Ed O’Brien

„Blue Morpho“

Transgressive (VÖ: 22.5.)

Der Radiohead-Gitarrist beschwört den eigenen Geist.

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Die Dunkelheit kennt viele Orte. Sie lauert am Rande der Stadt. Oder an Bord einer 747 auf dem Weg nach London. Schon Paul Simon wusste früh, dass es besser ist, sie zu begrüßen, statt sich von ihr jagen (und – unvermeidlich – einholen) zu lassen. Auch wenn sich das 1964 konkret auf seine Schreibstube bezog und weniger metaphorisch gemeint war. Ed O’Brien hatte die Dunkelheit schon fast unter sich begraben im ersten Pandemiewinter, als er sich, aufgeweckt von einer Prise Wim Hof (tiefe Atmung, kalte Bäder), in sein Studio zurückzog, um einfach draufloszuspielen, „bis sich sein Geist gegen die Mittagszeit langsam aufzulösen begann“. Das ist PR. Aber trotzdem ein schönes Bild.

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In den erhabensten Momenten von „Blue Morpho“ glaubt man diesem Geist noch Jahre und Stationen später dabei zuhören zu können. Etwa wenn sich der fast konventionelle TripHop von „Teachers“ zum Finale in ein Noise-Crescendo fallen lässt. Aber man hört auch, wie der Radiohead-Gitarrist auf seinem zweiten Soloalbum der allmählichen Zersetzung Form abzuringen versucht. Der Tag ist ja noch jung zur Mittagsstunde. So etabliert „Incantations“ ein Gitarrenmotiv, um das sich mächtig immer weitere Kreise und Schichten legen, bis sich die Musik wieder ganz in sich selbst zurückziehen darf.

Der Titelsong beschwört Geister einer Waliser Landschaft unter großem Streicherhimmel, arrangiert von dem estnischen Komponisten Tonu Korvits. Das fast zehnminütige „Obrigado“ hält irgendwann inne, dankbar für brasilianische Jahre. So ist „Blue Morpho“ nicht zuletzt ein Memo an sich selbst: Sich an sein anderes Gesicht zu erinnern. Sich noch mal auf die Suche nach einem „Sweet Spot“ zu machen. Für die nächste Dunkelheit, die da kommen wird. Irgendwann.