
Bruce Springsteen und die Autos: Nur ein Vehikel gegen den Stillstand
Was sagen uns Autos und Züge in Songs? Und welches Verkehrsmittel ist zu bevorzugen?
Wahrscheinlich geht es vielen Springsteen-Fans so: Schon seit der Schulzeit schlage ich mich mit eigentlich geliebten Freunden herum, deren Vorurteile gegen den „Boss“ (ein Wort, das er selbst nie wollte und das ich nur unter Androhung von Gewalt verwenden würde) ich einfach nicht ausräumen kann. Ja, er mag auf der Bühne manchmal „hemdsärmelig“ oder „breitbeinig“ wirken, aber seine Musik ist doch in weiten Teilen ganz anders. Egal wie oft ich „Nebraska“ verschenke, das Missverständnis bleibt. Inzwischen haben wenigstens alle, die früher bei „Born In The U.S.A.“ nicht genauer hingehört haben, kapiert, dass Springsteen mit stumpfem Patriotismus gar nichts am Hut hat, immerhin dafür kann man Trump dankbar sein.
Kommen wir jetzt zum Auto. Es war ja lustig, wie Paddy Mc-Aloon 1988 im Prefab-Sprout-Song „Cars And Girls“ über die vermeintlich größten Leidenschaften Springsteens sang: „Brucie dreams life is a highway“, um dann festzustellen: „Some things hurt more, much more than cars and girls.“ Allerdings würde Springsteen da doch sofort zustimmen.
Bei Springsteen ist das Auto weder Potenzmittel noch Selbstzweck
Die Romantik seiner Auto-Metaphern hat mit PS gar nichts zu tun. Bei ihm ist das Auto weder Potenzmittel noch Selbstzweck, es ist nicht zum Angeben da, sondern zum Aufbruch. Es ist das Fluchtvehikel – der Weg raus aus der Misere, die einzige Möglichkeit. Am eindeutigsten natürlich in „Thunder Road“, aber auch in „Born To Run“. Legendär, wie Nachwuchsmafioso Christopher Moltisanti bei den „Sopranos“ zu spät zu einem Treffen kommt und als Entschuldigung beiläufig die Songzeile zitiert: „The highway’s jammed with broken heroes on a last chance power drive.“
„The highway’s jammed with broken heroes/ On a last chance power drive/ Everybody’s out on the run tonight/ But there’s no place left to hide …“
In „Racing In The Street“ (1978) bringt der ’69 Chevy seinem Fahrer wenig Glück. Das „Stolen Car“ (1980) entkommt der Dunkelheit ebenfalls nicht, das Auto in „Cadillac Ranch“ (1980) wird wohl mit dem Leichnam des Protagonisten auf dem Schrottplatz landen. Eine Automanie, die Gier nach Statussymbolen sieht anders aus (vgl. Ulf Poschardt). Passend, dass „The River“, auf dem diese beiden Songs sind, mit „Wreck On The Highway“ endet. Auch der Junge, der in „Used Cars“ (1982) davon träumt, nie wieder ein gebrauchtes Auto kaufen zu müssen, möchte nur die ewige Existenzangst hinter sich lassen – er weiß, wie weh Kapitalismus tun kann, wenn die eigene Familie zum Bodensatz der Gesellschaft gehört.
Es geht um die Freude am Unterwegssein
Bei Springsteen geht das Auto also ausnahmsweise in Ordnung, weil es in amerikanischen Kleinstädten und Dörfern – genau wie hier auf dem Land – schwer ist, sich anders fortzubewegen, zumindest über lange Strecken. Trotzdem sind die Benzinschleudern (Lieder über E-Autos müssen erst noch geschrieben werden) im Prinzip abzulehnen und Züge vorzuziehen – und ja, sogar die der Deutschen Bahn. Aber noch viel schöner sind natürlich die mythischen, die zum Beispiel in vielen R.E.M.-Songs vorkommen. Der „Southern Crescent“, dessen Signale in „Driver 8“ zum Träumen von anderen Orten einlädt: „We can reach our destination, but it’s still ways away.“ „Carnival Of Sorts (Boxcars)“, „Bandwagon“, „Auctioneer (Another Engine)“: In den ersten Jahren waren es die Geräusche der vorbeirauschenden Amtrak-Züge, die Michael Stipe beflügelten, später eher Flugzeuge und „High Speed Trains“ – was halt passiert, wenn man die Welt gegen die Südstaaten eintauscht.
Geblieben ist die Wanderlust, die ewige Freude am Unterwegssein. Und da treffen sich Jack Kerouac, Bruce Springsteen und Michael Stipe – Stillstand kam für sie nie infrage.