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Weihnachtsgeschenke: Die besten Musikbücher des Jahres 2016


von

Carrie Brownstein –  Modern Girl. Mein Leben mit Sleater-Kinney

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Eine Frau im Musikbusiness zu sein bedeutet vor allem, darüber zu sprechen, was es heißt, eine Frau im Musikbusiness zu sein, schreibt Carrie Brownstein in ihrer Autobiografie. In den 90er-Jahren besetzte sie mit Sleater-Kinney männliche Rock-Archetypen neu, was nicht ohne endloses Hinterfragen der eigenen Rolle vonstattenging, das weibliche Trio aber auch zu einer der einflussreichsten Indiebands des Jahrzehnts ­machte.

Wie eine Erfolgsgeschichte lesen sich Brownsteins Erinnerungen dennoch kaum. Mit schwarzem Humor (der in der Übersetzung naturgemäß leidet) seziert sie die Diskrepanz zwischen dem High auf der Bühne und dem Tief des Band-Alltags. Die Tourneen sind erschöpfend, das Verhältnis zur Bandkollegin und Exfreundin Corin Tucker kompliziert. „Sehr wenig am Musikerdasein ist glamourös“, bilanziert sie und walzt die ereignislose Tristesse dabei oft etwas zu exzessiv aus. So bleiben denn auch die Schlüsselerlebnisse abseits von Studio und Bühne am meisten haften, etwa Brownsteins Kindheitserinnerungen an ihre magersüchtige Mutter und den verkappt homosexuellen Vater.

Irgendwann hat sich die Familie so dramatisch voneinander entfremdet, dass der einst geliebte Familienhund einfach nur deshalb eingeschläfert wird, weil sich niemand mehr verantwortlich fühlt. „Modern Girl“ ist, neben einem wertvollen Einblick in die Pioniertaten der zweiten Riot-Grrrl-Generation, vor allem eine Therapiesitzung, ein schmerzhaft-ehrliches Aufarbeiten von Ängsten und vermeintlich falschen Abzweigungen.

Wohl auch deshalb lässt Brownstein ihre erfolgreiche Zweitkarriere als Autorin und Schauspielerin der US-Comedyserie „Portlandia“ unerwähnt – diese mag nicht recht ins von Ironie und Selbstzweifeln geprägte Gesamtbild passen.

(Benevento, 24 Euro) Fabian Peltsch

Tom Sheehan Paul Weller: Aim High

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„Paul Weller In Photographs 1978–2015“: Das kann ja nur ein tolles Buch sein, denn die Metamorphosen dieses Mannes, der immer der Inbegriff des Mods bleiben wird, gingen stets mit interessanten Stilwechseln einher. Sogar als 20-Jähriger in Hochwasserhosen, mit den eher unfotogenen Kollegen von The Jam, wirkt Weller schon entschlossen, aus jeder Pose ein Statement zu machen.

Bei The Style Council trägt er mit größtmöglicher Würde Seitenscheitel und Shorts, später drückt sich seine Lässigkeit in rattigen Frisuren und zu viel Sonnenbräune aus. Tom Sheehan zeigt in dem opulenten Bildband auch viele bisher unveröffentlichte Fotos. Im Vorwort erklärt der „Changingman“ selbst, was diese Bilder so besonders macht: „keine Zeit für Affektiertheit oder Anbiederei“.

(Omnibus, ca. 40 Euro) Birgit Fuss

J. C. Gabel/Jessica Hundley  – Beyond the Beyond: Music From The Films Of David Lynch

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Das Unheimliche in den Filmen von David Lynch wird schon seit seinem Regiedebüt, „Eraserhead“, über die akustische Ebene zumindest verstärkt. Heizungen brummen wie Miniaturfabriken, Streichhölzer explodieren mit ohrenbetäubendem Lärm. Auch die Wahl des popkulturellen Soundtracks ist bei Lynch gekonntes Kalkül: Rammstein verdanken ihre Weltkarriere wohl vor allem „Lost Highway“; auch hätte niemand vor „Blue Velvet“ geahnt, was man mit einem Song von Roy Orbison alles anstellen kann. Die Filme von David Lynch, der sich nach eigenen Angaben eher als „sound man“ denn als Bildfinder versteht, muss man vor allem auch hören.

Mit „Beyond The Beyond: Music From The Films Of David Lynch“ widmet sich nun erstmals ein enigmatisch gestalteter Kunstband diesem längst auch akademisch auseinandergerupften Themengebiet. Anlass für die Publikation ist ein Tribute-Konzert, das im vergangenen Jahr mit Musikern wie Donovan, Sky Ferreira, Karen O und Moby zugunsten der Lynch Foundation und als Werbemaßnahme für Lynchs heißgeliebte Transzendentale Meditation stattfand. Davon gibt es auch zahlreiche Bilder zu sehen; des Weiteren sind Interviews mit den Musikern enthalten, die sich vielleicht eine Spur zu brav vor Lynch verneigen.

In dem großzügig mit Film-Stills ausgestatteten Buch werden zudem die ätherischen Kompositionen Angelo Badalamentis als subversive Dekonstruktio­nen des klassischen Hollywood-Scores interpretiert und die wuchtigen Ton­effekte als „industrial soundscapes“ gewürdigt. Ein eigenes Kapitel beschäftigt sich damit, wie facettenreich der Regisseur Popsongs in seinen Filmen einsetzt und wie viel Mühe es gekostet hat, Nicolas Cage in „Wild At Heart“ Elvis Presleys „Love Me Tender“ singen zu lassen.

(Hat & Beard, 37 Euro) Marc Vetter

Arne Reimer – American Jazz Heroes

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Die USA sind mit ihrer ureigensten Sound-DNA oft nachlässig umgegangen – signifikant, dass ein Ausländer dem Erbgut hier ein Denkmal setzt. In seinem zweiten Band über die Jazzhelden hebelt der deutsche Fotograf Arne Reimer die klassische Interviewsituation aus und findet zu den 50 Porträtierten einen tiefenscharfen Zugang, festgehalten in einer Fülle respektvoller, manchmal fast magisch über den Moment hinausweisender Fotos.

Viele der Altstars (Sonny Rollins, Roy Ayers, Ornette Coleman) und unbesungenen Helden (Charlie Persip) besuchte Reimer zu Hause, streifte mit ihnen um den Block, ließ sich Anekdoten statt Chronologie erzählen. Entstanden ist ein intimer Bildband mit herzenswarmen Begegnungen, der am Ende rhapsodisch amerikanische Jazzhistorie zusammenfügt.

(jazz thing, 55 Euro) Stefan Franzen

Phil Collins – Da kommt noch was („Not Dead Yet“)

Da kommt noch was - Not dead yet von Phil Collins
Da kommt noch was – Not dead yet von Phil Collins

Der kleine Phil wollte aus dem Londoner Vorort Hounslow herauskommen. Sein Vater fuhr lebenslang in die Stadt zu einer Versicherungsfirma, rauchte Pfeife, konnte sich nicht an die modernen Zeiten gewöhnen und wandte sich einer Frau zu, die nicht Phils Mutter war. Dass Phil trommelte, gefiel ihm nicht, und als Phil erfolgreich wurde, starb er.

Phil trat der Internatszöglings-Band Genesis bei, die sehr verschwurbelte Musik machte, und war der moderate Clown, bis er merkte, dass er Songs schreiben und singen konnte. Als der schrullige Peter Gabriel die Band verließ, wurde der nicht schrullige Phil der Sänger. Die Internatszöglinge ließen ihn machen. Als er aber nach der Trennung von seiner Frau Andy wie besessen Songs schrieb und erfolgreicher war als seine Band, waren die Internatszöglinge nicht amüsiert. Sie hatten „In The Air Tonight“ nicht haben wollen: „Es hat nur drei Akkorde.“

Bald hatten auch die Stücke von Genesis nicht mehr so viele Akkorde, der kleine Phil schrieb mehr Scheidungssongs, war jetzt weltberühmt, war stolz, produzierte Platten für Eric Clapton, Robert Plant und Frida, war stolz, traf die Queen, sang bei Feiern von Charles und Diana seine Trennungslieder, war stolz, trat bei Live Aid fast zugleich an zwei Orten auf, wurde noch berühmter und von seiner zweiten Frau verlassen, nahm nur noch wenige Platten auf, konnte nicht mehr trommeln und trank sehr viel Alkohol.

„Not Dead Yet“ ist eine entwaffnend drollige Autobiografie, in der Phil Collins sagt: Hey, ich musste immerzu auf Tournee gehen, ich musste immerzu Songs schreiben, ich musste immerzu Platten machen. Und dann kamen Kinder, die Frau war weg, und ich schrieb noch mehr Songs darüber.
Er ist ein putziger kleiner Kerl.

(Heyne, 24,99 Euro) Arne Willander

Greil Marcus – Three Songs, Three Singers, Three Nations.  Amerika in drei Liedern

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Nachdem Greil Marcus sich zuletzt anhand von zehn Songs durch die Geschichte des Rock’n’Roll assoziierte, erzählt er in diesem schmalen Bändchen, das auf einer Vorlesungsreihe aus dem Jahr 2013 beruht, in Reflexionen über drei Lieder von der amerikanischen Identität. Er wählt dafür Bob Dylans „Ballad Of Hollis Brown“, Geeshie Wileys eigenwillig aus Bluesphrasen komponiertes „Last Kind Words Blues“ und den Folksong „I Wish I Was A Mole In The Ground“ in der Interpretation von Bascom Lamar Lunsford.

Ungeachtet ihrer Entstehung scheinen ihm alle drei „urheberlos“, seien sie „wesentliche Gründungsurkunden der amerikanischen Identität“ und „commonplace songs“: „Songs, die gewöhnlich sind und die zugleich wie ­eine Offenbarung wirken. Diese einzigartigen und zugleich vertraut wirkenden Songs kann man als eine Redeweise hören, die ein festes Fundament besitzt und dennoch ständig im Fluss ist.“ Marcus wirft sich in den Fluss dieser Songs, erzählt von ihren Ursprüngen und Hintergründen, geht den Spuren amerikanischer Geschichte nach, die sich in den Zeilen und Phrasierungen der Interpreten finden, zeigt, wie sich ihre Bedeutungen im Kontext ihrer Aufführungen verschieben, und verfolgt ihre Einflüsse auf die amerikanische Musiktradition.

„Jeder Folksong hat über tausend Gesichter, die man alle kennen muss, wenn man solche Musik spielen will“, zitiert er seinen wichtigsten Gewährsmann, Bob Dylan. „Ein Folksong kann in der Bedeutung variieren und sich von einem Moment zum anderen verändern. Das hängt davon ab, wer ihn spielt und wer zuhört.“ Und so handelt dieses Buch am Ende von weitaus mehr als drei Songs und von einer Identität, die zusammengesetzt ist aus vielen Texten in vielen Sprachen.

(Wilhelm Fink, 24,90 Euro) Maik Brüggemeyer

Hier geht’s weiter:

Benevento
Omnibus
Hat & Beard Pr
Jazz Thing
Heyne / Randomhouse
Wilhelm Fink Verlag


Hobby-Produzenten aufgepasst: Alles, was Ihr über GEMA-freie Musik wissen müsst

Dieser Beitrag wurde ursprünglich auf musikexpress.de veröffentlicht Nie war es einfacher, selbst kre ativ zu werden. Die Entwicklung von Programmen wie „GarageBand“, „DaVinci“, „Audacity“, „Windows Movie Maker“ und „Hindenburg“ hat dafür gesorgt, dass Hobby-Produzenten inzwischen komplett ohne (oder nur mit geringem) finanziellen Aufwand und Know-How eigene Filme, Radioshows, Songs und Podcasts entwickeln können, die mit ein wenig Übung fast schon professionell daherkommen. Spätestens beim Sampling oder der musikalischen Untermalung solcher Werke stoßen viele Möchtegern-Tarantinos und -Aviciis dann aber an ihre kreativen Grenzen. Zwar ist die Auswahl potenzieller Soundtracks schier unbegrenzt, aber darf man sich daran denn einfach so bedienen? Für…
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