Ace of Base: Jenny Berggren und Ulf Ekberg im ROLLING-STONE-Interview

Ace of Base im Gespräch über Aufstieg, Ruhm, Konflikte und die Geister der Vergangenheit.

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Die Geschichte der schwedischen Popband Ace of Base, die Anfang der 1990er-Jahre zu Weltstars aufstiegen, ist eine widersprüchliche. Da wären zunächst die Erfolge – und die waren gigantisch. Mit Songs wie „All That She Wants“, „The Sign“ und „Happy Nation“ wurde die Gruppe zum globalen Phänomen; in ihrer Heimat Schweden rangieren sie nach ABBA und Roxette als Act mit den drittmeisten internationalen Albumverkäufen.

Doch es gibt auch eine andere, dunklere Seite der Band. Auch dieser widmet sich die nun erscheinende dreiteilige Doku ACE OF BASE – ALL THAT SHE WANTS. Sie zeigt nicht nur den kometenhaften Aufstieg, sondern auch die inneren Konflikte und Verwerfungen. Ein zentrales Thema ist die gewalttätige Jugend von Ulf Ekberg, der in den 1990er-Jahren öffentlich einräumte, in der rechtsextremen Szene aktiv gewesen zu sein – eine Vergangenheit, die er laut eigener Aussage zutiefst bereut und die die Serie ausführlich behandelt.

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Jenny und Linn Berggren

Gleichzeitig litten die beiden Sängerinnen Jenny Berggren und Linn Berggren immer stärker unter dem massiven Druck, der Überforderung und den unterschiedlichen Vorstellungen innerhalb der Gruppe. Ein weiterer düsterer Punkt der Ace-of-Base-Geschichte war das Attentat auf Jenny Berggren, die 1994 in ihrem eigenen Zuhause von einem weiblichen Stalker überfallen und mit einem Messer verletzt wurde – ein traumatisches Ereignis, das die Band und ihre Dynamik nachhaltig veränderte. Kurz darauf begannen Ace of Base zunehmend auseinanderzubrechen; kreative Differenzen, Erschöpfung und persönliche Belastungen führten dazu, dass das Projekt nie wieder an die frühere Einheit anknüpfen konnte.

Anlässlich der Veröffentlichung der Doku auf dem Streamingdienst Viaplay baten wir sowohl Jenny Berggren als auch Ulf Ekberg zum getrennten Interview und erfuhren zwei Perspektiven auf dieselbe Geschichte.

Hier gibt das Interview als Videointerview in voller Länge:

Ace of Base: Jenny Berggren im Interview

Jenny, die Geschichte von Ace of Base ist sogar für eine Dokumentation sehr komplex – viele Ebenen, verschiedene Persönlichkeiten, unterschiedliche Erwartungen und Erfahrungen. Als Sie die Doku zum ersten Mal gesehen haben: Welche Gefühle hatten Sie? Hatten Sie das Gefühl, sie zeigt das ganze Bild?

Ich war überwältigt. Ich habe zuerst eineinhalb Folgen als Rohschnitt gesehen und ich war sofort geflasht. Es war unglaublich schön, all das wiederzusehen. Ich sitze ja nicht zu Hause und schaue mir altes Material an. Ich mache meinen Job, ich trete überall auf der Welt mit Ace-of-Base-Songs auf. Und dann plötzlich so zurückzuspringen – wow. Da dachte ich wirklich: „Haben wir das alles WIR gemacht?“ Und Jens von Reis, der Regisseur, ist ein großartiger Geschichtenerzähler. Ich habe ihm vertraut und gesagt: Wenn ich dabei bin, dann möchte ich nicht nur die dunklen Kapitel erzählen – die guten Zeiten müssen auch rein. Ich war mal gebrochen, aber jetzt bin ich wieder ganz, und diese Geschichte soll er erzählen. Und das hat er getan. Deshalb war mein erster Eindruck wirklich: Ich bin beeindruckt.

Die Doku war ursprünglich die Idee Ihres ehemaligen Bandkollegen Ulf Ekberg, richtig? 

Wir haben früher viel Backstage-Material aufgenommen, und der Gedanke war immer: Wenn wir das irgendwann jemandem geben, dann gehört es uns gemeinsam. Aber ich glaube, Ulf dachte irgendwann: „Das ist meins“, und hat das Material abgegeben, um daraus eine Doku zu machen. Und dann musste ich akzeptieren, dass der Rahmen gesetzt war – die Würfel waren gefallen. Am Anfang wollte ich gar nicht teilnehmen. Mein Bruder wurde gefragt, ich aber gar nicht. Er fragte mich, ob er es machen solle. Ich sagte: „Natürlich. Erzähl deine Geschichte, du bist großartig und deine Musik auch.“

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Dann meinte er, ich solle vielleicht auch mitmachen. Ich sagte: „Okay – aber dann zusammen, Schulter an Schulter vor der Kamera, damit sie unsere gemeinsame Perspektive bekommen.“ Doch er meinte dann: „Nein, ich möchte eine rein musikalische Doku machen, das Persönliche interessiert mich nicht.“ Aber da war alles schon in Bewegung. Also ja – der erste Impuls kam wohl von Ulf. Aber Jens hat die eigentliche Arbeit gemacht. Er bekam einfach Unmengen an Material und musste etwas daraus formen. Die vielen Radiointerviews von damals waren dabei die wichtigste Quelle – unsere Stimmen aus jener Zeit.

In der Doku wirken Sie sehr loyal und bodenständig. Besonders bemerkenswert ist die Passage, in der Sie nach dem Rückzug Ihrer Schwester plötzlich allein im Rampenlicht standen – obwohl Sie das eigentlich nicht wollten. Und das kurz nach dem Attentat auf Sie. Konnten Sie das überhaupt genießen?

Natürlich. Ich bin ein Mensch, der überall etwas draus macht – sonst wird’s langweilig. Ich bin positiv. Und der Überfall war etwas, das ich letztlich verarbeitet habe. Wir drei – Linn, Jonas und ich – hatten immer dieselbe Antriebskraft: Wir lieben unsere Fans. Sie sind fantastisch. Je mehr ich arbeite und sie sehe, desto besser wird es.

Als ich dann nach vorne treten musste, hatte ich so viele Geschichten zu erzählen – auch darüber, wie ich nach dem Angriff wieder heil geworden bin. Das ist eine wichtige Geschichte. Es geht nicht nur darum, dass man bricht, sondern wie man wieder ganz wird. Natürlich war mein Selbstvertrauen angeknackst – dieses Business ist hart, für Männer wie für Frauen. Aber ich habe gelernt: Spielen Sie das Spiel – und wachsen Sie daran. Ich nahm Gesangsunterricht, arbeitete an meinem Selbstwert und machte aus etwas Zerbrochenem etwas Neues.

Und heute bin ich wieder überall unterwegs – Südamerika, USA, Europa. An Silvester trete ich im deutschen TV in Hamburg auf. Das hätte ich mit 53 nie gedacht. Die Doku hat mir geholfen, Dinge neu zu ordnen. Ich bin heute stolzer als früher.

Was haben Sie aus der Zeit in der Band gelernt, das Ihnen später als Solo-Künstlerin geholfen hat?

Zusammenarbeit. Große Dinge entstehen immer zwischen Menschen – gute Ideen ebenso wie schwierige Situationen. Heute bin ich viel selbstbewusster, weil ich so viel gelernt habe. Ich werde sogar eingeladen, Vorträge zu halten – auf Deutsch, was ich noch nicht ganz schaffe. Die Doku wirkt wie eine Zusammenfassung meiner Vergangenheit, aber sie zeigt auch meine Gegenwart und Zukunft. Dieses Kapitel ist nicht abgeschlossen – ich lebe es weiter.

In der Doku wirken Sie erstaunlich frei von Groll. Zum Beispiel, als die Männer beschlossen, mit anderen Sängerinnen weiterzumachen. Sie erzählen, dass Sie Gott gefragt haben, was Sie tun sollen – und die Antwort war: „Liebe sie.“ War es nicht schwer, in der Band keine Verbitterung zu entwickeln?

Gute Frage. Natürlich bin ich ein normaler Mensch – ich kann wütend sein und Dinge ungerecht finden. Aber ich mochte mich selbst nicht, wenn ich in diesem Gefühl stecken blieb. Ich liebe mich in den Momenten, in denen ich über Situationen hinauswachse. Trotzdem gibt es Dinge im Leben, da muss man richtig wütend werden und sie durchkämpfen. Das habe ich auch getan.

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Aber Frieden mit sich selbst zu schließen – das war entscheidend. Und die Antwort, die ich damals bekam, war: Du weißt, wie man liebt. Das war ein Geschenk. Es fühlte sich nicht an wie „Reiß dich zusammen und liebe sie“, sondern wie etwas, das mir gegeben wurde und das ich weitergeben konnte.

Hat die Doku für Sie ein Gefühl von Abschluss geschaffen?

Eher eine neue Basis. Ich habe ein Buch geschrieben – das hat schon einige Kapitel abgeschlossen. Die Doku ist ein weiterer Baustein. Jens hat keine schwierigen Themen ausgelassen und alles sehr gut erzählt. Für mich ist es weniger ein Ende als eine neue Plattform. Und es ist wichtig für junge Menschen zu sehen, wie hart dieses Geschäft ist – und wie endgültig es ist, wenn Ihr Gesicht einmal in der Welt ist. Bei uns gab es kein Social Media; heute bleibt alles für immer. Das macht vieles schwieriger.

Wenn Sie heute zurückschauen – würden Sie etwas anders machen?

Nein. Man kann nicht zurück. Ich habe in jeder Situation getan, was ich konnte, und ich bin im Reinen damit. Ein schwieriges Thema war Geld – etwas, über das wir früher nie öffentlich sprachen. Aber James sagte: „Das müssen wir ansprechen.“ Und ich musste reagieren. Ich war immer glücklich über das, was ich verdient habe. Ich bin ein normaler Mensch, der damals viel Geld bekam – und dafür dankbar war. Die Dinge, die uns im Leben gehören, gehören uns nie wirklich. Man leiht sie nur – und soll etwas daraus machen. Das ist meine Haltung.

Sie sind nach ABBA und Roxette die dritterfolgreichste Popband Schwedens. Trotzdem zeigt die Doku, dass Schweden Sie nicht immer begeistert gefeiert hat. Hat sich die Anerkennung inzwischen verändert?

Schweden sind… Schweden. (lacht) Wir sind sehr gleichmacherisch. Alle sollen dasselbe tun, gemeinsam arbeiten, niemand soll zu sehr herausragen. Das „Jante-Law“-Mentalität ist tief verankert. Wenn jemand zu erfolgreich wird, stört das das Gleichgewicht. Das war bei ABBA und Roxette genauso. Vielleicht ändert sich das jetzt langsam durch Social Media. Aber grundsätzlich: Erfolg wird in Schweden manchmal misstrauisch beäugt.

Trotzdem kommen heute viele internationale Stars aus allen Genres – Jazz, Pop, Metal – aus Schweden und nennen Ace of Base als Einfluss.

Das stimmt. Und ich arbeite selbst mit großartigen schwedischen Musikern – etwa den Dirty Loops oder mit Simon Petrén, der in Südkorea K-Pop produziert. Wir haben unglaubliches Talent im Land.

Zum Schluss: Haben Sie mit Jonas oder Linn nach der Doku gesprochen? Wie fanden sie sie?

Natürlich. Ich habe während des gesamten Prozesses mit beiden gesprochen. Jonas sollte ursprünglich in der Doku sein, und dank mir sind sowohl er als auch Linn auf ihre Weise vertreten. Linn wollte nicht vor die Kamera, aber sie schrieb einen Brief – das wird ihr letzter öffentlicher Beitrag sein.

Jonas findet, dass die Musik noch stärker im Vordergrund stehen sollte – deshalb plant er eine eigene musikalische Doku. Linn meinte zu mir: „Gut gemacht.“ Das war schön.

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Ulf Ekberg

Ace of Base: Ulf Ekberg im Interview

Ulf, Sie waren die treibende Kraft hinter der neuen Ace-of-Base-Dokumentation. Die Bandgeschichte ist nicht nur interessant, sondern auch sehr komplex. Wie haben Sie sich die Doku ursprünglich vorgestellt – was sollte sie vor allem vermitteln? Und wie zufrieden sind Sie mit dem Ergebnis?

Ich finde, das Vermächtnis der Band besteht aus so vielen Geschichten, die nie wirklich erzählt wurden. Und ich dachte immer, sie sind es wert, erzählt zu werden. Als Viaplay auf mich zukam und die Idee einer Dokumentation ansprach, war ein schwedisches Team beteiligt – Jens von Rijs als Produzent. Er kennt uns seit Mitte der 90er, wir vertrauen ihm, und das Team war sehr professionell. Wir kannten seine früheren Arbeiten, deshalb fand ich die Idee sofort gut.

Wir begannen über Ansätze zu sprechen, und er fragte, ob ich Material hätte. Und da wurde mir klar: Ich hatte mehrere Hundert Stunden Videomaterial aus den frühen Ace-of-Base-Jahren und aus den 90ern – hauptsächlich von mir selbst gefilmt. Ich hatte die Aufnahmen allerdings nie angeschaut. Nach dem Ende der Band brauchte ich Abstand vom Musikgeschäft, also fehlte die Zeit und ehrlich gesagt auch die Lust, mir das alles anzusehen. Ich wusste nicht einmal genau, was auf den Bändern drauf war.

Es war ein Vertrauensschritt, sie ihm zu geben – niemand wusste, was ich da alles aufgenommen hatte. Aber er sagte sofort: „Das ist eine Goldmine.“ Und er hatte recht.

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Für mich war extrem wichtig: Wenn wir eine Doku machen, darf niemand aus der Band ein Mitspracherecht haben. Sobald eine Band zu viel Kontrolle hat, wird die Geschichte harmlos und glattgebügelt. Ich wollte, dass das Team ihre Version erzählt – nicht unsere. Ihre Perspektive auf uns. Sie hatten völlige Freiheit, wir hatten keinerlei Einfluss. Natürlich haben wir fast zwei Jahre lang mitgedreht, aber inhaltlich hatten wir nichts zu bestimmen.

Meine Vision war: Nicht nur zeigen, wie schwer es war, die Band überhaupt aufzubauen – sondern auch, wie hart die Hochphase war. Welche Herausforderungen wir hatten, welche Schattenseiten, welche dunklen Momente. Das alles gehört zur Geschichte und zum Vermächtnis der Band: wie die Songs entstanden, was wir durchlebt haben in diesen zehn aktiven Jahren.

Das Ergebnis – nun ja, es ist schwer, 30 Jahre in drei Folgen à 40 Minuten unterzubringen. Viele Geschichten fehlen zwangsläufig. Aber ich finde, sie haben großartige Arbeit geleistet, die wichtigsten Teile sind drin. Ich bin sehr zufrieden.

Sie sprechen die dunklen Seiten an. Neben dem Attentat auf Jenny war auch die Enthüllung Ihrer Vergangenheit ein großes Thema. Diese Geschichte liegt Jahrzehnte zurück, Sie haben das damals bereits öffentlich ausführlich thematisiert und bereut. Wie war es, diese Phase Ihres Lebens für ein neues Publikum noch einmal zu erzählen?

Das hat zwei Seiten. Erstens: Die Geschichte von Ace of Base wäre nicht vollständig, wenn dieser Teil fehlen würde. Diese Vergangenheit hätte die Band beinahe schon in den Anfängen zerstört. Gleichzeitig war genau das der Grund, warum Jonas und ich so eng zusammenarbeiteten – weil ich diese Welt hinter mir ließ und etwas Positives mit meinem Leben machen wollte. Dieser Wendepunkt war eine treibende Kraft für die Band. Deshalb war es wichtig, das zu erklären.

In den Interviews der 90er wurde das Thema immer nur in ein paar Sätzen behandelt – nie in der ganzen Dimension. Die Doku ist zwar auch keine vollständige Version, aber zum ersten Mal konnte die Geschichte kohärent erzählt werden, damit Menschen wirklich verstehen, wie es war.

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Zweitens: Heute ist diese Geschichte wichtiger denn je. Die Welt ist voll von extremistischen Gruppierungen und Radikalisierungen. Wenn meine Erfahrung jemandem helfen kann, der in so einer Umgebung steckt, dann ist das gut. Vielleicht kann es Menschen Mut machen zu sehen, dass man sein Leben komplett verändern kann.

In der Doku wird sehr deutlich, wie unterschiedlich die Charaktere in der Band waren – und wie sich die Rollen veränderten. Sie wirken wie jemand, der das Popbusiness wirklich wollte: reisen, arbeiten, vorwärtsgehen. Später wurden Sie Unternehmer, reisten sogar regelmäßig in den Amazonas. Wie ist es, sich selbst in all diesen verschiedenen Rollen zu sehen?

Das ist eines der Grundprinzipien einer Band: Unterschiedliche dynamische Pole. Jede Band braucht das – einen Ulf, einen Jonas, und auch die anderen Typen. Diese Unterschiede sind eine Stärke.

Für mich war es manchmal schwierig, weil ich mehr wollte als die anderen. Ich bekam viel, aber ich wollte noch mehr. Weltweite Tourneen, größere Projekte – vieles davon konnten wir nicht machen. Und wir mussten Welttourneen absagen. Das war frustrierend.

Aber in einer Viererband sind Sie nur so stark wie das schwächste Glied. Wir mussten uns immer nach dem richten, was für alle machbar war – nicht nur nach dem, was ich wollte. Ich habe aber getan, was ich konnte, um die Band voranzubringen. Und ich finde: Im Großen und Ganzen lief es gut.

Es gibt diese Szene in der Doku, in der Sie begeistert von Ihren Booten erzählten. Man sieht, dass Sie das Leben als Star definitiv genossen. Gleichzeitig wirkten Ihre Bandkolleginnen im Vergleich deutlich zurückhaltender, privat und ruhiger. War das ein Wendepunkt für die Dynamik?

Es war definitiv ein Problem. Jonas und ich machten Musik nicht wegen des Geldes – wir wollten Erfolg, aber primär ging es uns darum, keine miesen Nebenjobs mehr machen zu müssen. Wir haben wirklich harte Jobs angenommen, um unsere Instrumente zu finanzieren. Niemand von uns ahnte, wie groß das werden würde.

Dass Jonas und ich die Songs geschrieben hatten, führte dazu, dass wir anfangs deutlich mehr Geld bekamen. Als die ersten Auszahlungen des Debütalbums kamen, sahen die Frauen den Unterschied. Sie waren weniger materialistisch als wir – ich glaube nicht, dass sie ein Boot gekauft hätten oder nach St. Tropez geflogen wären. Sie waren gern in Göteborg bei Freunden.

Aber klar: Es führte zu Spannungen. Die Doku zeigt das gut. Später – mit Album 2, 3 und den Tourneen – war das ausgeglichen. Aber in dieser ersten Phase war der Unterschied groß. Dazu kam, dass Jonas und ich sehr bestimmend waren, vielleicht zu bestimmend, und die Frauen mehr Mitsprache wollten. Am Ende waren wir gleichberechtigt, aber der Weg dahin war eine Herausforderung.

Jenny sagte, es sei ihr wichtig gewesen, dass die Doku auch zeigt, wie viel Spaß Sie alle zusammen hatten. Was war rückblickend die schönste Zeit für Sie?

Ich hatte fast durchgehend Spaß – trotz aller Herausforderungen.

Es war fantastisch, neue Länder zu erobern, andere Kulturen kennenzulernen, Künstler zu treffen. Ein Highlight war Top of the Pops. Wir waren oft dort, vielleicht 17 Mal. Man ist den ganzen Tag in einem BBC-Studio eingeschlossen – keine Interviews, keine Außenwelt, nur die anderen Top-20-Acts. So lernt man wahnsinnig viele Musiker kennen, große Stars, aber auch One-Hit-Wonders, die kommen und wieder verschwinden. Man lernte voneinander – von Erfolgen und Fehlern.

Amerika war auch spannend. Uns wurde dort gesagt, wir hätten die Melodien zurück in die Charts gebracht. Und das stimmt ein Stück weit – wir vermissten damals melodische Popmusik. Wir wollten ein Genre-Mix aus den 80ern machen, etwas, das wir selbst im Radio nicht hören konnten.

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Linn Berggren

Clive Davis spielte dabei eine große Rolle, richtig?

Ja. Und das Lustige ist: Als wir ihn mehrere Male trafen, hatten wir keine Ahnung, wer er war. Wir haben ganz normal mit ihm gesprochen. Alle um uns herum waren völlig nervös, weil wir mit ihm diskutierten. Er war nicht daran gewöhnt, dass jemand ihm widerspricht. Wir waren wohl die Einzigen.

Aber natürlich war er enorm erfolgreich – oft waren 10–12 der Top-20-US-Songs von seinen Künstlern. Schwierig, gegen jemanden zu argumentieren, der so oft Recht behält. Aber er war nicht perfekt. Beim ersten Album hat er großartige Arbeit geleistet, später auch Fehler gemacht. Wie jeder.

In der Doku wird gesagt, dass Schweden Ace of Base lange nicht den Respekt gegeben hat, den Sie international bekommen haben. Warum ist das so?

In Schweden gibt es das „Jante-Law“ – man soll nicht denken, man sei besser als andere.

Schon die Entscheidung, auf Englisch zu singen, war ein Tabubruch. Und selbst ABBA waren in Schweden lange unbeliebt – erst um 1990 änderte sich das. Roxette war eine Ausnahme, weil Per Gessle schon ein etablierter Star war. Für uns war es in den 90ern schwer, in Schweden Anerkennung zu bekommen. Heute ist es leichter – die junge Generation feiert Erfolg eher, egal ob in Musik, Tech oder Business. Die Gesellschaft verändert sich.

Und: Nach der Doku wurden wir endlich in die Swedish Music Hall of Fame aufgenommen. Das ist schön, wenn auch spät. Aber wir freuen uns.

Wenn Sie heute zurückschauen – hätten Sie etwas anders gemacht?

Wir hätten einen stärkeren Manager gebraucht. Besonders in den USA. Das Entertainmentgeschäft dort ist brutal. Clive Davis war hart, aber die ganze Industrie ist hart. Unser Manager war dafür nicht stark genug. Die Kommunikation zwischen uns und den Plattenfirmen war schwierig. Ein weiteres Problem: Wir hatten zwei globale Plattenfirmen, die sich gegenseitig bekämpften – BMG in Amerika/Japan und Universal im Rest der Welt. Die sprachen nicht miteinander. Ständig hieß es: „Kommt nach New York!“ – „Nein, ihr müsst nach London!“ – „Nein, nach Tokio!“ Alle waren ständig frustriert. Mit besserem Management hätten wir vielleicht eine globale Arena-Tour gemacht. Aber am Ende bereue ich nichts. Wir hatten großartige Zeiten. Wir liebten die Musik, und wir durften die Welt bereisen und überall auftreten. Das ist ein Privileg.

Ace of Base
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Markus Brandstetter schreibt freiberuflich unter anderem für ROLLING STONE. Weitere Artikel und das Autorenprofil gibt es hier.