„Foreign Tongues“: Geniale „Morphing Cover“ der Musikgeschichte
Nathaniel Mary Quinn gestaltete das Cover-Artwork für das neue Album der Rolling Stones. War eine andere große britische Band Vorbild?
Ikonische Artworks für ihre Alben gehören zum Großwerk der Rolling Stones dazu. Man denke nur den legendären „Sticky Fingers“-Reißverschluss von Andy Warhol. Auch das Cover für das nun inzwischen 25. Studioalbum der Band wurde von einem Künstler gestaltet: Maler Nathaniel Mary Quinn.
Der amerikanische Künstler ist bekannt für seine hybriden, fragmentierten Porträts. Dabei handelt es sich nicht um Collagen, denn die Bilder sind alle gemalt. Quinn kombiniert klassische Ölmalerei mit Pastell, Kohle und Gouache, um Gesichter zu erschaffen, die wie zerrissene Puzzles aussehen.
Herausgekommen ist so ein Werk, das auch unter dem Namen „Stones Trinity“ firmiert und schon mit dem Titel auf die Verschmelzung der Musiker zu einer einzigen Persönlichkeit verweist, die aus drei Teilen besteht (ein bisschen religiöse Überhöhung durch die Anspielung auf die heilige Dreifaltigkeit darf natürlich nicht fehlen). Klar, zwischen die verbliebenen Musiker passt kein Blatt, die Stones sind auch im Jahr 2026 eine quasi religiöse Einheit.
„The Miracle“ als Vorbild für die Rolling Stones?
Quinn ist stolz auf sein Werk, nannte es einen „Dialog mit einer der beständigsten Kräfte der Kulturgeschichte“. Dabei betreten der Künstler und die Stones, wenn es um die Musikgeschichte geht, allerdings keinesfalls Neuland. Auch in der Vergangenheit gab es Cover-Artworks, die eine Verschmelzung der Mitglieder einer Band zeigten. Nahmen sich die Stones etwa Queen zum Vorbild?
Eines der bekanntesten dürfte nämlich das Cover zu „The Miracle“ (1989) von Queen sein. Die Gesichter aller vier Bandmitglieder wurden mithilfe einer damals bahnbrechenden (und ziemlich teuren!) digitalen Bildbearbeitung zu einem einzigen „Über-Gesicht“ verschmolzen. Im Nachhinein wurde das Artwork vor allem von Fans gewaltig verklärt als eine Art künstlerisch-mythische Einheit gegen das Schicksal. Zum damaligen Zeitpunkt wusste die Öffentlichkeit noch nichts von Freddie Mercurys HIV-Infektion und späteren Aids-Erkrankung.
Dem Cover folgte aber auch auch eine Mission: Erstmals wurden alle Songs der einzelnen Queen-Mitglieder der gesamten Band „Queen“ zugeschrieben. Das verschmolzene Gesicht war wohl auch die grafische Umsetzung dieses Verzichts auf Egos.
Tricktechnik mit Botschaft
Das Ineinanderblenden von Gesichtern war indes auch zu Zeiten von „The Miracle“ nichts Neues. Auf dem Cover zur Single „Voulez Vous“ stehen die Mitglieder von ABBA so eng beieinander, dass ihre Profile und Haare fast wie eine einzige skulpturale Form zusammengezogen wirken. Auch das legendäre, weil digital erstellte Cover-Artwork von „Remain In Light“ der Talking Heads ist mit seinen roten Masken auf den Gesichtern der Bandmitglieder ganz sicher ein Vorbild. Allerdings ging es David Byrne und Kollegen eher um Verfremdung als um Verschmelzung.
Sonderlich aufwendige Tricks braucht man für solche Morphing-Verfahren nicht, wie das Artwork zur Live-Single von „Invisible Touch“ von Genesis zeigt. Die Körper von Phil Collins, Mike Rutherford und Tony Banks wurden so arrangiert, dass sie visuell ineinander übergingen.
Der Morphing-Effekt sprang später natürlich auch auf Musikvideos über. Kein Wunder, wirkt hier doch das Verfahren noch einmal überraschender und wunderlicher. Wie im Clip zu Michael Jacksons „Black Or White, wo Gesichter verschiedener Ethnien und Geschlechter ineinander übergehen. Hier geht es weniger um eine künstlerische Einheit, wie sie die Rolling Stones ausdrücken wollen. Stattdessen triumphiert technisch und humanistisch eine Einheit und Gleichheit der Menschen in visualisierter Form.