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Wes Anderson im Interview: Bono statt Marx


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Es gibt keinen Grund, warum US-Filmregisseure nicht auch Stilikonen sein könnten – obwohl einem spontan kaum einer einfällt: Lynch, Waters, Hitchcock vielleicht, aber der war Brite. Umso brillanter strahlt an diesem Londoner Morgen der ockerfarbene Cord, in den Wes Anderson praktisch komplett gekleidet ist. Anderson, 42, Texaner, einer der derzeit besten und stilbildendsten Filmemacher Amerikas, trägt zum Anzug farblich passende Wallabee-Schuhe und einen babyblauen Kaschmirpulli, sieht unglaublich gut aus und hat eine noch bessere Begründung dafür. „Ich bestelle bei meinem Schneider immer mehrere Anzüge auf einmal“, sagt er, minimal peinlich berührt. „Man spart so viel Zeit, wenn man jeden Tag die gleichen Sachen trägt und nie nachdenken muss, was man anzieht.“ Was auf paradoxe Art gleich noch die Frage beantwortet, warum Regisseure so selten Stilikonen sind. Außer sie haben Andersons Schneider.

Für ungeheuer farb-, form- und symmetriebewusste Filme ist er ja auch bekannt, „Rushmore“, „Die Royal Tenenbaums“ oder „Darjeeling Limited“, zuletzt das atemberaubende Puppentheater „Der fantastische Mr. Fox“. Filme, die trotzdem vor allem für ihre Charaktere und Geschichten geliebt werden, die desorientierten jungen Männer, depressiven schönen Frauen, komischen Puppenhaus-Familien, für den literarischen Ton, die gute Musik. Wes Andersons neues Werk „Moonrise Kingdom“ (deutscher Kinostart: 24. Mai) hat zwei zwölfjährige Helden, einen Jungen und ein Mädchen, die gemeinsam von zu Hause weglaufen und auf einer kleinen Insel vor der neuenglischen Küste eine irre Verfolgungsjagd lostreten. Edward Norton als Pfadfinderführer, Bruce Willis als Inselpolizist und Bill Murray als Vater des Mädchens begeben sich auf die Spur der Ausreißer, eine Mischung aus Gefängnisflucht- und Katastrophenfilm, auf Anderson-Art natürlich. Die Krönung: „Moonrise Kingdom“ wird am 16. Mai die diesjährigen Filmfestspiele in Cannes eröffnen. Für Anderson eine Ehre, die er noch gar nicht richtig einzuordnen weiß.

Mister Anderson, was haben Sie gedacht, als Sie hörten, dass ihr Film das Cannes-Festival eröffnen wird?



Japanischer City Pop der 1980er: Tanzen zu den schönsten Erinnerungen, die wir nie hatten

Im Zusammenhang mit dem Genre City Pop tauchte Nostalgie bislang eher selten auf, zumindest in Japan nicht – dort ist der seit den frühen 1980er-Jahren geläufige Musikstil noch immer präsent. Nostalgie hebt man sich ja meistens für Erinnerungen auf, die unwiederholbar sind. Die City-Pop-Protagonisten, wie Tatsuro „Tats“ Yamashita, Mariya Takeuchi oder Anri, natürlich auch die Yellow-Magic-Orchestra-Gründer Ryuichi Sakamoto und Haruomi Hosono, werden auf der Insel jedoch wie Nationalheilige verehrt, ihr Werk gilt als noch nicht abgeschlossen. Die Sehnsucht nach Nostalgie steckt in jedem Menschen. Im Zeitalter permanenter digitaler Verfügbarkeit unserer Kulturerzeugnisse werden der seligen, verklärten Erinnerung jedoch Steine in den…
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