Fußball WM 2026: Ist Manuel Neuer der Johnny Cash des deutschen Fußballs?
Manuel Neuers WM-Rückkehr erinnert an Johnny Cashs „American Recordings“ – ein Comeback gegen alle Widerstände.
Am Donnerstag, dem 21. Mai, hat der Deutsche Fußballbund (DFB) das 26-köpfige Aufgebot für die WM in den USA, Mexiko und Kanada bekanntgegeben. In diversen Leaks war bereits vorher durchgesickert, dass Bayern-Schlussmann Manuel Neuer nach seinem Rücktritt 2024 plötzlich wieder im Boot ist.
Nicht nur für die nominelle Nummer Eins, Oliver Baumann von der TSG Hoffenheim, ist das ein Schlag ins Kontor. Seitdem läuft die Debatte in den Fanforen heiß. Die Pro-Neuer-Entscheidung wird dort ähnlich kontrovers bis aggressiv diskutiert wie die Nicht-Berücksichtigung von FC-Köln-Jungstar Said El Mala – zumal der unerwarteten Berufung von Stürmer Leroy Sané gegenübersteht, der bei seinem Karriere-Auslaufverein Galatasaray Istanbul zuletzt keine überragenden Leistungen mehr zeigte.
Neuers DFB-Comeback nach fast zwei Jahren ist kein Einzelfall. Bundestrainer Nagelsmann setzt auf Erfahrung – ähnlich wie im „Fall Toni Kroos“ bei der Heim-EM 2024. Kroos hatte nach seinem Rücktritt 2021 überraschend noch einmal für Deutschland gespielt, bevor er seine aktive Laufbahn endgültig beendete.
Comebacks in der DFB-Geschichte
Auch der Rückblick auf frühere Jahrzehnte kennt solche Aufreger: „Rebell“ Paul Breitner kehrte nach Streitigkeiten mit dem DFB mehrfach zurück und führte Deutschland 1982 sogar zur Vizeweltmeisterschaft in Spanien. Rudi Völler ließ sich nach seinem Rücktritt 1990 noch zweimal überreden, weil der Mannschaft Stürmer mit Knipser-Mentalität fehlten. Und selbst Rekordnationalspieler Lothar Matthäus feierte nach Konflikten und Verletzungen ein spätes „Na gut, einmal noch“ im Deutschland-Trikot.
Womit der Blick in die Popmusik naheliegt.
Tina Turner, Cher, Johnny Cash: Die Parallelen zur Musik
Darf man Peter Gabriel als den Lothar Matthäus der wuchtigen „Sledgehammer“-Hymnen bezeichnen? Wohl kaum – nicht jede Parallele in den Kosmos von Rock, Pop oder Techno funktioniert. Aber ein bisschen schon.
Denn Tina Turner, Cher oder eben jener Gabriel feierten nach Rückzügen oder Krisen erfolgreiche Rückkehr „aufs Spielfeld“. Auch hier ging und geht es um Ausstrahlung sowie den nur zu verständlichen Wunsch, noch einmal besondere Momente mitzunehmen.
Tina Turner erlebte um 1984 das wohl monumentalste Comeback der Popgeschichte. Nach schlimmen Jahren des Missbrauchs durch ihren Ehemann Ike Turner und der damit einhergehenden kreativen Bedeutungslosigkeit veröffentlichte sie mit 44 Jahren – vier Jahre älter als Manuel Neuer heute – den Song „Private Dancer“. Sie landete ausgerechnet am deutschen Standort ihrer Major-Plattenfirma EMI Electrola in Köln, lernte dort ihren späteren Gatten Erwin Bach kennen, tafelte zur Freude der Boulevard-Kollegen oft und gerne im VIP-Italiener „Salerno“ – und stieg vom Rhein aus zum globalen Superstar auf.
Eine andere Nummer ist Cher. Mit 52 Jahren landete sie 1998 nach einer längeren Durststrecke mit „Believe“ den größten Hit ihrer Karriere. Wie Neuer bewies sie allen Kritikern, die sie als „zu alt“ abstempelten, das Gegenteil – und revolutionierte nebenbei den Sound der Popmusik per Auto-Tune-Technik. Quizfrage: Was ist das „Auto-Tune“ des Fußballs? Die legendäre Eistonne, mit der sich Miroslav Klose bei der Roma lange fit gehalten hat?
Manuel Neuer als Johnny Cash: Durch den Ring of Fire?
Die naheliegendste Analogie bietet Johnny Cash und seine „American Recordings“ aus dem ersten WM-Jahr in den USA 1994. Der Mann in Schwarz war Anfang der 1990er Jahre mit 62 Jahren kommerziell abgeschrieben und gesundheitlich angeschlagen. Hip-Hop- und Slayer-Produzent Rick Rubin holte ihn zurück ans Mikrofon. Nur mit einer Gitarre bewies Cash, dass seine bloße Präsenz, Aura und die Härten des Lebens mitunter unersetzbar sind. Geht Manuel Neuer also durch den „Ring of Fire“ – oder verletzt er sich im Pokalendspiel am 23. Mai in Berlin gegen den VfB Stuttgart?
Last, but not least in einer Reihe, die sich sicherlich auch in den Indie- und Alternative-Bereich verlängern ließe, wäre Kylie Minogue. Mit 55 Jahren landete sie mit „Padam Padam“ einen zwar merkwürdigen, aber immerhin globalen Mega-Hit. Nach einer Krebserkrankung und schwankenden Erfolgen kehrte sie triumphal in die vorderste Reihe zurück. Auch die Australierin – die in jungen Jahren eine Wasserleiche im Video ihres Landsmanns Nick Cave darstellte – beherrscht wichtige Kicker-Voraussetzungen wie Antizipation, Stellungsspiel und mentale Stärke.