Reinhard Mey: Doppelt so viele Goldene Schallplatten nach Fehler
Ein Berechnungsfehler brachte Reinhard Mey 23 nachträgliche Auszeichnungen – darunter Platin. Der BVMI bestätigte die Korrekturen. Alles zur Neubewertung.
Manchmal dauert es Jahrzehnte, bis sich eine Bilanz zurechtrückt. Im Fall von Reinhard Mey ist es mehr als eine Korrektur – es ist eine statistische Neubewertung einer großen Karriere.
Ein Berechnungsfehler im komplexen Zählsystem hat dazu geführt, dass sich die Zahl seiner Goldenen Schallplatten praktisch verdoppelt.
Mindestens 23 Auszeichnungen kommen nachträglich hinzu, darunter Platin und dreifach Gold. Eine stille Legende wird plötzlich auch zahlenmäßig lauter.
Eine Lücke in der Ehrungsbiografie
In den Jahren zwischen 1975 und 2000 klaffte in der offiziellen Ehrungsbiografie eine Lücke – obwohl Mey in genau diesem Zeitraum konstant erfolgreiche Alben veröffentlichte.
Während ab den 1950er-Jahren die Singles das Maß der Dinge waren – Caterina Valente etwa bekam eine frühe Auszeichnung –, verlagerte sich später der Schwerpunkt auf den „Longplayer“ (LP). In Deutschland gab es seit 1976 Platin für eine Million Alben, Gold für 500.000. Nach den aktuellen, sukzessive abgesenkten Regularien sind heute 100.000 verkaufte Einheiten nötig, um eine „Goldene Schallplatte“ zu erhalten; bei Singles sind es 200.000.
Seit der Anpassung der Richtlinien im digitalen Zeitalter werden zudem Streams stark gewichtet. So gilt seit 2018 der „200:1-Faktor“ für Premium-Streams, was bedeutet, dass für eine Gold-Single etwa 150 Millionen Streams benötigt werden. Im Laufe der Pop-Jahrzehnte wurden die Grenzen also stetig verschoben.
Der BVMI bestätigt die nachgereichten Auszeichnungen
Erst eine Überprüfung durch sein Umfeld und seine Plattenfirma brachte ans Licht, was lange übersehen worden war. Der Bundesverband Musikindustrie (BVMI) bestätigte die zusätzlichen Auszeichnungen inzwischen. Dass dieser Vorgang so spät erfolgt, wirkt fast wie ein Anachronismus in einer Branche, die sonst jede Streamingzahl sekundengenau kennt.
Chronist des Alltäglichen
Für Reinhard Mey waren schnöde Zahlen ohnehin nie der Punkt. Der 83-Jährige gilt als Chronist des Alltäglichen, als poetischer Beobachter, dessen Lieder sich dem schnellen Konsum entziehen. Seine Bedeutung misst sich nicht in Goldstatus, sondern in Generationen von Zuhörern, die mit seinen Songs leben. Lieder wie „Über den Wolken“ sind längst kulturelles Allgemeingut; Zeilen wie „Gute Nacht, Freunde. Es wird Zeit für mich zu gehen“ sind in den allgemeinen Sprachgebrauch eingegangen.
Diese besondere Beziehung zu seinem Publikum zeigt sich auch auf der Bühne: Mey, allein mit Gitarre, ohne Lichtgewitter und Inszenierung, erreicht Menschen aller Altersgruppen. Ein seltenes Phänomen. Als Singer-Songwriter konnte er über die Jahrzehnte auch in Frankreich unter dem Namen Frédérik Mey Erfolge feiern. Er und sein Publikum haben sich stetig erneuert, ohne die Wurzeln zu verlieren.
Haftbefehl und ein 55 Jahre altes Lied
Dass seine Musik auch heute noch unerwartete Wege findet, zeigte sich Ende 2025: Sein über 55 Jahre altes Lied „In meinem Garten“ kehrte plötzlich in die Charts zurück. Auslöser war eine Netflix-Dokumentation über Rapper Haftbefehl, in der dieser den Song in einer intensiven Szene abspielt und mitsingt – ein Moment, der zwei scheinbar weit entfernte musikalische Welten verbindet und Meys Werk einmal mehr als zeitlos erweist.
Ein spätes Echo auf eine große Karriere
Die nachgereichten Auszeichnungen sind damit mehr als ein bürokratischer Akt. Sie sind ein spätes Echo auf eine Karriere, die sich nie an Verkaufszahlen orientiert hat – und sie vielleicht gerade deshalb überdauert.
Im September 2026 wird ein neues Album erwartet. Für Reinhard Mey bedeutet das vor allem eines: weitermachen. Ganz unabhängig davon, wie oft am Ende ein Gold- oder Platin-Sticker draufklebt.