Übernehmen Bots die Musik?

Von Hip-Hop bis K-Pop: Gefälschte Streams, KI-Tracks und manipulierte Charts verändern, wie Musik gemacht und konsumiert wird.

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Der Lärm um Streaming-Bots wurde im August 2025 merklich lauter, als ein Telefonat aus dem Gefängnis zwischen Young Thug und einem unbekannten Gesprächspartner online durchsickerte. In dem Gespräch behauptete der Gründer von Young Stoner Life Records, er habe 50.000 Dollar ausgegeben, um die Streams für das Januar-2022-Album seines Künstlers Gunna, „DS4Ever“, hochzutreiben – damit es auf Platz eins der „Billboard“ 200 debütieren würde. Tatsächlich landete das Projekt mit mehr als 150.000 albumäquivalenten Einheiten in der Eröffnungswoche auf Platz eins und schlug The Weeknds „Dawn FM“ um knappe 2.300 Einheiten.

„Ich hab extra 50 Riesen ausgegeben und Streams für dich gekauft – 50.000 Dollar“, sagte Young Thug in dem Gespräch. „Du hast dir das Nummer-eins-Album gegen The Weeknd nicht ehrlich verdient, mein Junge. Ich hab das bezahlt.“

Laut dem Rückblick von „Billboard“ auf die erste Albumwoche profitierte „DS4Ever“ von einer Drake-Kollaboration („P Power“) und stark rabattierten iTunes-Preisen. Luminate, das Unternehmen, das „Billboard“ mit Streaming-Daten beliefert, hatte die Zahlen damals verifiziert und keine verdächtigen Aktivitäten gemeldet.

Betrug mit System

(Vertreter von Young Thug und Gunna reagierten nicht auf Anfragen zur Stellungnahme. Luminate lehnte einen Kommentar ab. Eine Sprecherin von „Billboard“ erklärte: „Wir kommentieren unsere Chart-Methodik zwar nicht, bestätigen aber, dass ‚Billboard‘ gemeinsam mit Datenpartner Luminate einen strengen Überwachungs- und Verifizierungsprozess über alle Partner und Beitragenden hinweg durchsetzt, der auf präzise und vollständige Daten für unsere Charts ausgelegt ist.“ Luminate, „Billboard“ und „Vibe“ gehören alle zu Penske Media Corp.)

Dennoch lässt sich nicht leugnen, dass Streaming-Betrug ein hartnäckiges Problem in der gesamten Musikbranche ist – oft betrieben von Künstlern und/oder deren Vertretern, die Bots und Streaming-Farmen einsetzen, um Album-Streams künstlich aufzublähen: Tracks werden mit automatisierten Skripten, Fake-Accounts und gefälschten Profilen immer wieder abgespielt, was zu höheren Chart-Platzierungen führt. Solche Tools zielen häufig auf die Eröffnungswoche eines Albums ab, um die Chancen auf ein Debüt auf Platz eins zu erhöhen.

„Es ist sicher keine Neuigkeit, dass jemand in der Musikbranche versucht, die Charts zu frisieren“, sagt Christian Castle, ein auf Technologie spezialisierter Musikanwalt, gegenüber „Vibe“. „Manches davon ist relativ harmlos, anderes nicht – aber alles ist Betrug. Es gibt Leute, die das als Promotion anbieten, und Leute, die versprechen, es zu tun, und dann nicht liefern. Das ist räuberisch.“

Von Payola zu Bots

Vor Jahren wurden Unternehmen wie iHeartMedia und Pandora beschuldigt, eine andere Art von Hinterzimmer-Deal zu betreiben: sogenannte „Steering Agreements“ – Verträge zwischen einem digitalen Musikdienst und einem Musikverlag oder Plattenlabel, die die an den Verlag gezahlten Tantiemen senken, im Gegenzug für mehr Airplay. Diese Vereinbarungen „lenken“ Hörer gezielt zu der Musik, die von dem jeweiligen Verlag stammt, indem die Algorithmen des Dienstes absichtlich manipuliert werden. In einer Eingabe von 2015 bezeichnete Pandora das als eine Form von „Preiswettbewerb“. (iHeart reagierte nicht auf Anfragen zur Stellungnahme.)

Castle zieht Parallelen zu Payola – einem Begriff, den „Variety“ 1938 prägte und der die illegale Praxis beschreibt, für nicht offengelegte Musikpromotion zu bezahlen, historisch gesehen gegenüber Radiosendern: Jemand kaufte dem Programmdirektor eines Senders einen BMW oder eine Reise nach Tahiti, und wie durch Zauberhand hatte der Künstler plötzlich einen Radiohit. Heute nimmt Payola andere Formen an, doch jede dieser Praktiken läuft auf eine Form der Bezahlung hinaus, um die öffentliche Wahrnehmung zu verzerren und sich einen unfairen Vorteil zu verschaffen.

Moderne, automatisierte Streaming-Farmen können fensterlose Lagerhallen oder leere Büroräume sein, vollgestopft mit Hunderten oder Tausenden von Smartphones, Computern und Servern, die denselben Inhalt in einer Endlosschleife abspielen und dabei Tausende bis Millionen gefälschter Streams erzeugen.

Milliarden durch Fake-Streams

Eine schnelle Google-Suche fördert mehrere Unternehmen zutage, die behaupten, Streams ankurbeln zu können. Manche arbeiten mit Abonnements und verlangen eine monatliche Pauschale für Tausende von Streams; andere fordern bis zu 300 Dollar pro Monat. Fortgeschrittene kriminelle Operationen gehen noch weiter und nutzen KI, um Tausende von Fake-Songs und Millionen von Streams zu generieren.

Die Gewinne können beträchtlich sein. Beatdapp, ein auf die Erkennung von Streaming-Betrug spezialisiertes Unternehmen, schätzt, dass betrügerische Musikstreams jährlich rund zwei Milliarden Dollar an umgeleiteten, illegitimen Tantiemen generieren. Nach den aktuellen Streaming-Vereinbarungen wird Geld von den Diensteanbietern auf Basis des Höreranteils einer Aufnahme ausgeschüttet – nicht als Pauschalbetrag.

Analysten von J.P. Morgan haben kürzlich errechnet: Wer einen eigenen 30-Sekunden-Track auf eine Streaming-Plattform hochlädt und ein Gerät so programmiert, dass es ihn 24 Stunden lang auf Repeat abspielt, kassiert dafür 1.200 Dollar im Monat an Tantiemen.

Spotify hat das Problem anerkannt und investiert erhebliche Ressourcen in die Erkennung und Eindämmung künstlicher Streaming-Aktivitäten, um Künstler zu schützen und eine faire Tantiemenverteilung zu gewährleisten. Auf seiner Website definiert das Unternehmen einen künstlichen Stream als „einen Stream, der keine echte Hörbereitschaft des Nutzers widerspiegelt, einschließlich jedes Versuchs, Spotify durch automatisierte Prozesse wie Bots oder Skripte zu manipulieren“.

Spotifys Gegenwehr

„Spotify investiert massiv in automatisierte und manuelle Überprüfungen, um den Einfluss versuchter künstlicher Streaming-Aktivitäten auf unserer Plattform zu verhindern, zu erkennen und einzudämmen“, sagt Laura Batey, Associate Director of Corporate Communications bei Spotify, gegenüber „Vibe“. „Wenn wir Stream-Manipulation identifizieren, ergreifen wir Maßnahmen: Wir entfernen Streaming-Zahlen, behalten Tantiemen ein und erheben eine Strafe. So schützen wir die Tantiemenausschüttung für ehrliche, hart arbeitende Künstler.“

Apple Music wiederum behauptet, sein Umfeld streng unter Kontrolle zu haben. Auf einer Musikkonferenz in London im Januar 2025 erklärte der Leiter der Musikpartnerschaften des Unternehmens einem Bericht zufolge, dass „weniger als ein Prozent aller Streams“ innerhalb von Apples Dienst manipuliert seien – gestützt auf Echtzeit-Monitoring, Datenanalyse und die Zusammenarbeit mit Distributoren, um betrügerische Aktivitäten einzudämmen.

Luminate verfügt über eine Reihe umfangreicher Kontrollmechanismen, um betrügerische Daten von Anbietern zu erkennen und die Objektivität der Charts zu gewährleisten. (Auf die Frage nach konkreten Betrugsschutzmaßnahmen verwies Luminate „Vibe“ auf die Unternehmenswebsite.) Doch in erster Linie sind es die Streaming-Unternehmen, die betrügerische Streams zuerst erkennen und idealerweise entfernen müssen, bevor die Zahlen an Luminate übermittelt werden. „Billboard“ und viele Streaming-Plattformen setzen inzwischen KI-Algorithmen und Captchas ein, um ungewöhnliche Abspielverhalten zu erkennen. Sie haben versprochen, aufgeblähte Zählerstände umgehend zu entfernen und Täter zu sanktionieren. Ein Sprecher von „Billboard“ ergänzte in einer Stellungnahme: „Luminate verwendet proprietäre Machine-Learning-Algorithmen – basierend auf riesigen Mengen historischer Daten –, um Anomalien in allen von externen Partnern gelieferten Daten zu erkennen. Dieser Standard gilt zusätzlich zu den eigenen Erkennungsmethoden der jeweiligen Streaming-Dienste.“

Unabhängige Künstler im Visier

Auch Pandora gibt an, seine Bemühungen gegen Cyberkriminelle verstärkt zu haben. Ein Sprecher besteht darauf, das Unternehmen sei ein „Vorreiter im Kampf gegen Spin-Betrug“ und entwickle KI-gestützte Erkennungssysteme sowie ausgefeilte Filter, die es plant, breiter im gesamten Musik-Ökosystem einzusetzen. Der Sprecher fügt hinzu, dass Pandora eine mehrschichtige Strategie verfolge, die menschliche Experten aus verschiedenen Genres mit Machine Learning und anderen Tools kombiniere, um verdächtige Aktivitäten aufzuspüren und herauszufiltern, die Datenqualität zu schützen und die Betrugserkennungsmethoden kontinuierlich zu verbessern.

Diese Zusicherungen mögen Künstlern und Fans ein gewisses Maß an Beruhigung verschaffen – doch angesichts der Tatsache, dass Streaming weltweit jährlich 20,4 Milliarden Dollar generiert (laut der International Federation of the Phonographic Industry), kann selbst ein winziger Prozentsatz an Manipulation Hunderte von Millionen Dollar bedeuten, die Betrüger abzweigen.

Kreative sind zutiefst besorgt. 2024 unterzeichneten mehr als 200 Künstler – darunter Billie Eilish, J Balvin, Chuck D und Mumford & Sons – einen offenen Brief, der KI-Bedrohungen für die Rechte von Urhebern, ihre Vergütung und „das Musik-Ökosystem“ anprangerte. Noch am 24. März wandte sich Mannequin-Pussy-Frontfrau Missy in einem Instagram-Post direkt an Spotify: „Ich würde gerne ein echtes Gespräch mit jemandem bei dem Unternehmen beginnen, der mir sagen kann, was ihr gegen KI-Betrug auf der Plattform zu tun gedenkt, gegen die Ausbreitung der Möglichkeiten, mit denen Nicht-Künstler die fehlende Regulierung auf der Plattform ausnutzen können, und wie sie dazu beitragen, dass Musik-Streaming-Dienste wie eurer zunehmend zum Ziel kulturellen Abgreifens werden.“

„Im September 2025 gab Spotify bekannt, im vergangenen Jahr mehr als 75 Millionen betrügerische Tracks von seinem Dienst gelöscht zu haben.“

All diese unternehmenseigenen Schutzmaßnahmen scheinen fragwürdige Praktiken kaum abzuschrecken. 2024 wurde der Musiker Michael Smith aus North Carolina von Bundesbehörden wegen Telekommunikationsbetrugs, Beihilfe zum Telekommunikationsbetrug und Beihilfe zur Geldwäsche angeklagt – er hatte Bots und KI eingesetzt, um bei mehreren großen Streaming-Anbietern, darunter Spotify, Apple Music und Amazon Music, betrügerisch mehr als zehn Millionen Dollar an Streaming-Einnahmen zu generieren. (Smith plädierte im September 2024 zunächst in allen Anklagepunkten auf nicht schuldig, bekannte sich dann am 19. März in einem Anklagepunkt der Beihilfe zum Telekommunikationsbetrug schuldig.)

Im Dezember 2025 wurde Drake beschuldigt, seine Partnerschaft mit dem Online-Casino Stake genutzt zu haben, um Millionen von Dollar in künstliche Stream-Boosting-Kampagnen zu pumpen. Die Vorwürfe waren Teil einer Sammelklage gegen Drake, Stake, den Streamer Adin Ross und den australischen Krypto-Milliardär George Nguyen.

„Seit mindestens 2022 haben Drake und diejenigen, die auf seine Weisung handeln – darunter Ross und Nguyen –, Stake.com und Stake.us genutzt, um im Verborgenen den organisierten Einsatz von Botting und Streaming-Farm-Aktivitäten zu finanzieren, um die Anzahl der Wiedergaben von Drakes Katalog auf großen digitalen Streaming-Diensten wie Spotify künstlich aufzublähen“, heißt es in der Klageschrift. „Diese unechten Streams, über digitale Wege zwischen den Bundesstaaten eingespeist, wurden so kalibriert, dass sie Tantiemen- und Empfehlungsalgorithmen in die Irre führen, Popularität vortäuschen, Playlists und Charts verzerren sowie sowohl Wert als auch Aufmerksamkeit des Publikums umlenken.“ (Keiner der Beklagten in diesem Fall hat sich seit der Einreichung der Klage öffentlich geäußert.)

Drake, TDE und K-Pop

Drake hatte zuvor behauptet, Universal Music Group (sein eigenes Label) habe eine ähnliche Praxis eingesetzt, um Streams für Kendrick Lamars vernichtenden Drake-Diss-Track „Not Like Us“ hochzutreiben, in dem der Torontoer Rapper als „Pädophiler“ bezeichnet wird. Er reichte daraufhin Klage gegen das Label ein und berief sich auf Verleumdung, vertragliches Fehlverhalten und finanziellen Schaden. Obwohl ein Richter die Verleumdungsklage abwies, legte Drake Berufung ein, und der Rechtsstreit ist noch anhängig. (Als Reaktion auf Drakes erste Klageeinreichung veröffentlichte ein UMG-Sprecher eine Stellungnahme, in der er seine Vorwürfe als „unwahr“ bezeichnete und ergänzte: „Die Vorstellung, dass wir den Ruf eines Künstlers beschädigen wollen – erst recht nicht den von Drake –, ist abwegig. Wir haben massiv in seine Musik investiert … über viele Jahre, um ihm zu historischem kommerziellem und persönlichem finanziellem Erfolg zu verhelfen.“)

Auch Top Dawg Entertainment wurde beschuldigt, Bots einzusetzen. Im Juli 2025 schimpfte die Medienpersönlichkeit Akademiks während einer seiner Livestream-Tiraden auf TDE, das angeblich Bots genutzt habe, um Doechii’s Streaming-Zahlen aufzublähen. „Das ist doch lächerlich“, sagte Akademiks. „Ihr wollt mir erzählen, nicht Nicki Minaj, nicht Drake, nicht Lil Wayne … Doechii? Nein, auf gar keinen Fall. Ihr müsst das Botting runterdrehen. Ihr müsst aufhören. Ich gebe TDE eine sehr deutliche Warnung.“ (Top Dawg reagierte nicht auf mehrfache Anfragen zur Stellungnahme. Doechii hat sich öffentlich nicht zu der Angelegenheit geäußert.)

Auch K-Pop bekommt den Druck zu spüren. Mehrere K-Pop-Künstler, darunter Jimin von BTS und Mitglieder von Blackpink, sahen im vergangenen Jahr im Zuge einer Bereinigung künstlicher Streams Millionen von Streams von ihren Tracks bei Spotify gestrichen – ohne dass ihnen dabei ein Fehlverhalten vorgeworfen wurde. Betrügerische Streaming-Schemata können große Künstler treffen, entweder ohne deren Wissen oder durch das Handeln Dritter.

„Manchmal sind es nicht mal die Künstler selbst – es gibt schlechte Akteure“, sagt Batey. „Ein Künstler sieht online eine Marketingfirma, die Dinge wie ‚Wir können Ihre Stream-Zahlen steigern‘ verspricht. Die sagen nicht, dass sie einen Haufen Bots kaufen, aber genau das tun sie. Dann werden die Streams des Künstlers gestrichen, er bekommt die Tantiemen nicht, und er glaubt, dass ihm etwas angetan wurde.“

Wer am meisten verliert

BTS und Blackpink sind riesige Acts, die den Sturm überstehen können – aber kleinere, unabhängige Künstler leiden am stärksten, weil sie nicht die Ressourcen haben, solche gewaltigen Einbußen zu verkraften. Wie Castle anmerkt, sind sie oft das bevorzugte Ziel. „Es gibt Leute, die Künstler ausnutzen, die bei keinem Major-Label unter Vertrag sind“, sagt er. „Major-Labels tun alles daran, dass so etwas nicht passiert – oder dass es nicht auf sie zurückfällt, wenn es doch passiert.“

Für die Streaming-Unternehmen ist es aus mehreren Gründen vorteilhaft, diese Cyberkriminellen zu erwischen. Laut Castle legt eine einfache Rechnung nahe: Je mehr Fake-Streams die Streaming-Unternehmen aus ihren Systemen tilgen können, desto weniger Geld müssen sie an Labels auszahlen.

„Wenn du ein Label bist, zahlen sie dir einen Anteil basierend auf allen Streams für die Tonaufnahmen dieses Labels – das ist der Zähler“, erklärt Castle. „Der Nenner sind alle Streams. Dieser Nenner wächst ständig, der Zähler jedoch nicht. Vor allem wenn der Künstler verstorben ist – dieser Zähler wird sich nie erhöhen. Er wird also mit der Zeit immer kleiner.“ Das ist einer der Gründe, warum so viele Künstler – darunter Taylor Swift, Radioheads Thom Yorke und Neil Young – gegen Spotify und andere Streaming-Plattformen protestiert haben.

„[Streaming-Dienste] zahlen unabhängig davon denselben Umsatzanteil aus“, fährt Castle fort. „Was ihnen wirklich am meisten am Herzen liegt, ist, diese 70 Prozent zu behalten – sie zahlen etwa 50 Prozent an die Labels und rund 18 Prozent an die Verlage für die Songs.“

Betrug „wirkt sich auf diese Formel aus“, sagt Castle. „Wenn sie die betrügerischen Tracks loswerden können, zählen diese Streams nicht mehr. Sie verschwinden. Das verringert automatisch den Nenner und erhöht die Auszahlung.“

Spotifys Gegenargument

Batey, die Spotify-Sprecherin, widerspricht dieser Argumentation. „Die Rahmung mit ‚Zähler versus Nenner‘ ist etwas schief“, sagt sie. „Streaming ist kein fester Kuchen, der mit jeder hochgeladenen Musik dünner aufgeteilt wird. Der Gesamtpool wächst, wenn mehr Menschen abonnieren und hören, und die Auszahlungen basieren auf dem Höreranteil jedes Künstlers. Die Streams steigen also, aber das ausgezahlte Geld steigt ebenfalls. Deshalb wachsen die Auszahlungen Jahr für Jahr – sie schrumpfen nicht.“

„Künstliche Streams versuchen, das System zu verzerren“, fährt sie fort, „weshalb wir sie entfernen und keine Tantiemen dafür auszahlen. Spotify behält keines der Gelder, die für künstliche Streams ausgezahlt worden wären – wenn wir diese Aktivität aufdecken, haben wir dieses Geld davor bewahrt, den Tantiemenpool zu verlassen. Es wird dann auf Basis legitimer Streams nach dem Streamanteil verteilt.“

Mit Blick auf verstorbene Künstler ergänzt sie: „Die Vorstellung, dass der Anteil eines Künstlers mit der Zeit nur sinkt, spiegelt nicht wider, wie das Hören tatsächlich funktioniert. Der Anteil eines Künstlers entwickelt sich mit dem Hörverhalten. Er kann wachsen, stabil bleiben oder sinken. Katalogmusik ist oft am beständigsten und kann jederzeit wieder aufleben – getrieben von kulturellen Impulsen: einer Serie, einem viralen Moment oder einer neuen Generation, die sie entdeckt.“ Als Beispiel nennt sie „Stranger Things“, das für eine Wiederbelebung des Interesses an Tracks wie Princes „Purple Rain“ gesorgt hat.

Doch während schlechte Akteure immer kreativer werden und lernen, die ihnen in den Weg gestellten Hindernisse zu umgehen, müssen Spotify und andere große Streaming-Plattformen das Problem weiter bekämpfen – und dabei immer raffinierter vorgehen. Die Teams, die rund um die Uhr Streaming-Daten scannen, beobachten im Hintergrund ständig bestimmte Signale: einen starken Anstieg der Stream-Menge von einer einzigen IP-Adresse oder aus einem einzigen Land, oder das Abspielen von nur 30 Sekunden eines Tracks, damit er für eine Tantiemenzahlung qualifiziert. Spotify etwa ist zurückhaltend, was die Details seines Verfahrens betrifft; das Unternehmen befürchtet, schlechten Akteuren damit einen Fahrplan zu liefern, wie sie genau jene Systeme umgehen können, die eigentlich dazu dienen, sie zu erwischen.

KI als neue Bedrohung

Und während Bot-Streams schon lange ein Problem darstellen, verschärft es sich nun durch KI und die Möglichkeit, Fake-Songs zu produzieren. Im September 2025 gab Spotify bekannt, im vergangenen Jahr mehr als 75 Millionen Tracks von seinem Dienst gelöscht zu haben – als Teil eines dreigliedrigen Plans, den Dienst für Nutzer und Kreative sicherer zu machen. Dazu gehören ein verbessertes Spam-Filtersystem und neue „Offenlegungen für Musik mit branchenüblichen Credits“ – doch die Umsetzung wird Zeit brauchen.

„Wir wollen sicherstellen, dass wir nicht die falschen Uploader bestrafen“, erklärte das Unternehmen in einer Stellungnahme, „weshalb wir das [Spam-Filter-]System in den kommenden Monaten schrittweise einführen und dem System kontinuierlich neue Signale hinzufügen werden, wenn neue Betrugsmaschen auftauchen.“

Angesichts der Flut an Vocal-Deepfakes hat Spotify zudem seine Richtlinien zur Imitation aktualisiert, sodass Künstler eine Beschwerde einreichen können, wenn eine Stimme nicht ihre eigene ist, und deren Entfernung verlangen können.

Um die Transparenz gegenüber den Hörern zu stärken, führen auch die Distributoren, die Credits an alle großen Streaming-Dienste liefern, Pläne ein, KI-Nutzung offenzulegen, wenn sie bei der Erstellung eines Tracks zum Einsatz kam. Das wird bereits zum Standard auf Streaming-Plattformen. Apple Music beispielsweise führte Anfang dieses Monats sogenannte Transparency Tags ein, die verpflichtend sind, wenn irgendein Teil des Inhalts KI verwendet. Laut einem Apple-Music-Newsletter stellen die neuen Kennzeichnungspflichten „einen konkreten ersten Schritt in Richtung der Transparenz dar, die die Branche benötigt, um Best Practices und Richtlinien zu entwickeln, die für alle funktionieren“. Der Streaming-Dienst Deezer implementierte ein KI-Erkennungstool, um – wie das Unternehmen auf seiner Website erklärte – „eine faire Repräsentation für alle Künstler zu gewährleisten und gleichzeitig Klarheit“ für seine Nutzer zu schaffen.

Distributoren wie DistroKid und TuneCore spielen ebenfalls eine wichtige Rolle bei der Erkennung betrügerischer Streaming-Aktivitäten. Kleinere Künstler ohne Plattenvertrag nutzen Distributoren, die als Vermittler fungieren können, indem sie Künstlerdaten verfolgen und mit Streaming-Diensten zusammenarbeiten, um verdächtige Aktivitäten zu erkennen und zu melden.

Und die Gebühren, die Distributoren für Fake-Streams zahlen müssen, geben jedem Unternehmen einen Anreiz, seine Integrität zu wahren. Bei Spotify etwa wird die Strafe fällig, wenn mehr als 90 Prozent der Streams eines Songs als illegitim eingestuft werden. Distributoren wird eine monatliche Pauschalgebühr von rund 10,82 Dollar pro betreffendem Track berechnet, und sie sind vertraglich verpflichtet, diese Kosten an die Künstler weiterzugeben, die den Inhalt ursprünglich hochgeladen haben. Weitere Konsequenzen können die Entfernung von Tracks oder des gesamten Katalogs, das Einbehalten von Tantiemen, die Sperrung des Accounts und der Verlust der Berechtigung für künftige Plattformpromotionen umfassen.

Im vergangenen September war Jay-Zs langjähriger Toningenieur Young Guru Teil eines hochkarätigen Panels beim alljährlichen Playlist Retreat von DJ Jazzy Jeff in Delaware, wo er leidenschaftlich seine Bedenken gegenüber KI äußerte. Im selben Atemzug wies er darauf hin, dass es heutzutage viel zu einfach sei, als „Künstler“ zu gelten und Inhalte auf eine beliebige Streaming-Plattform hochzuladen. Castle stimmt zu: Es muss schwieriger werden.

„Es ist viel zu einfach, als vermeintliche Tonaufnahme auf eine Streaming-Plattform zu gelangen“, sagt Castle. „KI-Tracks tauchen einfach in den Accounts verstorbener Künstler auf. Das sollte niemals passieren, aber man lässt es geschehen, weil es zu aufwendig ist, wirklich herauszufinden, wer wer ist. Wenn das so ist, wenn sie all diese Leute für die Betrugsbekämpfung einsetzen müssen – warum macht man das nicht von Anfang an? Jeden Track durchleuchten und herausfinden, wem er wirklich gehört. Den Zugang zum System erschweren.“

Kyle Eustice schreibt für den ROLLING STONE USA. Hier geht es zum US-Profil