Utopia aus der Steckdose: So war das Donaufestival 2015

E-Mail

Utopia aus der Steckdose: So war das Donaufestival 2015

Facebook Twitter Google+ Whatsapp Email Kommentare
von

„Redefining Arts“  – gleich eine Neudefinition der Künste hat sich das österreichische Donaufestival dieses Jahr auf die programmatischen Fahnen geschrieben: selbstredend ein plakativer wie auch schwer einzulösender Schlachtruf. Kurator Tomas Zierhofer-Kin ging in der Festivalbeschreibung gleich noch ein ganzes Stück weiter: aus der Asche soll ein neues Utopia entstehen, heißt es im Programmheft. Da ist man aus Liebe zum Slogan wohl ein paar Zentimeter übers Ziel hinausgeschossen, aber wie dem auch sei: An zwei Wochenenden gab es im niederösterreichischen Krems an mehreren Veranstaltungsorten multimediale Auftritte und Konzerte. Wir waren am zweiten Wochenende vor Ort, und berichten im folgenden über eine Auswahl an Konzerten. Einen detaillierten Überblick über das Festival gibt es auf der offiziellen Website, www.donaufestival.at.

Nils Frahm (30.4.)

Im zum Bühnenraum umfunktionierten Presbyterium der Kremser Minoritenkirche hat der Pianist und Komponist Nils Frahm sein teils selbstgebautes Setup aufgestellt: eine eigens gefertigte Kirchenorgel, zwei Pianos, eines davon präpariert, Synthesizer, Effektgeräte und ein großes Mischpult als Zentrum. Frahms Auftritt bewegt sich zwischen minimaler Klassik und Elektronik, zwischen klassischer Komposition und Improvisation. Spartanische Etüden und Klaviermeditationen unterlegt Frahm – oft die rechte Hand am Flügel, die linke an der Synth-Klaviatur – mit elektronischen Bässen, Choral-Samples und Beats.

Er sei ein wenig nervös, erzählt er, dass das Setup auch wirklich funktioniere – gerade bei selbstgebautem oder sehr altem Equipment könnte das auf Tour durchaus oft ein Drahtseilakt für die Nerven werden. Die Bedenken stellen sich an dem Abend als unbegründet heraus. Es sind vor allem die Stücke, bei denen sich Frahm auf den Flügel konzentriert, die aus seinem gut einstündigen Set herausstechen: Nach einer Orgel-Improvisation (der Klangraum Kirche will schließlich genutzt werden) lässt Frahm mit einem ebensolchen Pianostück das Publikum erstaunt zurück.

Alva Noto (30.4.)

Das Konzept von visueller Real-Time-Darstellung von Klang in Amplituden- und Diagrammform ist nichts Neues, und leider wirken die Visuals im Falle von Alva Noto alias Carsten Nicolai an diesem Abend auch bemerkenswert altbacken. In Winamp-Ästhetik wird also der visuelle Unterbau zu einem Auftritt präsentiert, der zwar in seiner Industrial-Angriffslust durchaus dynamisch und gefällig, aber auch nicht mehr taufrisch oder richtungsweisend wirkt. Als in der Mitte des Sets dann Cooperate Identities und Kapitalismus-Offenlegung im Zentrum stehen, kommt einem der Eindruck, hier würde Alec Empire gerade „MFG“ von den Fantastischen Vier interpretieren. Manche tanzen trotzdem. Anerkannte Pionierarbeit vergangener Tage kann nach einiger Zeit eben auch durchaus kulinarisch daherkommen.

Scott Matthew (1.5.)

Eine ganz andere musikalische Gangart im Vergleich zum restlichen Line Up bietet Scott Matthew, der bereits zum dritten Mal auf dem Donaufestival auftritt. Aufgrund von Verschiebungen im Ablauf gibt es an diesem Abend  überhaupt ein verlängertes Set des australieren Singer/Songwriters, dem das Publikum spätestens nach dem Whitney-Houston-Cover „I Wanna Dance With Somebody“ regelrecht aus der Hand frisst. Mit Hang zur Melodramatik und Larmoyanz führen Matthew und Band quer durch den sechs Longplayer umfassenden Backkatalog und einige Cover-Songs. Matthew fällt kuratorisch durchaus aus dem Rahmen (das kann man negativ oder positiv sehen), wird vom Publikum aber dankbar aufgenommen.

Arca & Jesse Kanda (1.5.)

Spricht man von Arca, fällt oft die Floskel „Produzent der Stunde“. Das ist auch wenig verwunderlich: neben seiner Arbeit als Co-Produzent für Björks aktuelles Album „Vulnicura“ war Alejandro Ghersi auch an Kanye Wests „Yeezus“ beteiligt, auch mit FKA Twiggs arbeitete er bereits. Sein 2014 erschienenes Debütalbum „Xen“ ist eine sperrige und hochinteressante digitale Collage zwischen Süße, Schwere und Verstörung, Idee und Abbruch. Gemeinsam mit dem Visual Artist Jesse Kanda lotet Arcas Performance an diesem Abend eben jene Pole aus. Symphonisch und ruhelos, eklektisch und überraschend.

Ryoji Ikeda (2.5.)

Ryoji Ikedas Werk dreht sich um Formstrenge und Präzision. Ein einziger Pixel auf der Leinwand dient als visueller Ausgangspunkt der nächsten fünfundvierzig Minuten, in einem sirenenhaften tonalen Anstieg wird erst einmal das klangliche Frequenzspektrum ausgelotet. Mathematische, binäre Progressionen als tonale Reduktion, visuelles wie sonisches Flimmern und Aufflackern von minimalen Klangquellen, verklanglichte Nullen und Einsen, die als Avatare jeweils andere instrumentale Funktionen übernehmen. Ikeda hat für diesen Abend überraschend viel Bassbewegung vorgesehen, eine atemlose dreiviertel Stunde  später verlässt er, freilich wortlos, die Bühne. Ein hochkonzentriertes sowie körperlich spürbares Ausloten von Klang, dessen Intensität an diesem Abend leider von einem sehr gesprächigen Publikum ein wenig getrübt wird. Nichtsdestotrotz einer der Höhepunkte des Festivals.

Autechre (2.5.)

Autechre gehen es dann genau konträr zu Ikedas Performance an: keine Beleuchtung, weder auf der Bühne noch im Publikum, lediglich ein paar rote LEDs vom Bühnenequipment und das Licht der ab und an aufgehenden Saaltüre lassen erahnen, dass hier Rob Brown und Sean Booth auf der Bühne stehen. Polyrhythmische Komplexität, immer wieder scheinbar auftauchende und wieder ertränkte Melodik: Autechres Set ist rasant und komplex, aber streckenweise (für Autechre-Verhältnisse) auch überraschend eingängig. Tanzen – zwar im Dunkeln, aber immerhin Tanzen: vielleicht so etwas wie die Schnittmenge von Performance und Club.

Den Abschluss des Festivals macht Clark. Ein letztes Mal gibt es für dieses Jahr noch Utopia aus der Steckdose, dann geht das Donaufestival 2015 zu Ende und gegen zwei Uhr früh fahren die ersten Shuttlebusse zurück in Richtung Wien.

E-Mail