WM-Songs der Schrecken: Kultige Klassiker und peinliche Flops
WM-Songs seit 1990: Warum Giorgio Moroder, Stefan Raab und Pitbull so unterschiedlich funktionierten. Liest hier die verrückteste Hymnen-Kollektion der Fußball-Welt.
„Un’estate italiana“ von 1990 war der erste offizielle WM-Song der FIFA. Die Komposition übernahm die italienische Disco-Legende Giorgio Moroder; Edoardo Bennato und Gianna Nannini standen zwischen Turin und Neapel auf der Bühne. Vorher und nachher sind ungezählte Tracks von Nationalteams und TV-Anstalten entstanden. Ein Wust aus Pathos und Stimmungsgebolze.
Village People: „Far Away in America“ (1994, USA)
Mit diesem Song war das Ende der „singenden Nationalmannschaft“ besiegelt. Kurz vor der ersten USA-WM ging das Team um Bundestrainer Berti Vogts noch ein letztes Mal ins Studio – und zwar mit der alternden Party-Truppe Village People („YMCA“). „Far Away in America“ hat Ohrwurm-Potenzial mit dem Holzhammer und war letztlich kaum erfolgreicher als das DFB-Team, das im Viertelfinale gegen Bulgarien ausschied.
Peter Alexander feat. Deutsche Nationalmannschaft: „Mexico, Mi Amor“ (1986, Mexiko)
Angeblich ein Kult-Hit. Technisch der offizielle deutsche WM-Schlager. Komposition und Text stammen von Altmeister Ralph Siegel und Texter Bernd Meinunger. Der überaus beliebte Showmaster und Sänger Peter Alexander gab den Faxen-Mann. Im Clip wirkte Lothar Matthäus unter seinem Sombrero nicht unbedingt glücklich. Immerhin ein tolles Trash-Fundstück.
Stefan Raab: „Böörti Böörti Vogts“ (1994, USA)
Noch einmal 1994, diesmal mit der Stinkefinger-Affäre um Stefan Effenberg. Nach Provokationen durch eigene Fans im Spiel gegen Südkorea zeigte Hitzekopf Effenberg dem Publikum den ausgestreckten Mittelfinger. Bundestrainer Vogts warf ihn daraufhin aus dem Kader. Der Song ist typischer Privatsender-Humor mit blödelndem Refrain – eine Ode an den spröden Bundes-Berti, halb liebevoll, halb gemein. Typ: Schenkelklopfer-Schlager.
Udo Jürgens: „Buenos Dias Argentina“ (1978, Argentinien)
Der Track zur Militärdiktatur-WM. Ausnahmemusiker Udo Jürgens erhielt hier erstmals den Auftrag zur musikalischen Federführung. Die gemeinsam mit dem Nationalteam eingespielte Schunkelnummer ist dem Mainstream-Geschmack der alten Bundesrepublik geschuldet – ein Südamerika-Abenteuer als Gaucho-Ballade. Zur Wiedervereingungs-WM in Italien 1990 dann noch einmal Jürgens, mit der unvergesslichen Strophe „Wir sind schon auf dem Brenner“.
Pitbull feat. Jennifer Lopez: „We Are One (Ole Ola)“ (2014, Brasilien)
Brasilien stolperte bei seiner Heim-WM bemerkenswert ungelenk durch das Turnier. Bereits die Eröffnungsshow im noch nicht fertiggestellten Stadion von São Paulo ließ Böses ahnen. In knallengen weißen Hosen performte der kubanischstämmige Rapper Pitbull (bürgerlich: Armando Christian Pérez) aus Miami den offiziellen WM-Song gemeinsam mit Jennifer Lopez – eine merkwürdig steife Samba-Kreation.
Nicky Jam feat. Will Smith & Era Istrefi: „Live It Up“ (2018, Russland)
Die offizielle FIFA-Hymne als gewaltiger Schuss in den Ofen. Man kaufte eine Starbesetzung zusammen, die auf Spektakel getrimmt war. Reggaeton-Performer Nicky Jam alias Nick Rivera Caminero startete letztlich nicht richtig durch; die Unterstützung von Will Smith und Era Istrefi war eher für die Galerie. Stimmung aus dem Thermomix.
Anastacia: „Boom“ (2002, Japan und Südkorea)
Bei der FIFA herrschte schon damals Ideennotstand. So schaffte es eine vergessene B-Seite eines früheren Albums von Soul-Rock-Röhre Anastacia zum offiziellen Track des Weltverbandes. „Boom“ hat keinen erkennbaren Bezug zum Fußball; im Video wurden einige Stadion-Archivsequenzen eingefügt. Ein kraftloses, lauwarmes Lied, an das sich nur noch Worldcup-Supernerds erinnern.
Primal Scream feat. Irvine Welsh: „The Big Man and the Scream Team Meet the Barmy Army Uptown“ (EM 1996, England / WM 1998, Frankreich)
Eine inoffizielle Avantgarde-Hymne, entstanden in Zusammenarbeit mit Bestseller-Autor Irvine Welsh („Trainspotting“), ursprünglich zur EM 1996. Ihre seltsame Anti-Magie wirkte bei der WM 1998 in Frankreich weiter. Der Song vereint Fußballgesänge mit holprigem Dance-Rock der Band um Bobby Gillespie. Ansonsten sind Tracks von Primal Scream – allen voran „Movin’ On Up“ – fester Bestandteil der Playlists der Tartan Army. Den 2026er-Song übernehmen Belle & Sebastian mit „It Only Takes One Lion“ – ein Seitenhieb auf die „Three Lions“.
Ant & Dec: „On The Ball“ (2002, Japan und Südkorea)
Ein bizarres Fundstück aus dem Archiv der offiziellen WM-Songs des englischen Nationalteams. Das Comedy- und Moderatoren-Duo Anthony McPartlin und Declan Donnelly haut unerbittlich Rap-Reime heraus, als wären sie Chefcoach Sven-Göran Eriksson und Assistent Tord Grip. Das wohl missglückteste Klon-Experiment des britischen Fernsehens im WM-Kontext.
Uwu Lena: „Schland O Schland“ (2010, Südafrika)
Eine weitere deutsche Kuriosität. Kurz vor der ersten WM auf afrikanischem Boden gewann Lena Meyer-Landrut mit „Satellite“ – fünf Tage nach ihrem 19. Geburtstag – den Eurovision Song Contest (ESC). Grund genug für eine achtköpfige Crew aus Münster, den Meyer-Landrut-Hype für den Fußball zu adaptieren. Ein Schnellschuss, der weit über die Querlatte ging. Westfälischer Nicht-Humor.