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Unfrieds Urteil: Grün ist das neue Schwarz – Kretschmanns schwäbische Revolution

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Unfrieds Urteil: Grün ist das neue Schwarz – Kretschmanns schwäbische Revolution

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Auf dem Land traf ich einen Mann, der 50 Jahre lang brav CDU wählte. Ein schwäbischer Autofreund, Fleischesser und Katholik. In erster Ehe verheiratet, was denn auch sonst. Ich fragte ihn, was er denn von seinem CDU-Kandidaten halte, der baden-württembergischer Ministerpräsidenten werden will.

Er sagte: „Wir brauchen keinen neuen Ministerpräsidenten. Wir haben einen guten.“

Zu den politischen Fragen kam es nicht mehr, die diese Landtagswahl Mitte März angeblich entscheiden. Keine Gesamtschule, kein Straßenbau, keine Energiewende, noch nicht mal die Flüchtlingssituation. Der Name des Kandidaten fiel auch nicht. Nur diese Sätze: Wir brauchen keinen. Wir haben einen. Er heißt Winfried Kretschmann und macht das ordentlich. Danke. Ade.

Unfassbar.

„Kretschmann macht das ordentlich“

Zumindest für die CDU Baden-Württemberg. Wo man doch als faktische Staatspartei diesem Bundesland und seinen 10,8 Millionen Einwohnern 58 Jahre Wohlstand und Glück beschert hat.

Unfassbar ist das nach wie vor auch für Teile der Bundes-Grünen. Beide treibt die große Frage um: Wie konnte es soweit kommen? Wo kommen wir hin, wenn rechtmäßige CDU-Wähler die Grünen wählen? Beide verstehen das als Anarchie. Die einen machtpolitisch, die anderen moralisch.

Beide können sich nur mit einem Hilfsgedanken retten. Indem sie behaupten: Der Ministerpräsident sei ja gar kein „richtiger“ Grüner. Die CDU meint das lobend, behauptet aber, er sei eine Ausnahme, und die anderen seien richtige Grüne, also schlimme Ideologen und Moraleiferer. Ein Teil der Bundes-Grünen meint das ganz und gar nicht lobend; sie halten Kretschmann für vom wahren Glauben abgefallen.

Nach Eindruck der baden-württembergischen Mehrheitsgesellschaft – die übrigens nicht nur aus Schwaben, sondern auch aus Badenern, Hohenlohern und anderen besteht – hat Kretschmann jedenfalls auch nicht wie ein Grüner regiert, sondern wie ein Ministerpräsident. Und das ist aus ihrer Sicht ein Lob. Da nützt es auch nichts, wenn die „Frankfurter Allgemeine“ kritisiert, dass es den Grünen-Ministern Franz Untersteller und Alex Bonde gelungen sei, „die Energie- und Agrarwende mit Entschlossenheit voranzutreiben“, ja sogar: „grüne Politik pur umzusetzen“. (Umweltverbände sehen das anders.) Oder dass der Ministerpräsident nicht immer entschlossen gegen „Ideologen“ und „linke Hypermoral“ in seiner grün-roten Regierung eingeschritten sei.

Daimler, Plug-In-Hybrid

70 Prozent der Baden-Württemberger haben laut Umfragen den Eindruck, den auch mein schwäbischer Ex-CDU-Wähler hat: Dass der Kretschmann das ordentlich macht.

Er schafft den Daimler nicht ab. Er fährt Daimler. Plug-In-Hybrid. Ökologische Modernisierung, damit alles bleibt, wie es ist. Und wir auch künftig die Weltmärkte beherrschen.

Weshalb die Spindoktoren im Staatsministerium einen ganz raffinierten Wahlkampf konzipiert haben. Grüne Stimme ist euer Ministerpräsident. Und euer Ministerpräsident ist gut für euer Land. Das versteht auch der größte Schwabenseckel.

Es passt in eine Zeit, in der die Leute sowieso festhalten wollen, was sie haben. Erst recht, wenn es ein Mensch ist, bei dem sie ihr Anliegen in guten Händen wähnen. Sie brauchen keinen neuen. Sie haben doch schon einen. Ist das die Versöhnung des urschwäbischen und des neuen Nachhaltigkeitsdenkens?

Allerdings hat die Regierungskoalition aus Grünen und SPD in den Wahlumfragen nicht annähernd eine Mehrheit. Obwohl die Grünen (2011: 24,2 Prozent) weiter wachsen. Kretschmann und die AfD haben nämlich die SPD geschrumpft. Doch Kretschmann und die AfD schrumpfen auch die CDU.

Im Moment steht es 28:34 gegen den Ministerpräsidenten.

Doch Kretschmann ist ja eben nicht der Mann, der das „Unmögliche schaffen kann“, sondern der Mann, der das Unmögliche 2011 bereits geschafft hat. Beziehungsweise geschehen ließ. Das Land kam ja zu ihm. Obwohl es der CDU gehörte und zu großen Teilen immer noch gehört. Es sieht so aus, als ob man auch dieses Mal mit allem rechnen muss. Womöglich sogar mit einer Kretschmann-Mehrheit. Dann wären die Kretschmann-Grünen die stärkste Partei.

Es wäre der politische Coup des Jahrhunderts.

Schwer zu sagen, ob die bundespolitischen Erschütterungen für die CDU größer wären – oder für die Grünen.

Peter Unfried ist Chefreporter der „taz“ und schreibt jeden Dienstag exklusiv auf rollingstone.de

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  • Keim Otto

    Die CDU hat einen Fehler gemacht mit zwei Auswirkungen: Sie hat nicht die Opposition gegen die linken Projekte der baden-württembergischen Landesregierung (Bildungsplan und Veränderung der Ausbildung der Gymnasiallehrer) angeführt, sondern das anderen überlassen. Das hat zwei Auswirkungen: Erstens konnte der Schein entstehen, Kretschmanns Grüne seien die bessere CDU, deshalb verliert die CDU Wähler an die Grünen, und zweitens haben sich andere als Opposition profiliert (AfD und FDP) und deshalb verliert die CDU auch an diese Partei Stimmen. Manche meinen, Strobl würde es besser gemacht haben – nein, beide Probleme wären bei Strobl noch verschärft worden.