Wörtersee – Der Bachmann-Blog I


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Man hätte sich Trost holen können bei Sibylle Lewitscharoff. Denn während das deutsche Nationalteam müde gegen Ghana kickte, sinnierte die Autorin in ihrer Klagenfurter Rede zur Eröffnung der 34. Tage der deutschsprachigen Literatur über die charakterbildenden Qualitäten der Niederlage. Die Hälfte des Literaturbetriebs blieb dieser Veranstaltung allerdings fern, schaute Jogis Jungs in Biergärten, auf Marktplätzen oder in der Kantine des ORF, wo ein paar gutmütige Techniker ein Erbarmen hatten und einen Fernseher anmachten (dazu braucht es in der Alpenrepublik tatsächlich einen Techniker – oder besser: einen Herrn Techniker), beim Gewinnen zu. Nur in der Halbzeitpause konnte man der Autorin lauschen, die an diesem Abend ausschaute wie eine Mischung aus Diego Maradona, Elfriede Jelinek und einem gutmütigen Pinguin. Und das tat man, weil man ja noch nicht wissen konnte, dass alles gut ausgehen würde.

„Generell sind Schriftsteller Chimärenkünstler der Niederlage und nicht des Sieges. Ein Schriftsteller, der von Triumph zu Triumph forttaumelte, wäre eine zutiefst alberne Figur. Schriftsteller verwandeln Niederlagen – Kränkungen des Leibes, schmachvolle Liebesabweisungen, düstere Herkünfte, Geldmangel, eine Unbehaustheit in der modernen Welt und wer weiß was noch alles – in sublime ästhetische Gewinnste.“

Dann zweite Halbzeit. Dann Buffet. Da waren dann alle wieder da. Der Vorsitzende der Jury, Burkhard Spinnen, hoffte, im Achtelfinale gegen England „endlich mal ein richtiges Fußballspiel“ zu sehen. Doch auch die Literatur kam nun zu ihrem Recht.

Erste Tipps über den Ausgang des Wettbewerbs machten die Runde, Autoren beäugten misstrauisch Juroren, Juroren schauten fürs Erste freundlich zurück. Das könnte sich aber schon heute bei den ersten Lesungen ändern. Zumindest die Autoren, die Lewitscharoffs Rede dem Fußballspiel vorzogen, werden damit umgehen können.

Maik Brüggemeyer

Infos zum Preis und zur Veranstaltung findet man hier.

Die vollständige Rede von Sibylle Lewitscharoff gibt es hier.