Stephen Hibbert, der den Gimp in „Pulp Fiction“ spielte, ist mit 68 Jahren gestorben
Der Schauspieler mit dem wohl unvergesslichsten Auftritt in Tarantinos Kultfilm war halbwegs im Ruhestand und lebte in Denver.
Stephen Hibbert, ein Schauspieler mit Comedy-Hintergrund, der als der Gimp in „Pulp Fiction“ berühmt wurde, ist gestorben. Hibberts Tochter Rosalind bestätigte die Nachricht gegenüber dem ROLLING STONE. Der Schauspieler wurde 68 Jahre alt.
„Unser Vater, Stephen Hibbert, ist diese Woche unerwartet von uns gegangen“, ließen seine Kinder Ronnie, Rosalind und Greg laut Berichten dem Promiportal TMZ mitteilen, das über seinen Tod durch einen Herzanfall am Montag in Denver berichtete. „Sein Leben war erfüllt von Liebe und Hingabe für die Kunst und seine Familie. Er wird von vielen sehr vermisst werden.“ Hibbert hatte sich in den letzten Jahren selbst als „halbwegs im Ruhestand“ bezeichnet, trat aber noch bei Fan-Conventions auf.
Hibbert spielte eine tragende Rolle in Quentin Tarantinos „Pulp Fiction“ – und das, obwohl der Schauspieler kein einziges Wort sagte. In dem Film begegnet Mafiaboss Marsellus Wallace Bruce Willis‘ Boxer-Figur Butch zufällig auf der Straße – nachdem Butch Wallaces Befehl, einen Kampf absichtlich zu verlieren, ignoriert hat. Wallace verfolgt Butch in ein Pfandleihhaus, wo der Besitzer Maynard die Oberhand gewinnt: Er zieht eine Schrotflinte auf die beiden, führt sie in den Keller, fesselt und knebelt sie – und vergewaltigt sie gemeinsam mit seinem Kumpel Zed.
Die berühmteste Szene
„Na, dann holt mal den Gimp raus“, sagt Zed, ein Wachmann. „Ich glaub, der Gimp schläft“, antwortet Maynard. „Dann wirst du wohl runtergehen und ihn aufwecken müssen, oder?“
Wallace und Butch schauen verwirrt und verängstigt zu, als Maynard den Gimp – Hibbert in einem Ganzkörper-S&M-Leder-Outfit – aus einem Untergeschoss holt. Während Zed mit den Fingern auf die Maske des Gimps klopft und auswählt, wen er zuerst missbrauchen will, sagt der Gimp kein Wort; sie nehmen Wallace mit in einen anderen Raum. Maynard beauftragt den Gimp, Butch „im Auge zu behalten“, woraufhin der Gimp nur kichert, während die beiden lauschen, was nebenan vor sich geht. Schließlich befreit sich Butch und schlägt den Gimp nieder – was diesen faktisch aufhängt, da er festgebunden worden war.
„Ich habe die Szene so gespielt, als hätten die Typen, die ihn gefangen hielten, ihm die Zunge herausgeschnitten“, sagte Hibbert 2024 gegenüber AARP. „Quentin mochte die Idee sehr. Der Gimp war schon eine Weile ihr Gefangener. Er hatte sich also damit abgefunden – beim Gimp lief so eine Art Stockholm-Syndrom ab.“
Tarantinos Backstory zum Gimp
Tarantino erläuterte die Hintergrundgeschichte des Gimps in einem Fan-Q&A für das Magazin „Empire“ im Jahr 2019. „Im Film kommt das nicht ganz so rüber, aber in meinem Kopf, als ich es schrieb, ist der Gimp tot“, sagte der Filmemacher und Drehbuchautor. „Butch hat ihn bewusstlos geschlagen, und als er ohnmächtig wurde, hat er sich aufgehängt. Was die Vorgeschichte angeht: Er war so eine Art Anhalter oder jemand, den sie vor sieben Jahren aufgegabelt haben, und sie haben ihn so abgerichtet, dass er das perfekte Opfer ist.“
„Wenn ein Setup lange dauerte, erinnerte [Willis] alle daran, dass da ein Typ – ich – von Kopf bis Fuß in Lederzeug steckte, und es war ziemlich heiß am Set“, erzählte Hibbert AARP. „Ich fand das ein bisschen makaber, aber all diese großartigen Schauspieler waren bereits gecastet, und ich wusste, dass Quentin die Szene perfekt inszenieren würde. Außerdem war ich unter all dem Leder und den Nieten versteckt – wenn es also wirklich erschreckend war – und manche würden sagen, das ist es –, konnte ich anonym bleiben.“
Hibbert und die Groundlings
Hibberts schauspielerische Wurzeln liegen bei der berühmten Improvisationstruppe The Groundlings in L.A. In Tarantinos Umfeld gelangte er über die „Saturday Night Live“-Schauspielerin Julia Sweeney, die ebenfalls bei den Groundlings begann und mit Hibbert verheiratet war. Sweeney hatte Tarantino gebeten, das Drehbuch für die Filmadaption von „It’s Pat“ umzuschreiben – dem SNL-Sketch über eine androgynen Person –, und stimmte im Gegenzug zu, in „Pulp Fiction“ die Figur Raquel zu spielen, Erbin von Monster Joe’s Truck and Tow.
„Ich habe eine lustige Geschichte von Jon Lovitz gehört, der Stephen Hibbert, den Typen der den Gimp spielte, von den Groundlings kannte“, sagte Tarantino in dem „Empire“-Interview. „Jon sieht ‚Pulp Fiction‘ zum ersten Mal und denkt: ‚Was zum Teufel ist das?‘ Dann bleibt er im Kino, während der Abspann läuft, und sieht Stephens Namen. Er sagt laut: ‚WAS? Ich kenne den Gimp?!’“
Hibbert lieferte in seinem AARP-Interview eine Erklärung dafür, warum er möglicherweise unerkennbar war. „Ich muss Sie darauf hinweisen, dass ich unter dem ganzen Lederzeug noch einen kleinen Fatsuit trug“, sagte er. „Und ich habe während dieses viertägigen Drehs fast 7 Kilo abgenommen. Wer braucht das Fitnessstudio, wenn man so ein Programm hat?“
Karriere abseits von Pulp Fiction
Abseits von „Pulp Fiction“ war Hibbert als Autor für „Late Night With David Letterman“ Mitte der Achtzigerjahre tätig, schrieb Episoden für Zeichentrickserien wie „Darkwing Duck“ und „Animaniacs“ sowie für „It’s Pat: The Movie“. In den Neunzigern schrieb er unter anderem für „Mad TV“ und „Boy Meets World“.
Als Schauspieler hatte er kleinere Rollen in den Serien „Newhart“ und „Just Shoot Me“ und war in den Filmen „Austin Powers: The Spy Who Shagged Me“, „The Cat in the Hat“ und „National Treasure: Book of Secrets“ zu sehen.
Seine Groundlings-Profilseite gibt an, dass er außerdem als Segment-Producer für die Award-Shows von MTV und VH1 arbeitete und „Punch-up-Aufträge“ für die „Austin Powers“- und „Shrek“-Filme übernahm.
Privatleben und Vermächtnis
Laut IMDb war er von 1989 bis 1994 mit Sweeney verheiratet, später von 1996 bis 2009 mit Alicia Agos. Er wird von seinen Ex-Frauen und seinen Kindern überlebt.
Hibbert sagte AARP, er sei glücklich mit seinem Vermächtnis als der Gimp. „Ich halte es für einen der größten Filme aller Zeiten“, sagte er. „Ich habe ihn kürzlich noch einmal gesehen und hatte vergessen, wie komisch er war – und was für eine wunderbare Zeitkapsel er für das Los Angeles der frühen Neunziger ist.“