Willander Sieht Fern

Wilander Sieht Fern: Leiden lernen

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Giuseppe Nigro, genannt Pepe, ist 42 Jahre alt, Tätowierer und Vater zweier Kinder, für die er keinen Unterhalt zahlt. Er wohnt in der Gemeinde Steinen bei Lörrach. Sein Laden heißt „Tattoo Leonardo“ und ist eine Unterabteilung des Sonnenstudios des Schweizers Heinz und seiner Frau Angela, die Tätowierungen und Pepe mögen. Pepe hat Schulden, er hat keine Krankenversicherung, er zahlt keine Steuern. Aber er hat ein Geschäft. Und er hat eine Freundin, die Justine Schulz heißt, 22 ist und ein Kind von ihm erwartet. Sie wollen bald heiraten. Aber da sind die Schulden. Die Sozialberatung hat gesagt, dass Heiraten jetzt keine gute Idee sei. Sie heiraten.

Aus dem Off hören wir: „Seine Schulden verschwieg er der 22-Jährigen – genauso sein Alter.“ Jetzt weiß sie, wie alt er ist. Justine wollte seinen Kram ordnen, sie heftete einige Papiere, die herumlagen, in eine Akte. Auftritt Peter Zwegat. Er sieht aus, wie man sich einen Schuldnerberater vorstellt: schlank, gramgebeugt, drahtige Resthaare, Mitte 60, alles in allem grau, die Aktentasche schwarz. Er kennt das Elend der Welt. „Raus aus den Schulden“ mag für den Zuschauer wie Elendspornografie sein – für Zwegat ist es bloß Alltag. Er fragt Pepe, weshalb er ihn gerufen hat. „Ich brauch’ einen, der mir auf die Schnauze haut“, sagt der Tätowierer, der wie ein Italiener spricht, der versucht, Schwäbisch zu reden. „Ich weiß alles, mach’s aber net. Ich tätowier’ nur und mach’ die Leute glücklich.“

Glück ist ein großes Thema für ihn. Seine Kinder sind sein Glück, wenn sie auch bei der Mutter leben. „Sie sind alles – Leben, Familie, mir fehlen die Wörter“, sagt er. Er verdrückt einige Tränen. „Nach eigenen Angaben litt er sehr unter seiner Exfreundin“, hören wir aus dem Off. Möglicherweise leidet seine Exfreundin noch immer sehr unter Pepe. Jetzt kommt noch ein Kind, das dann bei ihm leben wird, solange Justine bei ihm lebt. „Ich bin kein Bürohengst – oder, wie man so schön sagt: Ich bin mehr der Praktiker.“ Der Praktiker ist in der Weltgeschichte die Schwundstufe des Künstlers. Pepe und Justine haben praktisch bei jedem Besuch Zwegats eine andere Frisur und eine andere Farbe im Haar: Blau, Rot, Lila. Sie sollten einen Friseur- salon eröffnen.

Pepes Gönnerin Angela lobt: „Er steht zu seinem Mist.“ Justine (Zwegat sagt „Dschastin“) möchte ein Nagelstudio eröffnen – sie war Altenpflegerin, aber „es ging psychisch nicht mehr“. Und da steht es auch schon am Fenster: „Justine‘s Nagelstudio“. Zwegat sagt: „Sie möchte sich ein paar Taler fünfzig damit verdienen. Hätte ich das gewusst, könnte ich schon die Fingernägel schön rot und schön lang haben.“ Peter Zwegat ahnt, worum es bei einem Nagelstudio geht.

Angela, die vielleicht in Pepe verliebt ist, sagt, dass sie ihm vertraut. „Vertrauen ist der Anfang von allem“, sagt Zwegat. Er sagt nicht, was das Ende ist. Die Tafel ist aufgebaut, auf die er immer mit einem großen Filzstift die Schulden schreibt. Es gibt keine Buchführung bei Pepe, aber es gibt die Barmer Ersatzkasse, die monatlich 660 Euro veranschlagt, die Pepe nicht bezahlt. „Brutal“, sagt er jetzt. „Kann das so sein?“ Zwegat sagt: „Ich kenne Sie nicht. Klingt für mich so, als hätten Sie sich da vielleicht lange nicht gemeldet.“ Er ahnt: „Kann sein, dass da noch die eine oder andere Kiepe fällig wird.“

Und die eine oder andere Kiepe wird fällig. „Es gibt Schwierigkeiten mit allen Ämtern der Welt“, sagt Zwegat zwei Wochen später. „Ich werd’ mir Stück für Stück immer bewusster, dass die Kacke am Dampfen ist“, sagt Pepe mit ganz blauen Augen. „Die dampft nicht nur – sie fängt an zu qualmen“, sagt Zwegat. Weil er ohne Führerschein gefahren ist, muss Pepe 750 Euro zahlen. Er einigt sich mit dem Gerichtsvollzieher auf Ratenzahlung, sonst müsste er ins Gefängnis. Alles gut. „Es war ja kurz vor Schluss, ich meine: kurz vor knapp, sag’ ich mal“, freut er sich.

Peter Zwegat holt das berühmte Tattoo-Model Lexy Hell, die Pepes Laden inspizieren soll. Pepe erkennt sie nicht. Lexy sagt, dass Pepe gut tätowieren könne, aber er sei kein Geschäftsmann. Zwegat wartet auf die Unterlagen über Umsätze. Er wartet zwei Wochen. Dann kommen zwei handschriftliche Blätter mit ausgedachten Zahlen. Zwegat fährt nach Steinen, seine Geduld ist aufgebraucht. „Sie schicken mir Klopapier mit Krakeln drauf. Wer soll Ihnen denn diese Scheiße glauben?“ Hinter Pepe hängt ein Regal mit Farbflaschen, in das Buchstaben graviert sind: „Die Lebenskunst der Klöster“. Pepe sagt: „Wir haben viel zu spät damit angefangen – das liegt einfach daran, dass wir viel zu spät damit angefangen haben.“ Peter Zwegat verlässt „Tattoo Leonardo“, nimmt eine Zigarette aus der Schachtel und geht säbelbeinig die Straße hinunter. „Lerne leiden, ohne zu klagen“, sagt er.

Aus dem Off hören wir: „Leider liegen dem Finanzamt auch zwei Monate nach Peter Zwegats letztem Besuch keine Zahlen vor.“

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