Nach der Wahl: Verschwende Deine Jugend


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Die Sache ist klar: Laschet hat verloren, Scholz gewonnen. Eigentlich. Die Sache ist aber auch: 75 Prozent haben Scholz nicht gewählt.

Nun gut, Laschet haben noch weniger Menschen gewählt. Er ist ein Verlierer epischen Ausmaßes, der tapfer einen „Regierungsauftrag“ zu erkennen glaubt. Doch den hat er noch weniger als der 25-Prozent-Sieger. Es geht nur zu dritt, und im Falle Union sogar: zu viert. Das ist tricky, aber das neue Normal, wenn sich sieben Parteien im Parlament drängen.

Der gescheiterte Kanzlerkandidat der Union fand das Desaster – also das schlechteste Ergebnis und die höchsten Verluste seiner Partei bei einer Bundestagswahl ever – „nicht schön“. Und Markus Söder, bekannt als Kanzlerkandidat der Herzen, spendet am Wahlabend Trost. „Ihm ist Unrecht getan worden“, sagt er und schrumpft Laschet gleich noch einmal um ein paar Zentimeter. Söder wirkt gönnerhaft in der Parteivorsitzendenrunde nach der „Tagesschau“ und den Hochrechnungen, er sagt, „wir wollen regieren“, gleich zweimal. Und schaut dabei zur Seite, zu Lindner, lächelnd und fast etwas entschuldigend.

Laschet weiß: Wenn er es nicht schafft, eine Regierungskoalition zusammenzuschrauben, wird die CDU ihn schneller fallenlassen als der Koch die heiße Kartoffel. Oder sich vorher doch noch einen anderen Koch suchen. Vielleicht hätte der mehr Chancen bei den umschmeichelten Grünen und Liberalen.

Scholz bleibt scholzhaft ruhig. Es steht ein verheerendes Ergebnis (CDU) gegen ein unwahrscheinliches (SPD). Olaf Scholz hat die SPD aus Umfrageuntiefen auf anderthalb Prozentpunkte oberhalb der CDU geführt. Das hat ihm niemand zugetraut, seinerzeit, als seine Partei ihn auf die Bühne schob, weil sie keinen anderen hatte. Jetzt ist er konzentriert, ist fokussiert, spricht schablonenhaft wie immer, mit dem Hang zum Ambient-Sound. Er weiß: Die Ampel wird kommen, wenn Lindner damit klarkommt.

Der will sich erstmal mit Habeck einigen.

Robert Habeck war der Erste, der direkte Sondierungsgespräche mit der FDP anregte, er hat es in Schleswig-Holstein erfolgreich vorexerziert. Lindner nimmt den Ball auf.

Wird nicht leicht, klar. Eine gemeinsame Idee, eine Überschrift brauchen Grüne und Liberale, etwas, das sie ihren Parteien und ihren Wählern erzählen können. Diese Erzählung muss glaubwürdig sein, für beide, die Ausverkauf-Vorwürfe kommen schnell genug: Gegen die junge Klimaaktivistin Carla Reemtsma wirkt nicht nur Christian Lindner wie ein windiger Day-Trader. Die Fridays-For-Future-Fanatics werden es auch Baerbock und Habeck nicht leicht machen. Vielleicht zu Recht, den Mund hatte sie ganz schön voll genommen, die neue grüne Volkspartei, die Erwartungen an sie waren gewaltig. Weshalb ein sattes Plus von 5 Prozent nur bei der SPD wie ein Triumph wirkt, sich aber bei den Grünen nach Niederlage anfühlt. Die einen kamen eben von ganz unten, die anderen hatten in Umfragen zuvor an der 30-Prozent-Marke gekratzt.

Schwarz-Grün-Gelb unter einem Kanzler Laschet kann man eigentlich niemandem wirklich erklären

Man kann auch sagen: Schwarz-Grün ist gescheitert – die Koalition, die zu Beginn des Jahres nahezu als ausgemacht galt, als ginge es nur darum, ob am Ende Baerbock oder Laschet die Nase vorn hätte. Hat nun aber der, mit dem damals keiner gerechnet hat. Und der wartet ab, was die Grünen und die Gelben ausbaldowern. Denn sie können sich aussuchen, wer unter ihnen Kanzler wird. Und es geht nicht mehr top down. Nicht Scholz lädt zu Gesprächen, Habeck und Lindner, Baerbock und Wissing verabreden sich untereinander. Alle haben Glaubwürdigkeit zu verlieren: Habeck, wenn er sich auf Jamaika einlässt; Lindner, wenn er die Ampel abnickt. Allerdings: Schwarz-Grün-Gelb unter einem Kanzler Laschet kann man eigentlich niemandem wirklich erklären. Der in den Stunden nach der Wahl etwas überstrapazierte Begriff „Regierungsauftrag“ würde arg ad absurdum geführt.

Die Regierungsfrage ist also: Was haben Grüne und Liberale gemeinsam, was könnte dieses unbequeme Bündnis tragen? Wenig, auf den ersten Blick. Bürgerfreiheiten, Digitalisierung, Bildung. Und Cannabis. Anhänger zwischen eifernden Jakobinern und eloquentem Bürgertum. Aber vor allem: Jugend. Beide Parteien haben die jüngsten Wähler, haben die Mehrheit in der Generation U 30. Und die verbindet offenbar Aufbruch und Wandel mit ihnen. Auch wenn in Wahrheit und gesamtgesellschaftlich kein Wandel gewählt wurde, sondern Scholz (und der von Rentnern, nicht von Youngstern, also von der Ü-60-Mehrheit), so könnten doch „jung“ und „Wandel“ zwei Vokabeln sein, aus der die zwei unpassenden Partner die Headline für ihr unfreiwilliges Date bauen.

Keine schlechte Idee für eine überalterte Gesellschaft.

Hätten vielleicht auch Ältere was von. Man muss Jugend ja nicht nur an die Jungen verschwenden.

Peter Gercke picture alliance/dpa/dpa-Zentralbild
Sean Gallup Getty Images