Walpurgisnacht an der Isar: So war Lisa Hannigan im Münchner Ampere


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Kein Wunder, dass Lisa Hannigans zuvor adrett drapierte Frisur nach dem Konzert zwar immer noch in dichten Wellen herabfiel, aber der Anschein des frisch gestriegelten schon nach den ersten zehn Minuten verflogen war. Die irische Sängerin hatte bei ihrem Konzert im Münchner Ampere am 28. April 2012 ihr Haar geschüttelt, als ginge es darum, einen Headbang-Contest auf dem Wacken zu gewinnen. Doch dazu später.

Eigentlich war das Wetter an diesem Samstag viel zu schön, um sich in einen stickigen Konzertsaal zu begeben. Wo man doch am Ufer der Isar, deren blaugrün schäumender Strom aussah, als hätte man ihn eine Runde durch Photoshop gejagt, liegen und grillen hätte können. Schlussendlich war es nur ein Katzensprung vom fließenden Wasser in das Münchner Ampere, und für die Hannigan verzichtet man schon einmal auf laue Frühlingsabende im Freien.

Zu Recht.

Sie tobte, schlug mit einer fast kindlichen Verzückung auf ein Miniatur-Xylophon ein, blies ihre Melodica, als ginge es um ihr Leben – und sie sang. Sie sang mit dieser rauen, eigentlich zarten Stimme, die dennoch transzendent über dem bunt gewobenen Klangteppich aus Keyboard, Gitarre, Schlagzeug, Akkordeon und Bläsern schwebte und das Publikum in ihren Bann zog.

Zunächst einmal muss aber noch Rhob Cunningham erwähnt werden. Der irische Songschreiber begleitet die Sängerin auf den Konzerten im deutschen Raum. So auch im Münchner Ampere. Seine eingängigen Folksongs untermalte er lässig mit den passenden Gesten zu den ironischen Texten, während er, meist nur in Begleitung seiner Gitarre, souverän von der Kopfstimme in bodenlose Tiefen taumelte und wieder zurück. Zwischen den Liedern scherzte er jovial mit dem Publikum und verabschiedete sich schlussendlich halbernst: „I’ll see you later, drunk at the bar.“

Die Hannigan selbst – nicht so gesprächig. Kommentarlos kam sie auf die Bühne, stimmte – noch ohne ihre Begleitband – den Song „Little Bird“ an, während sich der Saal nach der kurzen Pause schnell wieder füllte. Die fünfköpfige Band gesellte sich im Anschluss zu ihr, es ging weiter mit „Pistacio“ vom Debüt „Sea Sew“.  Erst nachdem sie den dritten Song auf der Setlist, den Titelsong ihres Folgewerks „Passenger“, gespielt hatte, begrüßte sie das Publikum kurz mit ihrer tiefen, kratzigen Sprechstimme. Es ist eben die Musik, die für Lisa Hannigan zählt, nicht das Gerede drum herum.

So zauberhaft wie die Alben der Sängerin auch sind, meist sind die darauf zu findenden Songs eher ruhig, gelassen. So war es überraschend, zu welch gewaltigen Schallwellen sich die Stücke live aufbauschten und wie die teils unschuldigen Songs einen solch sinisteren Beigeschmack bekamen, so zum Beispiel „Venn Diagram“, „Flowers“ oder „A Sail“. Bei solchen Gelegenheiten tanzte Lisa Hannigan extatisch mit stampfenden Füßen und fliegender Mähne, als ob sie vorzeitig die Walpurgisnacht feiern wollte. So führte sie mit ihrer Band das Publikum, das mehr und mehr von der Musik verhext wurde, durch den Abend, bis sie sich nach den schnelleren Songs „I Don’t Know“ und „What’ll I Do“, bei denen die Zuhörer auch begeistert mitsangen, zum ersten Mal von der Bühne verabschiedete.

Nachdem der stürmische Applaus eine sichtlich bewegte Lisa Hannigan mit Band auf die Bühne zurück geholt hatte, gedachten sie, Arm in Arm, mit dem The-Band-covern-Joan-Baez-Song „The Night They Drove Old Dixie Down“ einem ihrer Helden, dem verstorbenen Levon Helm. Hannigan wechselte sich mit ihren Bandmitgliedern John Smith und Gavin Glass bei den Strophen ab, während der ganze Saal den Refrain sang. Ein schöner Moment in Andenken des ehemaligen The-Band-Schlagzeugers.

Den Abschluss ihres fast eineinhalbstündigen Sets bildete „Knots“, die erste Single ihres zweiten Albums. Das fulminante Finale eines Konzerts, das viel besser war, als man es sich vorstellen konnte. Die Münchner Luft außerhalb des Amperes war immer noch lau, doch die Isar glitzerte nun nicht mehr grün, sondern verheißungsvoll und schwarz im Licht der Laternen. Als hätte sie den Auftritt der Irin gehört und sich angepasst.

Lisa Hannigan auf www.rollingstone: