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Die 111 besten deutschen Songs: DAF – „Ich und die Wirklichkeit“

Seit der Aufdeckung von PRISM ist es um die deutsch-amerikanische Freundschaft nicht unbedingt zum Besten bestellt. Man könnte jedoch meinen, die gleichnamige Band habe schon vor mehr als 30 Jahren beschrieben, wie sich der Whistleblower Edward Snowden im Transitbereich des Moskauer Flughafens gefühlt haben mag: gefangen in einer unwirklichen Zwischenwelt, abgeschnitten vom Hier und Jetzt.

„Ich und die Wirklichkeit“ ist eine Lektion in Sachen Spannungsaufbau: der schleppende Rhythmus, der sich mählich steigert, die schneidende Gitarre, der exaltierte Gesang, der ins leicht Hysterische kippt. Dass „die Wirklichkeit kommt“, als wäre sie jemals woanders, macht sie so bedrohlich, beinahe körperlich spürbar. Kein Wunder also, dass sich dieses Ich, das über ein zweites Ich zu verfügen scheint, „so seltsam“ fühlt.

DAF
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Stilistisch unterscheidet sich der Song deutlich vom später für DAF so typischen treibenden Sequencer-Sound, zu dem schöne, junge und starke Menschen den Adolf Hitler, den Mussolini oder auch den Jesus Christus tanzten. Die Reduktion auf das Wesentliche ist hier jedoch bereits angelegt. Zu einer weiteren Verfeinerung der Kunst des Weglassens sollten die beiden Frontmänner Gabi Delgado-López und Robert Görl, die wechselweise mit Lederschwulen- oder Skinhead-Images kokettierten, im Sinne der Electronic Body Music bald gelangen.

Dass die seither mehrfach aufgelöste und wiedervereinigte Combo einst aus dem Punk-Umfeld des Ratinger Hofs in Düsseldorf hervorgegangen war, war ihr binnen Kurzem jedenfalls nicht mehr anzuhören. Bei „Ich und die Wirklichkeit“ dagegen bleibt dieser Ursprung hörbar. Das mittelprächtige Comeback mit „Fünfzehn neue DAF-Lieder“ zeigte allerdings: Auch den, der seine Jugend verschwendet und sich nimmt, was er will, holt die Wirklichkeit irgendwann ein.

DAF: Ich und die Wirklichkeit

Autopilotmusic

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