Tori Amos
„In Times Of Dragons“
Deutsche Grammophon (VÖ: 1.5.)
Die Meisterin der Dramatik kämpft gegen die Dämonen dieser Welt – mit metaphernstarken Klavierballaden.
Schon im vergangenen Herbst ließ Tori Amos verlauten, dass ihr 18. Studioalbum „In Times Of Dragons“ heißen sollte. Wer die Songwriterin kennt, wusste, dass es kein Fantasy-Spektakel werden würde, sondern eine scharfe Gegenwartsbetrachtung, verkleidet in zauberhafte Klavierballaden. Vor fünf Jahren suchte sie auf „Ocean To Ocean“ noch den Trost in der Natur, während die menschliche Gesellschaft schon überall auseinanderfiel. Als Amerikanerin, die zwischen ihrer Wahlheimat Cornwall und der US-Ostküste pendelt, bekam sie das Schlimmste aller Welten mit: wachsender Nationalismus, Klimakatastrophe und so weiter. Und sie tat das, was sie am besten kann: Sie verwandelt das Grauen in Schönheit. Sie findet Metaphern für die Brutalität und setzt ungenierte Empfindsamkeit dagegen. Stärke durch Sanftheit.
„Southern girls know what it means/ When the patriarchy menacingly says,/ ‚You shush yourself down now‘“ – so beginnt dieses Album vom „Kampf um Demokratie über Tyrannei“. Tori Amos hat früh beschlossen, niemals zu schweigen – gleich ihre erste Single handelte von Missbrauch („Me And A Gun“), die zweite schloss daran an. 1991 war das, damals war sie 28. Am Ende von „Shush“ sucht Tori Amos ihr jüngeres Ich: „I knew a girl who wrote/ ‚Silent All These Years‘/ Where is she?“ Sie ist immer noch hier, immer noch sinnlich und stark zugleich – auch wenn sie anschließend im Titelsong fragt: „Once I was Beauty/ Am I now the Beast?“ Sie war stets beides. Und zwischen diesen Polen spielt sich das gesamte Album ab: zwischen den Verheerungen und Verletzungen von außen und der Frage, ob und wie wir trotz allem innen intakt bleiben können. Grace under pressure.
Eine Meisterin der Dramatik war sie immer, an der Dramaturgie scheitert sie manchmal
Was können all die Frauen in diesem Werk – Kassandra, „St. Teresa“, „Gasoline Girls“ – ausrichten gegen all die Drachen? Wer „this Lizard Demon and his sadistic companions“ sind, muss Amos nicht explizit sagen. Die Feuer, die weltweit brennen, sprechen für sich. Und eine kleine „Ode To Minnesota“ hat sie auch noch eingebaut. Tori Amos stellt viele Fragen („Free speech?/ What was that?“), sie tritt in einen Dialog mit den Mächtigen. „Okay boys, let’s go!“, ruft sie, bevor das beschwingte „Fanny Faudrey“ eine Feministin aus dem 19. Jahrhundert besucht. Amos reist durch Epochen und Länder, trifft Priesterinnen und Jesus („Pyrite“), Heilige und Hexen („Blue Lotus“). Zwischendurch schwillt die Musik an, dann nimmt sie den Alarm wieder ein wenig zurück und wirft eine berückende Melodie ein.
Eine Meisterin der Dramatik war sie immer, an der Dramaturgie scheitert sie manchmal, weil sie ihre Texte zwar auf die Essenz reduziert, die Musik dann aber gern weit ausgreifen lässt. 17 Songs auf 75 Minuten sind mal wieder etwas (zu) viel. Aber im Jahr 2026 passt es gut, dass das Publikum am Ende erschöpft zurückbleibt. Allerdings mit einem Hoffnungsglimmer: Nach „Stronger Together“ besingt Tori Amos in „23 Peaks“ die Drachenkönigin. Vielleicht kann die es mit dem Eidechsen-Dämon aufnehmen.