Warum Armwrestling plötzlich den Zeitgeist trifft

Armwrestling galt lange als Nischensport. Doch jetzt ist er schlagartig im Zeitgeist angekommen. Warum? Ein Besuch auf dem ersten großen Deutschland-Event des Sports.

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Heute Nacht soll sie also entschieden werden, die große, schon beinahe philosophische Frage, die weit über den bloßen sportlichen Wettkampf hinausreicht. Das anstehende Duell ist also nicht nur ein Duell zwischen zwei Männern, das klassischerweise mit Kraft entschieden wird, es ist ein Duell, das eine Grundsatzfrage stellt: Ist der Geist in der Lage, die physische Logik außer Kraft zu setzen? Können bloße Erfahrung und reiner Wille über die rohe Kraft und die brutale Masse eines überlegenen Körpers triumphieren? Doch von einer Antwort sind wir noch einige Stunden entfernt.

Es ist Samstagabend, 18.30 Uhr, der Himmel ist grau und die Straßen leer. Das ist sie dann wohl, die german Wochenend-Tristesse, gespiegelt in den Pfützen einer mittelgroßen Stadt in der bergischen Provinz. Willkommen in Wuppertal. Es deutet nicht so wirklich viel darauf hin, dass hier in ein paar Stunden ein kleines Stück Sportgeschichte geschrieben werden soll. Aber Wuppertal war ja schon immer eine kleine Stadt, die von großen Dingen geträumt hat.

So ließ man im Jahr 1950 einen Zirkus-Elefanten demonstrativ in die stadteigene Schwebebahn steigen, um die mediale Aufmerksamkeit auf den Zirkus zu lenken. Das mit dem Elefanten hat damals aber nicht so gut geklappt. Tuffi fiel aus der Schwebebahn in die Wupper, aber das mit der Sportgeschichte, das sieht schon etwas besser aus. In der sogenannten Unihalle findet heute die „East vs West 23“ statt. Die erste große Armwrestling-Veranstaltung in Deutschland.

Armwrestling – von der Nische zum Hype

Armwrestling also. Ein Nischensport, der gerade einen unglaublichen Hype erlebt. Formate wie „East vs West“ oder „King of the Table“ erreichen online regelmäßig millionenfache Abrufe, immer wieder gehen einzelne Kämpfe viral und erreichen ein breites Publikum. Gleichzeitig professionalisiert sich die Szene zunehmend, es gibt klar strukturierte Superfights, feste Gewichtsklassen und international vermarktete Stars, die längst über die Szene hinaus Bekanntheit erlangt haben. Was lange als Kneipensport belächelt wurde, ist heute ein global vernetztes Format mit wachsender Zuschauerschaft. Und an diesem Abend kommt es in Deutschland an.

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Es ist 20 Uhr. Die ersten Vorkämpfe sind vorbei. Insgesamt 14 Matches gibt es an diesem Tag. Männer wie Frauen treten gegeneinander an. Die Halle ist nun beinahe komplett gefüllt, 4000 Leute sind gekommen, auch ein auffällig großes Publikum aus dem Ausland, das für dieses Event extra angereist ist. Hotels in der Stadt sind zum Teil komplett ausgebucht. Kein Wunder, die Veranstalter haben groß aufgefahren, das Haupt-Match an diesem Abend wird von Devon Larratt bestreiten.

Devon ist nicht nur die Nummer zwei der Weltrangliste, sondern so etwas wie die lebende Legende dieses Sports, der Mann, der ihn über Jahrzehnte hinweg definiert hat. Devon ist ein spezieller Typ. Er tritt mit falsch herum getragenen T-Shirts auf, mit zerschlissenen Klamotten, wirkt fast wie ein Anti-Star und gilt doch als ein Fels der Szene. Über Jahre war er unbezwingbar. Und dann traf er auf eine neue Generation. Athleten, die den Sport mit einer bis dahin ungekannten Mischung aus Masse, Kraft und Systematik neu definierten.

Die zentrale Erzählung seiner späten Karriere führt direkt zu Levan Saginashvili, einem scheinbar übermächtigen Gegner, mehr Masse als Mensch, an dem sich nun eine ganze Generation misst. Als beide erstmals aufeinandertreffen, wird Devon regelrecht überrollt. Saginashvili verkörpert das neue Armwrestling: mehr Masse, mehr rohe Kraft, dazu eine klinische Präzision, die kaum Raum für Improvisation lässt. Für Devon ist diese Niederlage mehr als ein verlorener Kampf, sie markiert einen Bruch, den Moment, in dem die alte Ordnung sichtbar zerfällt. Seitdem ist jedes seiner Matches auch eine indirekte Antwort auf Saginashvili – der Versuch, zu beweisen, dass sich Erfahrung, Technik und mentale Härte doch noch einmal gegen die scheinbar überlegene Physik behaupten können. Heute Abend wird er gegen Vitaly Laletin antreten. Devon ist mittlerweile 50 Jahre alt. Aber er will sich noch einmal beweisen.

Das Publikum: Echte Kerle und Technik-Nerds

Während leichtbekleidete Nummern-Girls die einzelnen Runden ankündigen, füllt sich die Halle und die Stimmung steigt. In der alten Mehrzweckhalle werden Snickers und Brezeln mit Käse verkauft. Das Publikum ist überwiegend männlich und trotz des spürbaren Testosteron-Spiegels, der in der Halle von Minute zu Minute ansteigt, bleibt die Atmosphäre permanent angenehm. Das Publikum scheint sich in drei klar definierbare Gruppen aufzuteilen.

Da sitzen Männer, denen man anzusehen glaubt, dass sie zum Ausklang des Tages gerne in den Garten gehen, um noch ein gutes, ehrliches Stück Holz zu hacken, sichtbar kraftsportbegeisterte Männer mit Vollbart und Baumfällerhemden, die in Figuren wie Devon Larratt oder Levan Saginashvili rohe Dominanz feiern.

Dann gibt es noch ein junges Social-Media-Segment, das Formate wie „King of the Table“ oder „East vs West“ als komprimiertes Spektakel konsumiert und hier einmal den Live-Event-Charakter auskosten möchte. Und schließlich eine kleinere, aber wachsende Gruppe von leicht nerdigen Technik-Enthusiasten, die weniger auf Kraft als auf Winkel, Hebel und Griffvarianten schaut. Gerade diese Gleichzeitigkeit von archaischem Kraftvergleich, digitaler Verwertbarkeit und taktischer Tiefe macht den Sport für sehr unterschiedliche Milieus anschlussfähig und schafft es, ihn im Zeitgeist zu verankern.

Armwrestling ist längst mehr als ein Kraftsport, Armwrestling funktioniert heute wie ein popkulturelles Format mit erstaunlicher historischer Tiefenschärfe. Spätestens seit Filmen wie „Over the Top“, in denen der Armkampf zur Pathos-Maschine stilisiert wurde, ist die Disziplin Teil eines kulturellen Archivs aus Männlichkeitsfantasien, Aufstiegserzählungen und roher Körperlichkeit. Heute wird dieses Erbe digital weitergeschrieben.

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Plattformen wie YouTube und TikTok verwandeln kurze Duelle in virale Clips, während Formate wie „East vs West“ den Sport als globales Drama inszenieren. Figuren wie Devon sind dabei weniger nur Athleten als vielmehr Rollecharaktere. Was einst nach Hinterzimmer aussah, ist heute näher an Wrestling als an klassischem Sport. Eine Bühne, auf der Kraft zur Erzählung wird. Ein alter Mythos in neuer Form weiterlebt.

Mehr Actionheld als Athlet

Und dann ist es soweit, das Highlight des Abends. Der Moment, auf den alle gewartet haben. Der Hauptkampf beginnt. Devons Gegner an diesem Abend ist Vitaly Laletin, Mitte 30, aus Sibirien. Vitaly steht für eine ganz andere Idee von Armwrestling, er ist kein Lautsprecher, kein Showman, sondern ein nahezu stoischer Athlet, der über seine Physis definiert wird. Überlange Hebel, enorme Reichweite, eine rohe, fast klinische Kraft, die wenig Raum für Improvisation lässt. Hier also der expressive Veteran, der über Erfahrung, Timing und mentale Präsenz arbeitet, dort der physische Archetyp eines Sports, der sich immer stärker in Richtung Masse und Maximalkraft entwickelt. Es ist weniger ein Kampf zweier Männer als ein Aufeinandertreffen zweier Systeme.

Die gesamte Halle kippt von Erwartung in Spannung, als Devon erst auf den beiden übergroßen Leinwänden erscheint und dann in Persona an den Tisch tritt. Die Haare stehen von seiner Halbglatze kranzartig in alle Richtungen ab, der Bart wild, nein, eher verwildert, die ganze Erscheinung mehr Antiheld als Athlet. Aber genau das macht ihn schon beim Betreten der Halle zum Gewinner der Herzen. Der Mann ist ein Actionheld. Devon ist sofort da, laut und präsent, er redet und schreit, als müsse er das Match schon vor dem Start in Bewegung setzen. Die Hände greifen ineinander, der Griff wird gesetzt, ein Zucken – und gleich die erste Irritation: die erste Runde geht verloren, ein kurzer Moment, in dem sich die physische Logik scheinbar bestätigt.

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Aber Devon macht aus dem Duell kein Kräftemessen, sondern ein Zermürben, er zieht, hält, zwingt den Kampf in kleine, unsaubere Winkel, redet weiter, schreit, arbeitet, bleibt laut und insistierend. Die Spannung in der Halle ist greifbar. Und dann gewinnt Devon. Runde für Runde. Am Ende steht ein 4:1 für ihn. Und für einen Moment wirkt es tatsächlich so, als hätte der Geist die Logik des Körpers nicht nur außer Kraft gesetzt, sondern sie widerlegt.

Am sehr späten Abend leert sich die Wuppertaler Unihalle, das Publikum wirkt beinahe euphorisch, als hätten sie nicht nur einen Kampf gesehen, sondern den Beweis dafür, dass sich selbst in einem Sport wie diesem noch etwas verschieben lässt. Draußen wartet wieder die graue, verregnete Tristesse, aber für einen kurzen Augenblick hat sich hier drinnen eine andere Ordnung gezeigt. Eine, in der nicht alles vorherbestimmt ist. Eine, in der es reicht, nicht der Stärkere zu sein. Sondern der, der bleibt.

Die gesamte Veranstaltung lässt sich hier im Pay per View ansehen.

East vs West
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