Kinder im Visier: ICE nimmt Fünfjährigen fest

ICE nimmt in Minnesota einen fünfjährigen Jungen fest. Schulbehörden werfen der Regierung vor, gezielt Kinder ins Visier zu nehmen.

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Die Spannungen in Minnesota verschärfen sich weiter, während Beamte der Einwanderungsbehörde ICE gezielte Razzien durchführen und Menschen auf offener Straße festnehmen. Nun berichten Schulverantwortliche aus einem Vorort von Minneapolis, dass ICE das Sicherheitsgefühl der Gemeinde massiv erschüttert habe, indem gezielt Schüler ins Visier genommen würden. Zuletzt wurde ein fünfjähriger Junge gemeinsam mit seinem Vater festgenommen. Er ist eines von mehreren Kindern, die im Zuge der Einwanderungsoffensive von US-Präsident Donald Trump in Gewahrsam genommen wurden.

„Erst vor zwei Stunden ist ein ICE-Fahrzeug auf unser Schulgelände gefahren“, sagte die Superintendentin der Columbia Heights Public Schools, Zena Stenvik, am Mittwoch auf einer Pressekonferenz.

„ICE-Beamte streifen durch unsere Wohnviertel. Sie umkreisen unsere Schulen. Folgen unseren Schulbussen. Fahren auf unsere Parkplätze. Und nehmen unsere Kinder mit. Das Sicherheitsgefühl in unserer Gemeinde und an unseren Schulen ist zerstört. Unsere Herzen sind gebrochen.“

Festnahme eines Kindes vor dem Elternhaus

Nach Angaben von Stenvik sowie eines Berichts des lokalen Senders KARE11 nahmen ICE-Beamte am Dienstag den fünfjährigen Liam Conejo Ramos fest. Sie holten ihn aus einem laufenden Auto vor dem Haus seiner Familie. Auch sein Vater wurde festgenommen, den das US-Heimatschutzministerium später als Alexander Conejo Arias identifizierte. Laut dem Anwalt der Familie, Marc Prokosch, werden beide derzeit in einem Abschiebezentrum in Texas festgehalten. Prokosch bestätigte der „Washington Post“, dass die Familie keine US-Staatsbürger seien, sich jedoch in einem laufenden Asylverfahren befänden und keine Abschiebungsanordnung gegen sie vorliege.

In den vergangenen Wochen folgten auf ICE-Razzien wiederholt öffentliche Stellungnahmen des Heimatschutzministeriums, in denen Festnahmen gefeiert wurden. Diese Darstellungen weichen jedoch häufig deutlich von Augenzeugenberichten ab. Im Fall von Alexander und Liam berichten der Anwalt der Familie sowie Vertreter des Schulsystems, der Fünfjährige sei gezielt als „Köder“ benutzt worden. Er habe an die Haustür klopfen sollen, um weitere Personen aus dem Haus zu locken.

In einer über soziale Medien verbreiteten Stellungnahme wies ein Sprecher des Heimatschutzministeriums diese Vorwürfe zurück und erklärte stattdessen, das Kind sei von seinem Vater „alleingelassen“ worden. ICE-Beamte hätten aus Gründen der Sicherheit bei ihm ausgeharrt.

Eskalation nach tödlichem Einsatz in Minneapolis

Die jüngste Festnahme erfolgte nur zwei Wochen nach einem tödlichen Vorfall, bei dem ICE-Beamte die Mutter Renee Good aus Minneapolis während einer Auseinandersetzung mit Demonstrierenden erschossen hatten.

Der Vorfall ließ die Spannungen in der Stadt explodieren und löste landesweite Empörung über Vorgehen und Ausbildung der Beamten aus. In den Tagen danach gingen die Festnahmen unvermindert weiter – darunter auch die Ingewahrsamnahme von Kindern. Nach Angaben von Stenvik ist Liam bereits der vierte Schüler des Schulbezirks Columbia Heights Public Schools, der festgenommen wurde.

Ella Sullivan, Liams Vorschullehrerin, beschrieb den Jungen als freundlich und liebevoll. „Seine Klassenkameraden vermissen ihn“, sagte sie auf der Pressekonferenz am Mittwoch. „Und alles, was ich mir wünsche, ist, dass er in Sicherheit ist und zu uns zurückkehrt.“

Vorwürfe systematischer Rechtsbrüche

Proteste und nachbarschaftliche Gegenaktionen nehmen in Minneapolis und den umliegenden Regionen weiter zu – insbesondere, weil ICE-Beamte laut Kritikern zunehmend verfassungsrechtliche Grenzen und eigene interne Richtlinien missachten. Die Nachrichtenagentur Associated Press berichtete am Mittwoch über ein internes ICE-Memorandum, das Beamten erlaube, Wohnungen ohne richterlichen Durchsuchungsbefehl zu betreten. Dies stelle einen offensichtlichen Verstoß gegen den vierten Verfassungszusatz sowie gegen frühere ICE-Richtlinien dar.

Auch beim Umgang mit Kindern scheint ICE bestehende Verfahren neu zu definieren. Laut Heimatschutzministerium erhalten festgenommene Eltern normalerweise die Möglichkeit, ihre Kinder bei einer Vertrauensperson zu lassen oder sie mit in Gewahrsam zu nehmen. Stenvik und der Anwalt der Familie erklärten jedoch, ICE habe sich geweigert, den Jungen einer anwesenden Person im Haus zu überlassen.

Ein ähnlicher Fall ereignete sich bereits zwei Wochen zuvor. Damals wurde ein zehnjähriges Mädchen gemeinsam mit seiner Mutter auf dem Weg zur Schule festgenommen. Nach Angaben von CBS News rief das Mädchen ihren Vater an und sagte, die Beamten würden sie an der Schule absetzen. Als der Vater dort eintraf, erfuhr er jedoch, dass sowohl seine Frau als auch seine Tochter festgenommen worden waren.

„Jeden einzelnen Schritt ihres Einwanderungsverfahrens haben sie genau so befolgt, wie es von ihnen verlangt wurde“, sagte Prokosch am Mittwoch. „Was hier geschieht, ist nichts anderes als Grausamkeit.“

CT Jones schreibt für den ROLLING STONE USA. Hier geht es zum US-Profil