Der „Leaving Neverland“-Regisseur hat einiges zu sagen über „Michael“

„Würden diese Leute einen Film über Harvey Weinstein drehen, ohne zu erwähnen, dass er Frauen vergewaltigt hat?“ Dan Reed lässt kein gutes Haar an „Michael“.

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Fast ein Jahrzehnt ist es her, dass Filmemacher Dan Reed mit den Dreharbeiten zu dem begann, was 2019 als HBO-Dokumentarfilm „Leaving Neverland“ Furore machen sollte – ein Schockfilm, der die Missbrauchsvorwürfe von Wade Robson und James Safechuck gegen Michael Jackson in schonungsloser Detailliertheit schilderte. Als einer der meistgelobten und zugleich polarisierendsten Dokumentarfilme des Jahres löste er eine wachsende Neubewertung des legendären Popstars aus. (Jackson hat sämtliche derartigen Vorwürfe zu Lebzeiten stets bestritten.) Nach seiner Erstausstrahlung klagte der Jackson-Nachlass jedoch erfolgreich gegen HBO, um den Film aus dem Programm des Senders zu drängen. Als Teil der Vergleichsbedingungen ist er auf keiner offiziellen Plattform verfügbar, bis die Rechte 2029 an Reed zurückfallen.

Das hat Reed nicht aufgehalten: Im vergangenen Jahr veröffentlichte er eine Fortsetzung auf YouTube, und er plant eine weitere Folge, die auf der bevorstehenden Zivilklage von Robson und Safechuck gegen zwei mit Jackson verbundene Unternehmen basiert. „Ich will ihre Geschichte bis zum Ende begleiten“, sagt Reed gegenüber ROLLING STONE aus seinem Zuhause in England. „Das wird der Schlusspunkt ihrer Auseinandersetzung mit Michael Jackson sein. Ich werde ‚Leaving Neverland 3′ drehen, komme was wolle, denn das ist das letzte Kapitel meiner Reise mit diesen Männern.“

Während er an seinem neuesten Film arbeitet – „Superbug“, eine Dokumentation über die dringende Notwendigkeit neuer Antibiotika, die später in diesem Jahr bei HBO erscheinen soll –, hat Reed noch einiges zu sagen über „Michael“, den weichgespülten neuen Biopic über den Sänger, der jegliche Missbrauchsvorwürfe mit Schweigen übergeht.

Reaktion auf den Biopic

Was geht Ihnen durch den Kopf, während der Film gerade weltweit anläuft?
Es hat vieles von der „Leaving Neverland“-Situation zurückgebracht – diese konkurrierenden Narrative darüber, wer Michael Jackson war. Mein erster Eindruck war natürlich: Das ist ein merkwürdiges Unterfangen angesichts des Themas. Ich habe eine durchgesickerte frühe Fassung des Drehbuchs gesehen, in der [Jacksons erster Missbrauchsankläger] Jordan Chandler und seine Eltern als ausbeuterische, manipulative Erpresser dargestellt wurden. Ich musste gleichzeitig lachen und würgen. Es erschien mir als spektakulär grausam, da Jordan und seine Mutter noch am Leben sind. Michael als Opfer zu malen war ein ernsthafter Versuch, die Deutungshoheit zu verschieben und allem zu widersprechen, was Wade und James in „Leaving Neverland“ gesagt haben. Eine der Hauptmotivationen im [Jackson-]Umfeld hinter diesem Film ist vermutlich: „Nein, nein, nein, so war das nicht in ‚Leaving Neverland‘. Lasst uns erzählen, wie es wirklich war.“

Hätten Sie es vorgezogen, wenn die Vorwürfe überhaupt angesprochen würden – selbst wenn das eine völlig andere Version der Geschichte bedeutet hätte als die in „Leaving Neverland“?
Das ist ein Jukebox-Movie, und das ist ziemlich langweilig. Ich glaube, es wäre hochgradig unterhaltsam gewesen, zuzusehen, wie sie versuchen, die Vorwürfe direkt anzugehen – denn das Risiko, sich dabei zu blamieren, ist enorm. Und das haben sie vermutlich auch erkannt. Die Jordan-Chandler-Geschichte konnten sie nicht erzählen. [Chandler, einer von Jacksons frühen Anklägern, hatte sich 1994 mit dem Sänger außergerichtlich geeinigt, wobei der Nachlass vertraglich verpflichtet wurde, ihn weder darzustellen noch namentlich zu erwähnen – was bereits gedrehte Schlüsselszenen unbrauchbar machte.] Aber es gäbe viele andere Geschichten, die sie hätten erzählen können. Sie haben gekniffen und werden nicht mehr darauf zurückkommen. Sie werden so viel Geld verdient haben, dass es ihnen egal sein wird.

Erzählen Sie mir von Ihrer Reaktion, als der Nachlass den Rechtsstreit gewann und Ihnen klar wurde, dass „Leaving Neverland“ nicht mehr zu sehen sein würde.
Ich war nicht in nennenswertem Umfang in die Gespräche mit den Anwälten eingebunden – ich wusste, dass dieser Rechtsstreit lief, wurde aber nicht genau darüber informiert, was vor sich ging. Das war eine Angelegenheit von HBO, die das unter sich und mit ihren externen Rechtsberatern regelten.

Ein schmerzhafter Schlag

War das Ihre Entscheidung?
Nein, nein, nein. So war das eben. HBO hat sich gütlich mit dem Nachlass geeinigt, und das beinhaltete die Abschaltung des Films. Ich kann das nicht beschönigen. Das ist schmerzhaft. Ein Schlag in die Magengrube. HBO war sehr mutig in der Art, wie sie [den Film] finanziert und mich unterstützt haben. Ich habe nichts als Respekt für sie. Sie haben sich sicher nicht kampflos ergeben.

Was sagt es über die Macht des Nachlasses aus, dass sie gewonnen haben?
Es fügt sich in das übergeordnete Narrativ von „Leaving Neverland“ ein: dass Macht, Einfluss und clevere Anwälte nahezu unmögliche Unterdrückungsleistungen vollbringen können. Sie ersticken alles im Keim. Sie haben Jacksons Kindesmissbrauch unterdrückt, solange er noch lebte. Selbst als er im Strafprozess vor Gericht stand. Er hätte damit nicht davonkommen dürfen, aber er tat es. Zum Teil lag das zugegebenermaßen daran, dass Wade Robson der wichtigste Entlastungszeuge war. Hätte Wade damals nicht [zu Jacksons Gunsten] ausgesagt, wäre es vielleicht anders ausgegangen. Aber es zeigt, dass man die Wahrheit mit Füßen treten kann, wenn man aggressive, findige Anwälte und ein immenses soziales Kapital hat. Selbst [HBO-Eigentümer] Warner Bros. war am Ende nicht in der Lage, sich gegen sie zu behaupten.

Die Rechte am Film gehen 2029 an Sie zurück. Haben Sie bereits einen Plan für eine Neuveröffentlichung?
Meine Absicht ist es sicherzustellen, dass „Leaving Neverland“ in Nordamerika wieder zu sehen sein wird. Es gibt keinerlei Problem oder Einwand gegen [den Film]. Die Integrität und Wahrhaftigkeit des Films wurde in keiner Weise angefochten oder untergraben. Das ist ein technischer Rechtsvergleich, der einen Vertragsstreit zwischen HBO und jemandem betrifft, mit dem HBO vor langer Zeit einen Vertrag abgeschlossen hat.

Ein zeitloser Film

Ich halte es für einen zeitlosen Film, der im Kern davon handelt, wie Kinder von jemandem manipuliert werden können, dem ihre Eltern vertrauen, dem sie selbst vertrauen und den sie wunderbar und faszinierend finden – der dieses Vertrauen aber ausnutzt, um Sex mit ihnen zu haben und dabei ernsthaften Schaden anzurichten. Die Tatsache, dass es Michael Jackson war, hat ihm eine enorme Reichweite verschafft, aber darum geht es mir bei diesem Film.

Sie haben dem „Hollywood Reporter“ gesagt, die Veröffentlichung von „Leaving Neverland 2“ sei „unbefriedigend“ gewesen. Was meinten Sie damit?
Ich war wohl etwas naiv und dachte: „Hey, YouTube wird vielleicht ein großartiger Weg sein, meine Arbeit zu veröffentlichen.“ Das Problem ist, dass meine Arbeit oft Konflikte oder Auseinandersetzungen behandelt oder drastisches Material enthält oder auf sexuellen Kindesmissbrauch verweist – und YouTube ist keine Plattform, die damit gut umgehen kann, wegen ihrer internen algorithmischen Vorgaben.

Dazu kam die Jackson-Fangemeinde, die den Film downvotete. Es gibt Automatisierungen, die es einer großen Gruppe von Leuten ermöglichen, einen Film massenhaft negativ zu bewerten. Und wenn die positiven Bewertungen unter einen bestimmten Prozentsatz fallen, geht er unter. Er ist noch verfügbar, aber er ist nirgendwo hingekommen. Wir haben nicht das riesige Publikum bekommen, das wir erwartet hatten. Fairerweise muss man sagen, dass manche Leute dachten: „Oh Gott, ‚Leaving Neverland 2′. Was ist die große Enthüllung?“ Es gibt keine Bombe. Wir haben den Film gemacht, damit die Leute Wade und James nicht vergessen. Es sind jetzt, verdammt nochmal, zwölf Jahre, die sie mit dieser Klage durch sind. Ich wollte nicht, dass sie nach „Leaving Neverland“ aus unserem kulturellen Gedächtnis verschwinden.

Jacksons Bild für neue Generationen

„Ich will nicht, dass irgendjemand Michael Jackson cancelt. Ich will nur, dass die Leute Michael Jackson hören, im Wissen, dass er ein Kinderschänder war.“

Eine neue Generation von Fans wird Jacksons Leben vermutlich durch „Michael“ kennenlernen. Wie fühlt es sich an zu wissen, dass die Vorwürfe aus dieser Perspektive nicht vorkommen?
Durch diesen Film werden zweifellos viele junge Menschen Michael Jackson entdecken, und sie werden mit dem Bild aus dem Kino gehen, dass er ein sehr talentierter Performer war, der Kinder sehr mochte – und das ist eine Verzerrung der Wahrheit. Junge Menschen kennen das Klischee des Filmstars oder Popstars, dessen Privatleben anrüchig ist. Sie sind nicht dumm oder naiv. Aber es ist ein Beweis für die Macht des Nachlasses und sein Gewicht in Hollywood, weil da dieses Realitätsverzerrungsfeld herrscht: „Das ist Michael fucking Jackson. Worüber redest du? Nichts von deinem Kindesmissbrauchs-Zeug. Scheiß drauf. Das ist Michael fucking Jackson.“ Das ist pures Geld. Purer Einfluss. Purer fucking Hollywood-Glamour. Und man schaut diese Leute an und denkt: „Habt ihr auch nur einen Funken… Habt ihr Kinder? Habt ihr jemals Kinder getroffen?“

Aber da ist dieser Mantel der Majestät, der um Jackson gelegt wird – und so erkläre ich mir, wie [Regisseur Antoine] Fuqua und [Drehbuchautor John] Logan – zweifellos Talente in Hollywood – sich dazu haben hinreißen lassen, an diesem Film mitzuwirken, der nach allem, was man hört, kein großer Film ist. Würden diese Leute an einem Film mitwirken, der die Filme von Harvey Weinstein verherrlicht, ohne je zu erwähnen, dass er Frauen vergewaltigt hat? Würden diese Leute an einem großen Werbefilm über die wohltätigen Aktivitäten von Jeffrey Epstein mitwirken? [Sarkastischer Ton:] „Epstein hat diese tollen Partys geschmissen und all diesen Kindern geholfen.“ Kein einziges namhaftes Hollywood-Talent würde sich für einen solchen Film verpflichten lassen. Warum verherrlichen all diese Leute Jackson?

Fuqua hat Jackson kürzlich verteidigt und, auf die Ankläger anspielend, gesagt, „manchmal tun Leute schmutzige Dinge für Geld“.
Ja, genau das hat Antoine Fuqua getan. Er ist ja eine Autorität.

„Er war ein Monster“

Er sprach über eine gedrehte, aber verworfene Szene über die FBI-Razzia auf der Neverland Ranch 1993 und sagte: „Ich habe ihn gefilmt, wie er nackt ausgezogen wurde, wie ein Tier behandelt, wie ein Monster.“
Mann, er war ein Monster. Wovon reden Sie? Der Grund, warum er ausgezogen wurde, war nicht, dass er auf der Straße von einem zufälligen rassistischen Cop aufgegriffen wurde. Sondern weil er unter ernstem Verdacht stand und wegen des sexuellen Missbrauchs an Jordan Chandler untersucht wurde. Dieser Mann war ein Krimineller.

Viele Kritiken des Films thematisieren, wie Michael als Opfer dargestellt wird.
Wenn sie reinen Tisch machen würden und es hieße: OK, Michael hatte diese erschreckend unangemessenen sexuellen Beziehungen zu sehr jungen Kindern, und er wurde von seinem Vater misshandelt, und er war ein unschuldiges, verletzliches Kind – das kaufe ich ab. Das ist ein Bild, mit dem ich etwas anfangen kann. Aber [zu behaupten,] er sei nur ein unschuldiges Opfer gewesen, ohne jeden bösen Willen, tut mir leid, das ist komplexer. Er wurde sehr schnell sehr reich, lebte in diesem Goldfischglas aus Prominenz und Performance, war ein großes Talent und konnte sich sehr stark darauf konzentrieren, auf der Bühne einen Eindruck zu hinterlassen. Das verstehe ich. Aber man muss deshalb keine Kinder missbrauchen.

Dies ist ein Film, bei dem Kritiker und Publikum wahrscheinlich an entgegengesetzten Polen liegen werden. Sie haben in Interviews gesagt, seine anhaltende Popularität zeige, dass „die Leute es nicht interessiert, dass er ein Kindesmissbraucher war. Die Leute interessiert es buchstäblich nicht.“ Könnten Sie das ausführen?
Es gibt eine kultartige Beziehung in [seiner] Fangemeinde. Ich spreche von den Stans, die E-Mails schreiben wie die, die ich heute Morgen bekommen habe: „Ich hoffe, deine Mutter stirbt in der Hölle.“ Für diese Menschen ist Jackson ein Gott, sie sind Teil eines Kults, ich begehe Blasphemie – und es ist für sie schlicht undenkbar, dass er die Dinge getan haben soll, die wir im Film behaupten.

Andere denken einfach: „Ja, ‚Leaving Neverland‘ wurde widerlegt“ – weil sie irgendwas auf Twitter oder YouTube gesehen haben. Und das gibt ihnen die Erlaubnis, die Musik zu genießen, denn es ist per Definition eine unbequeme Wahrheit: dass das Idol, das den Soundtrack Ihrer Hochzeit, Ihrer Teenagerjahre oder was auch immer lieferte, sich als dieses Monster entpuppt. Ich glaube, die meisten Menschen, die den Film sehen werden, interessiert das schlicht und einfach nicht.

Kein Aufruf zum Canceln

Als ich Wade und James 2019 interviewte, betonten sie, dass ihr Ziel nicht darin bestehe, Jackson zu „canceln“.
Ich bin kein Bücherverbrenner – das gehört in die tiefste Vergangenheit. Ich will nicht, dass irgendjemand Michael Jackson cancelt. Ich will nur, dass die Leute Michael Jackson hören, im Wissen, dass er ein Kinderschänder war.

Werden Sie den Film sehen?
Ich habe vor, ihn aus Recherchegründen zu sehen. Unter normalen Umständen würde ich das natürlich nicht tun. Aber ich bin neugierig, was darin vorkommt und wie ein Publikum darauf reagieren wird. Ich hoffe, ich werde nicht angespuckt.

Jason Newman schreibt für den ROLLING STONE USA. Hier geht es zum US-Profil