Zum 20. Jubiläum von „Kids“: Der kontroverseste Film der 90er

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Zum 20. Jubiläum von „Kids“: Der kontroverseste Film der 90er

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Als „Kids“ vor 20 Jahren auf die Leinwand kam, war sein Regisseur Larry Clark schon berühmt und vor allem berüchtigt. Seine Bilder von Heroin spritzenden und mit Gewaltposen experimentierenden Jugendlichen aus Tulsa, Oklahoma, gingen um die Welt. Mit „Kids“ traf der heute 72-Jährige den Nerv der Zeit: Rau und unpoliert wie selten zuvor, angetrieben von einer erschütternd verlotterten und aufs Wesentliche simplifizierten Sprache seiner Protagonisten, die keinen Filter kannte und deswegen als authentisch gefeiert (oder zynisch verspottet) wurde, zeigte der Film Teenager beim Teenagersein.

Es lief Hip Hop, es wurde Skateboard gefahren, dauernd wurde irgendwo gefeiert – und Drogen gehörten ebenso selbstverständlich dazu wie hemmungsloser und eben auch ungeschützter Sex.

Authentische Schauspieler

Mit Chloë Sevigny, Leo Fitzpatrick, Justin Pierce, Harold Hunter, Jeff Pang, Rosario Dawson und Javier Nunez standen viele Typen vor der Kamera, die schon vor „Kids“ in ihrer Heimatstadt New York irgendwie zu Berühmtheit gelangt waren (freilich nicht als Schauspieler) und mehr oder weniger sich selbst spielten.

„Kids“ löste auch deswegen geradezu existenzielle Ängste bei den Zuschauern aus, weil das Thema Aids so schonungslos geschildert wurde. Die Darstellung – und Thematisierung – von ungeschütztem Sex kulminiert im Film in der Erkenntnis, dass der 16-jährige Telly (gespielt von Leo Fitzpatrick, später auch in „The Wire“ zu sehen), der als Hobby Jungfrauen verführt, sich mit dem dem HI-Virus angesteckt hat und davon bisher noch nichts wußte. Erst ein Test, dem sich die ebenfalls 16-jährige Jenny (Chloë Sevigny) unterzieht, die von Telly auch entjungfert wurde, bringt tragische Gewissheit. Wie benommen irrt das Mädchen durch New York, um Telly ausfindig zu machen, nur um auf einer Party zu sehen, dass er schon beim nächsten Mädchen „Erfolg“ hatte.

„Gott, Jesus – was ist passiert?“

Kaum ein Bild hätte schockierender den fatalistischen Hedonismus einer ganzen Generation zum Ausdruck bringen können als die Schlusssequenz von „Kids“: Hier wird Jenny, benommen von Drogen und immer noch gequält von der Gewissheit, mit HIV angesteckt worden zu sein, von Tellys Kumpel Casper (Justin Pierce, der sich 2000 das Leben nahm) vergewaltigt. Höchstwahrscheinlich hat auch er sich nun das tödliche Virus eingefangen. Die Sonne erstrahlt über der Metropole, weckt die Jugendlichen aus ihrem Schlaf. Noch müde blickt Casper in die Kamera und murmelt leise: „Gott, Jesus – was ist passiert?“

Heute, mit dem Abstand von zwei Dekaden, wirkt „Kids“ weitaus weniger schockierend als noch 1995 und ist längst zum Arthouse-Klassiker gereift. Drehbuchautor Harmony Korine, der das Script 1993 im Alter von nur 18 Jahren verfasste, drehte mit „Gummo“ und zuletzt mit „Spring Breakers“ weitaus radikalere Streifen, die sich ebenso mit Langeweile, Sinnlosigkeit und Exzess auseinandersetzen.

Clark, dessen Ästhetik Schule machte und schließlich von Fotografen wie Nan Goldin und Filmemachern wie Gus Van Sant wesentlich subtiler fortgeführt wurde, drehte mit „Bully“ und „Ken Park“ noch weitere Teenager-Reißer, die sein geradezu unvoreingenommenes und zuweilen maßloses Interesse für die Insignien amerikanischer Jugendkultur ausstellten. Sein größtes Verdienst mag wohl die Entdeckung vieler hinreißender und ausdrucksstarker weiblicher Schauspielerinnen sein – von Chloë Sevigny über Rachel Miner bis hin zu Tiffany Limos.

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