Ville Valo: Glamourös düstere Liebeslieder – der Neuanfang nach H.I.M.


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Auf die Frage, was nun anders ist, antwortet Ville Valo sofort: „Ich muss niemanden mehr um Erlaubnis
fragen!“ Und lacht laut. Zwei Überraschungen in einer Minute: Der finnische Sänger trauert seiner Band H.I.M., die sich 2017 nach 26 Jahren, acht Alben und zehn Millionen verkauften Platten verabschiedet hat, gar nicht hinterher. Und er ist ein lustiger Typ.

Das würde man nicht annehmen, wenn man seine Lieder hört, die sich auch auf seinem Solodebüt, „Neon Noir“, kaum verändert haben: Es geht ständig um die verlorene Liebe und den Tod, alles ist dunkel und traurig, wenngleich auf glamouröse Weise. In der ersten Single, „Loveletting“, heißt es: „Here in my heart an endless sorrow.“ Doch Ville Valo geht es ziemlich gut. Er mag einfach nur keine „happy music“. „Was zu sehr nach Sonnenschein klingt, interessiert mich nicht. Melancholie ist mein Ding, da fühle ich mich zu Hause. Schöne Traurigkeit. Die beste Balance ist eigentlich, wenn Leute zu der Musik tanzen können und gleichzeitig ein paar Tränen vergießen. Im Grunde wie bei Depeche Mode, die tanzen seit Langem auf der Kante zwischen dem Feierlichen und der Finsternis.“

So erklärt sich auch der Albumtitel: „Neon Noir“ spiegelt die scheinbare Widersprüchlichkeit zwischen Licht und Dunkel wider und weist nebenbei auf all die 80er-Jahre-Einflüsse hin, die hier in jedem Keyboard und vielen Melodien stecken. Bei H.I.M. war Ville Valo nicht nur Sänger und Songwriter, er hat sich auch mehr als die anderen ums Geschäft gekümmert – deshalb vermisst er eigentlich nur die Freundschaften, die zum Teil seit der Schule gewachsen waren. Jetzt ist niemand mehr zum Brainstormen und Kritisieren da, und das ist die größte Herausforderung. Nach all der Zeit, glaubt Valo, habe er inzwischen allerdings eine etwas bessere Urteilskraft: „Ich weiß nicht immer, was gut ist, aber ich weiß ziemlich genau, was Mist ist!“ Er besprach sich bei der Auswahl der Songs vor allem mit Produzent Tim Palmer, der das Album gemischt hat – Valo kennt den Briten seit H.I.M.-Zeiten und vertraut ihm, weil seine Bandbreite von Tears For Fears bis Ozzy Osbourne reicht.

Doch im Grunde hat der Sänger das Album allein verantwortet, alle Instrumente selbst gespielt und zu Hause aufgenommen. Dabei sind ihm mal wieder etliche ungewöhnliche Wörter eingefallen – Songs heißen etwa „Echolocate Your Love“, „Salute The Sanguine“ oder „Saturnine Saturnalia“. Einen allzu tiefen Sinn sollte man darin nicht suchen: „Englisch ist ja nicht meine Muttersprache, also ist das für mich ein großes Spielfeld. Und anscheinend wird das ja trotzdem weltweit verstanden, ohne dass man es wirklich kapieren muss. Ich weiß auch bis heute nicht, was manche Nik-Kershaw-Texte bedeuten – die sind für mich wie Black-Metal-Rätsel.“

„Es macht mich demütig, dass ich überhaupt noch da bin und einigermaßen gerade stehe“

Sein Ehrgeiz ist trotz der reduzierten Arbeitsweise ungebrochen. „Wer antritt, will auch gewinnen“, sagt er bestimmt. „Ist so! Wer eine Band gründet, sagt doch nicht: Erfolgreich will ich lieber nicht sein! Wir möchten alle geliebt werden. Ich habe Glück gehabt, ich kann seit 26, 27 Jahren von der Musik leben – das ist gerade in Finnland eine Seltenheit, das macht mich demütig. Dass ich überhaupt noch da bin und einigermaßen gerade stehe. Aber natürlich will ich jetzt noch mehr.“

Die ersten Solokonzerte sind schon ausverkauft, es sieht also gut aus. Vor einigen Jahren hat Valo das Rauchen aufgegeben, um seine Stimme zu bewahren, und getrunken wird zumindest auf Tournee nun viel weniger. Doch sympathischerweise macht er kein Gewese darum: „Nach Konzerten noch Bier trinken und rumschreien funktioniert einfach nicht mehr so gut. Ich vermisse den Rock’n’Roll schon, mit Sex und Drogen ist ja auch nicht mehr so viel los. Mich hat dieses Jim-Morrison-Ding immer verzaubert. Es ist idiotisch und gleichzeitig faszinierend. Momentan will ich allerdings vor allem gut singen, also ist das Feiern nicht so wichtig. Ich teile mir meine Energie ein – allerdings habe ich keine Lust, ein Gesundheitsapostel zu werden. Das nervt.“

Wenn ihm mal langweilig wird, tröstet er sich mit dem Gedanken, dass er ja jederzeit wieder wilder leben könnte: „Es wird immer eine Zigarette geben, die man noch rauchen kann. Einen Abend, an dem man ausrasten kann. Heute darauf zu verzichten heißt ja nicht, dass man das ewig machen muss. Die Party ist nie vorbei, solange man lebt – also kein Grund zur Eile.“