Unknown Mortal Orchestra: Lieber Vater als Sozialversager

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Unknown Mortal Orchestra: Lieber Vater als Sozialversager

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Hört man die Musik des Unknown Mortal Orchestra, merkt man schnell, dass Zeit- und Genregrenzen hier in erster Linie zum Überschreiten da sind: Hardrock-Riffs brechen schlagartig durch folkige Harmonien, das dystopisch anmutende Bläserintro von „Can’t Keep Checking My Phone“ etwa mündet ohne große Vorwarnung in einen discoartigen Funk-Beat. Wo man Curtis Mayfield vermutet, lauert am Ende doch Captain Beefheart – was immer die Siebziger an wirren musikalischen Ausflügen zu bieten hatten, hier wird es zu eklektischen Vier-Minuten-Stücken verdichtet.

Pasta essen, Rotwein trinken und Interviewfragen beantworten

Dass Sänger und Songwriter Ruban Nielson mit sympathischer Gelassenheit gleichzeitig Pasta essen, Rotwein trinken und Interviewfragen beantworten kann, verwundert angesichts des musikalischen Multitaskings nicht im Geringsten. Mit einem „Mach ruhig weiter!“ lehnt er lachend das Angebot ab, eine Pause einzulegen, um erst mal aufzuessen.

Sein Unknown Mortal Orchestra hat sich über die Jahre von einem chaotischen Experiment zu einer wahrlich interessanten Band entwickelt. Wehte auf ihren ersten beiden Platten, „Unknown Mortal Orchestra“ und „II“ , noch ein Lo-Fi-Spirit im Stil der 60er-Jahre durch die Gitarren, holt das neue Werk, „Multi-Love“, noch weiter aus.

https://www.youtube.com/watch?v=JXpDMzT4lzk

James Brown und Led Zeppelin, aber auch „Thriller“ und HipHop

„Ein Ausgangspunkt für die Arbeit am neuen Album war für mich ‚Random Access Memories‘ von Daft Punk“, erklärt Nielson. „Weniger der Klang als die Idee, den Sound einer vergangenen Ära mittels neuer technischer Möglichkeiten wieder lebendig zu machen. Ansonsten sind meine Einflüsse dieselben geblieben: James Brown und Led Zeppelin, aber auch ,Thriller‘ und HipHop. Nur wollte ich diesmal versuchen, das Album wirklich Hi-Fi klingen zu lassen – und nicht wie mit einem Kassettenrekorder aufgenommen.“ Musikalische Verwandte hat die Band mit diesem Ansatz unter anderem in MGMT und Grizzly Bear; Letztere nahmen Nielson und seine beiden Kollegen auch schon mit auf eine Tournee.

Dass die Plattenfirma ihm diesmal sogar „ein Budget“ zur Verfügung stellte, half natürlich beim Vorhaben, die Musik von Unknown Mortal Orchestra klanglich zu erweitern. Trotzdem entstand die neue Platte wie ihre Vorgänger in Nielsons Heimstudio, das auch das Cover von „Multi-Love“ ziert. „Der Aufnahmeprozess an sich war der gleiche, diesmal konnte ich mir allerdings mehr Equipment leisten“, sagt er und wirkt dabei immer noch ein bisschen aufgekratzt, so als würde ihn die Entwicklung seiner Band im Rückblick selbst überraschen.

Damit, dass Musik offiziell sein Job ist, hat er sich inzwischen auch abgefunden: „Es ist jetzt alles etwas fokussierter und entspannter als in der Vergangenheit. Spätestens seit ich Kinder habe, möchte ich auch ein guter Vater sein und kein sozial versagender Künstler, der nur Alben produziert.“

Ruben Nielson (Photo by: PYMCA/UIG via Getty Images)
Ruban Nielson (Photo by: PYMCA/UIG via Getty Images)

Mitte 30 und immer noch „So Good At Being In Trouble“

Wenn Ruban Nielson so vor einem sitzt, wirkt er mit seiner schwarzen Leder-Beanie, seinen lackierten Fingernägeln und seinem Augentattoo, das einen von seinem Kehlkopf aus anschaut, wie ein schüchterner Teenager, der plötzlich erschrocken feststellt, dass er Mitte 30 und immer noch „So Good At Being In Trouble“ ist, wie ein Song auf „II“ heißt. Auch wenn das Touren, wie er versichert, mittlerweile etwas gemäßigter abläuft. Die Familie vermisse er zwar, ansonsten aber seien die Auftritte das, worauf er sich am meisten freue: „Zu sehen, wie meine Musik eine Verbindung zwischen mir und dem Publikum schafft, gibt mir das gute Gefühl, am Ende doch ein produktives Mitglied der Gesellschaft zu sein.“

The Mint Chicks 2009 (Photo by Hannah Peters/Getty Images)
The Mint Chicks 2009 (Photo by Hannah Peters/Getty Images)

Ein Gerücht über die wilden Tage seiner ersten Band, The Mint Chicks, kann er trotzdem bestätigen: „Wir haben tatsächlich mal eine Kettensäge mit auf die Bühne gebracht. Ein Festival in Neuseeland, bei dem wir gespielt haben, hatte diese wahnsinnig hohen Banner auf der Bühne, sodass wir kaum ins Publikum schauen konnten. Als wir im nächsten Jahr noch mal dort spielten, haben wir uns gesagt: Wenn das Banner wieder da ist, besorgen wir uns eine Kettensäge und entsorgen das Ding. Und das haben wir gemacht!“ Da soll noch einer sagen, Nerds wären harmlos.

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