Interview

FKA twigs im Interview: „Wenn ich wachse, bin ich glücklich“

Deep Talk mit der UK-Experimental-Popkünstlerin während ihrer „Body High Tour“ über Präsenz, Körperbewusstsein & künstlerische Identität.

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Mit ihren 2025er Alben „Eusexua“ und „Eusexua Afterglow“ hat FKA twigs ihre Vision von Pop neu definiert: ein partizipatives Erlebnis, das die Grenzen zwischen Bühne und Publikum aufhebt. Mitten in ihrer körperlich fordernden „Body High Tour“, die die 38-Jährige am 12. Juni auch ins Berliner Velodrom führt, nimmt sich Tahliah Debrett Barnett, wie sie bürgerlich heißt, Zeit für ein Gespräch über die Kunst, im Moment zu sein, ihr Verhältnis zum eigenen Körper und die Frage, warum sich niemand mit ihr identifizieren können muss.

ROLLING STONE: Wie leicht fällt es dir, so richtig im Hier und Jetzt zu leben?

FKA twigs: Oh, das ist easy. Ich bin gern produktiv, was bedeutet, dass ich mich stark auf den Moment konzentrieren muss. Und gerade beim Training und Tanzen braucht man ohnehin ein gewisses Maß an Präsenz.

Sehr professionell.

Ich bin Steinbock. Ich kann nichts dafür. (lacht)

Deine aktuellen Konzerte verwischen die Grenze zwischen Performance, Rave und Ritual. Welche Art von Transformation soll die Crowd von einer Show mitnehmen?

Ich versuche derzeit, die Barriere zwischen Performenden und Publikum einzureißen. Speziell mit der „Eusexua“-Ära glaube ich fest daran, dass ein Konzert ein Gespräch zwischen mir und der Crowd sein muss. Ich möchte, dass sie das Konzept verstehen, genießen und sich hineinfallen lassen. Die Shows zum 2019er Album „Magdalene“ waren eher etwas zum Zuschauen, aber bei den „Eusexua“-Gigs sind alle ein Teil des Ganzen. Ich möchte, dass alle tanzen, ihre Körper benutzen und Ehrfurcht empfinden – nicht nur vor der Bühne, sondern auch vor sich selbst und voreinander, für das, was ein Mensch alles möglich machen kann. Es geht darum, dass wir gemeinsam „Eusexua“ erreichen. Bei den bisherigen Konzerten ist die Vision auch wirklich aufgegangen, sie ist komplett lebendig geworden. Die Community hat sogar meine Erwartungen übertroffen. Die Botschaft ist echt angekommen und scheint überall nachzuwirken. Was mich daran so glücklich macht: Es zeigt, was Musik für eine umfangreiche Bedeutung hat. Sie ist Kommunikation und Leben.

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Was ist dir wichtiger: gesehen oder verstanden zu werden?

Eigentlich muss ich gar nicht gesehen werden. Besonders heutzutage ist mir das egal geworden. Und ich glaube, das ist gleichzeitig das Beste und das Problematischste an mir als Künstlerin. Ich habe einfach nicht mehr das Bedürfnis, dass alle Aufmerksamkeit auf mir liegt. Deshalb liebe ich es auch, meine Bühne mit so vielen großartigen Artists zu teilen. Ich bin sehr sicher, was mein Talent und mein Handwerk angehen. Aber gleichzeitig habe ich nie das Bedürfnis, im Spotlight zu sein. Eine meiner Tänzerinnen sagte einmal zu mir, dass eine gewisse Freiheit darin entsteht, missverstanden zu werden. Und ich glaube das auch. Man muss sich nicht mit mir identifizieren können. Die Momente, in denen ich mich in meiner Karriere am unwohlsten gefühlt habe, waren die, in denen ich oder mein Team versucht haben, mich zu einer Person zu machen, mit der man sich identifizieren kann. Ich habe einfach gemerkt: Das ist nichts für mich. Die Menschen, die zu meinen Shows kommen oder mit mir arbeiten wollen, sind Leute, die lieber einfach etwas erschaffen und existieren wollen, statt sich ständig Gedanken darüber zu machen, wie sie wahrgenommen werden. Menschen werden sowieso immer ihre eigenen Meinungen haben. Das ist ihr gutes Recht. Aber letztlich geht mich das nichts an.

Wenn du vom Missverstehen sprichst, muss ich an das Anecken, Verstören denken, was so oft von der Kunst verlangt wird. Ist das ein Anspruch, der dir nahe liegt?

Kunst muss etwas bedeuten. Sie kann ein Gefühl von Ruhe, Leere, Trauma, Schmerz oder Erinnerung hervorrufen. Es geht in jedem Fall darum, dass man eine Emotion, einen Moment oder eine Idee in Form von Gesang, Bewegung oder Tanz einfängt. Manche Kunst kann natürlich auch aus einer eher nihilistischen oder apathischen Haltung heraus entstehen, aber das ist nicht die Position, aus der ich persönlich Inspiration ziehe. Ich will, dass meine Kunst etwas auslöst.

Übertriffst du dich dabei manchmal selbst?

Ja, ständig. Die Tour, auf der ich mich aktuell befinde, ist extrem körperlich. Ich hatte mich vor den US-Konzertterminen gefragt, ob ich alle Termine überhaupt in dieser Intensität schaffen würde. Aber es hat funktioniert. Und ich hätte sogar noch mehr machen können. Der menschliche Körper kann Unglaubliches leisten, wenn man sich etwas nur wirklich vornimmt. Wenn man etwas so richtig will, kann man Dinge erreichen, die die eigene Intelligenz, Belastbarkeit oder Körperlichkeit zu übersteigen scheinen. Das ist die Kraft des Geistes.

Wie gehst du mit der Repetition des Touralltags um? Wie schaffst du es, trotzdem so angeknipst zu sein?

Ich empfinde es gar nicht als runterdrückende Repetition. Genau deshalb wollte ich die „Body High Tour“ machen – sie fordert mich enorm heraus. Jedes Mal, wenn ein Konzert zu Ende ist, fühle ich mich erfüllter. Ich nutze die Wiederholung, um neue Bedeutungen zu entdecken und mich in einzelnen Momenten weiter zu pushen. Gerade weil ich das Material inzwischen so gut kenne, kann ich spontaner werden und mehr mit der jeweiligen Situation spielen. Ich möchte mich ständig verbessern und weitergehen als bis zu dem Punkt, den ich für möglich gehalten habe.

Inwiefern gehst du weiter als du gedacht hättest?

Ich nehme mal als Beispiel das Ende vom Track „Striptease“. Da singe ich diese sehr großen, intensiven Töne. Im Studio konnte ich den Part in vielen Takes aufnehmen und am Ende alles zusammensetzen. Live geht so etwas nicht, da gibt es nur den einen Versuch. Schon allein zu lernen, etwas auf der Bühne in einem Durchgang zu singen, das ursprünglich in Einzelteilen aufgenommen wurde, bedeutet, sich selbst arg zu pushen und komplett über sich hinauszuwachsen. Inzwischen schaffe ich das nicht nur einfach so, ich füge sogar noch mehr Noten hinzu. Wenn ich den Song heute nochmal aufnehmen würde, könnte ich höhere Töne singen, die ich während des Aufnahmeprozesses damals noch gar nicht konnte. Am Anfang der Tour war ich an manchen Stellen erschöpfter und musste gucken, wie ich Energie sparen kann. Jetzt bin ich fitter und ausdauernder, also kann ich mutiger sein. Auch beim Pole Dance. Das ist komplexer geworden. Es geht da viel um Übergänge. Früher brauchte ich vier Handbewegungen für eine Position, jetzt schaffe ich es manchmal in zwei – und das live vor tausenden Menschen. Deshalb bin ich die Wiederholungen nicht leid. Weil ich viel tiefer in alles eintauchen kann. Auch emotional. Einen Song zu performen ist das eine, ihn wirklich zu fühlen etwas anderes. Auch wenn die Tour hart ist, habe ich das Gefühl, daran zu wachsen. Und wenn ich wachse, bin ich glücklich.

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Selbstoptimierung kann einen negativen Beigeschmack haben, gerade wenn ich mich so auf Social Media umschaue. Du wirkst aber durchweg pro Selbstoptimierung.

Ehrlich gesagt habe ich noch nie gehört, dass es negativ sein könnte, sich verbessern zu wollen. Der Trend ist wohl noch nicht in meinem Algorithmus angekommen. (lacht)

Kannst du mehr darüber erzählen, wie sich dein Blick auf deinen Körper durch all die Jahre des Performens und Singens verändert hat?

Tänzerin und Athletin zu sein ist interessant, genauso wie in der Öffentlichkeit zu stehen. Egal wie sehr man versucht, sich zu schützen: Es gibt immer idealisierte Vorstellungen davon, wie ein Körper aussehen sollte, und das weiß man auch. Ich habe das Glück, dass ich insgesamt seit jeher ein recht gutes Verhältnis zu mir selbst und meinem Körper habe. Aber ich habe mich auch immer mehr darauf konzentriert, was mein Körper praktisch leisten kann, statt darauf, wie er aussieht. Training und Touren verstärken das nur noch. Für mich geht es um Beweglichkeit, Flexibilität, Kraft und Ausdauer. Ich tanze professionell, seit ich zwölf bin. Deshalb basiert meine Body Positivity eher auf Funktionalität. Ich messe mich eher an früheren Versionen von mir selbst als an irgendwelchen Schönheitsidealen. Je älter ich werde, desto weniger interessieren mich diese sogenannten Ideale. Ich trainiere nie primär für Aussehen oder Wahrnehmung.

Du hast kürzlich David Byrne getroffen und ihr habt euch über Kunst und Performance unterhalten. Inwiefern hat so ein Gespräch Einfluss auf deine Arbeit?

Inspiration entsteht bei mir vor allem aus mir selbst heraus – auch wenn ich natürlich ständig Dinge von anderen Artists und aus der Welt aufnehme. Das Gespräch mit ihm hat aber keine direkte Wirkung auf meine Arbeit, auch wenn ich denke, dass David Byrne die kulturelle DNA so stark geprägt hat, dass das im Unterbewussten auch in mein Werk einfließt. Letztlich beeinflussen wir uns doch irgendwo alle gegenseitig.

Siehst du dich aktuell besser durch deine Live-Performance oder durch ein Album von dir widergespiegelt?

Große Artists sind immer die Summe all ihrer Ausdrucksformen. Wenn man an Prince, Diana Ross oder auch Madonna denkt, kann man Album und Performance nicht voneinander trennen. Alles gehört zusammen. Genau das macht für mich eine außergewöhnliche Künstlerin oder einen außergewöhnlichen Künstler aus. Und das ist auch das, wonach ich strebe: Ich will eine wirklich starke Künstlerin sein, auf ganzer Linie.

FKA twigs live in Deutschland 2026

  • Freitag, 12. Juni – Berlin, Velodrom