzt den GEMA-Sonderpreis. Warum Udo Lindenberg auch mit 80 nicht aufhört.

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Ein Rocker wird 80 Jahre alt und bekommt „props“ von der GEMA. Kein Grund für ihn, sich auf ein Jagdschloss in der Lüneburger Heide zurückzuziehen.

Im siebten Stock des Hamburger Hotel Atlantic kannten einst die Nächte für Udo Lindenberg kein Ende. Eine Ära voller Legenden, die mit Likör und Nikotin geschrieben wurde.

Doch schon seit einiger Zeit dokumentiert die Lokalzeitung „Hamburger Morgenpost“ einen bemerkenswerten Wandel: Der Panikrocker dreht seine Joggingrunden, macht Kraft- und Ausdauertraining. Seine Fitness-Trainerin, die ehemalige Boxweltmeisterin Natalie Zimmermann, berichtet von einem Künstler, der regelmäßig Vorsorgeuntersuchungen wahrnimmt und körperlich so fit sei, dass man im Training gerne mal vergesse, dass er im kommenden Mai 80 Jahre alt wird.

GEMA würdigt Lindenberg mit Sonderpreis Inspiration

Nun bekommt die aus dem westfälischen Gronau stammende Reeperbahn-Legende eine Auszeichnung, die kaum treffender sein könnte. Bei der Verleihung des „Deutschen Musikautor*innenpreis 2026“ würdigt die Verwertungsgesellschaft GEMA Udo Lindenberg mit dem „Sonderpreis Inspiration“, der in zwei Wochen in Berlin an den Meister überreicht wird.

Dr. Ralf Weigand, Vorsitzender des GEMA-Aufsichtsrats, formuliert es so: „Wer sollte das sein in unserer musikalischen Republik, der diesen Sonderpreis Inspiration mehr verdient haben könnte als Udo Lindenberg! Seine rauchige Stimme, der tief in die Stirn gezogene Fedora, Figuren wie ‚Rudi Ratlos‘, der ‚heiße Greis‘, die Reeperbahn, der weite Horizont oder der ‚Sonderzug nach Pankow‘ – all das sind musikalische Bilder, die sich unauslöschlich ins kollektive Gedächtnis eingeschrieben haben.“

In einem vorab veröffentlichten Laudatio-Text heißt es, dass Lindenberg als Songwriter, Performer und Ideengeber seit Jahrzehnten Millionen begeistert und Generationen von Musikern inspiriert. Sein Einfluss reicht weit über Charts und Bühnen hinaus. Mit seinen „locker vom Hocker“-Sprüchen prägt er Sprachbilder. Seit den 1970ern sorgt er für Diskurse und Haltungen zur Rockmusik im deutschen Sprachraum.

„Die Inspiration ist der kreative Funke, die Eingebung, die Er-leuch-tung! Der Moment der Idee. Was kann ein Künstler sich Schöneres wünschen, als für seine Inspiration ausgezeichnet zu werden? Für die Quelle, mit der immer alles anfängt… und die – vielleicht – auch andere inspiriert und motiviert? Dank an die GEMA für die Ehre und Inspiration“, so Lindenberg zur GEMA-Ehrung.

Der Erfinder des Deutschrock

Was heute selbstverständlich klingt, war Anfang der 1970er eine kleine Revolution. Mit dem Album „Alles klar auf der Andrea Doria“ bewies er 1973, dass Rockmusik mit deutschen Texten nicht provinziell klingen muss und nicht wie eine Kopie der Engländer und Amerikaner wirken muss.
Seitdem gilt er als Erfinder des Subgenres „Deutschrock“.

Mit Alben wie „Ball Pompös“, „Panische Nächte“, „Götterhämmerung“ oder „Udopia“ driftete er durch den Popkosmos. Der Song „Sonderzug nach Pankow“ wurde zur deutsch-deutschen Kulturgeschichte. Seine Vision einer „Bunten Republik Deutschland“ war eine friedlich-durchgeknallte Utopie.

Natürlich gab es auch künstlerische Durststrecken. In den Neunzigern mit Grunge und Techno ging er auf Tauchstation. 2008 gelang ihm mit „Stark wie Zwei“ ein fettes Comeback. Die „MTV Unplugged“-Aufnahmen, ausverkaufte Stadiontourneen, Songs wie „Mein Ding“ oder „Durch die schweren Zeiten“ holten ihn zurück in die Zukunft. 2024 gelang ihm gemeinsam mit Ludwigshafen-Rapper Apache 207 ein weiteres Highlight. Die Single „Komet“ stand 21 Wochen auf Platz 1 der deutschen Charts und gilt als erfolgreichster deutschsprachiger Song aller Zeiten.

Mehr als nur Musiker

Der GEMA-Sonderpreis ehrt also nicht nur Mann und Werk, sondern auch eine Haltung. Lindenberg war nie nur Musiker. Er war Impulsgeber, Grenzgänger, Provokateur und auch Versöhner. Er packte politische Statements in Reime, die gegen Rechtsextremismus Position bezogen. Und er trat knuffig-kernig für Toleranz ein – lange bevor diese Haltung auch zu einer Marketing-Masche wurde.

Lindenberg erhält diese Ehrung in einem Lebensabschnitt, in dem sich viele final zur Ruhe setzen. Lindenberg nimmt den Pokal entgegen und trainiert weiter. Mit neuen Songs, neuen Ideen. Schon 2016 erkannte er als Wahrsager seiner selbst: „Einer muss den Job ja machen.“

Ralf Niemczyk schreibt freiberuflich unter anderem für ROLLING STONE. Weitere Artikel und das Autorenprofil gibt es hier.