Rosalías „Lux“-Tour: Ein Spektakel, das nur sie hinbekommt

Die spanische Visionärin eröffnete einen zweiabendigen Lauf im Madison Square Garden mit einer Show, die Oper, Ballett und Pop-Extravaganz in einem war – und durch und durch Rosalía.

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Als Rosalía ihr Album „Lux“ letztes Jahr veröffentlichte, war eines der schönsten Dinge beim ersten Hören, die barocke, spirituell aufgeladene Welt zu entdecken, die sie erschaffen hatte – wie ein magisches, sich entfaltendes Buch. Aber etwas zu hören ist eine Sache; einen vollständigen Einblick in die weitreichende, ambitionierte Imagination hinter dem Album zu bekommen, ist etwas ganz anderes. Und genau das passiert, wenn man Rosalía dabei erlebt, diese Musik live aufzuführen.

Am Dienstag brachte die radikale, wandlungsfähige spanische Visionärin das Album in seiner ganzen grandiosen Pracht in den Madison Square Garden – mit einer Show, die atemberaubend schön, von intensiver künstlerischer Dichte und irgendwie trotzdem mitreißend verspielt und voller Leichtigkeit war. Die Performance war Teil eines zweiabendigen Laufs in der 19.000-Personen-Arena – beide Shows wurden zweimal verschoben, weil die Knicks im NBA-Finale standen – und die Fans kamen in Erwartung einer religiösen Erfahrung: gekleidet in himmlisches Weiß, mit Heiligenschein-Stirnbändern und dem gelegentlichen Umhang. Doch in dem Moment, als das Heritage Orchestra die Bühne betrat, war klar, dass das hier kein gewöhnlicher Sonntagsgottesdienst werden würde: Das britische Ensemble, das auf dieser Tour als Rosalías Begleitband fungiert, schlenderte in den Orchestergraben, während Jimi Hendrix‘ „Angel“ aus den Lautsprechern dröhnte.

Ein paar anschwellende Akkorde kündigten den Beginn der Show an, während Crew-Mitglieder in Schwarz die Bühne bevölkerten und Bühnenelemente arrangierten. Sie schoben eine riesige weiße Kiste in die Mitte und klappten langsam jede Seite herunter – zum Vorschein kam Rosalía im weißen Tutu und Spitzenschuhen, wie eine Ballerina in einer Spieluhr, während die Menge tobte. Diese ersten Schritte leiteten zwei Stunden atemverschlagender Choreografie und Inszenierung ein, entstanden in Zusammenarbeit mit Dimitris Papaioannou, der auch die Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele 2004 inszeniert hatte. Rosalías Stimme füllte die Arena mit den kaskadierenden Linien von „Sexo, Violencia y Llantas“, dem eindrucksvollen Albumopener, der sofort den Ton für das theatralische Erlebnis setzte, das folgen sollte.

Opernhaft und überwältigend

Die Performance gliedert sich in vier Teile, und besonders die ersten beiden Akte reihen einen Knockout-Moment an den nächsten. Viele der orchestralsten Arrangements der Show – und vielleicht einige der wahnsinnigsten Gesangsakrobatiken, die wir je von Rosalía gehört haben – ereignen sich hier: In „Reliquia“ steckt Schönheit und Auftrieb, in „Divinize“ tiefe Mystik und das Auflösen des Egos. Das atemverschlagende Opern-Drama von „Mio Cristo Piange Diamanti“ ist ein beeindruckendes Zeugnis ihrer konservatorisch ausgebildeten Stimmkraft und ihrer außergewöhnlichen Qualitäten als Performerin; das donnernde Gemisch aus Chorchorälen und elektronischen Ausbrüchen in „Berghain“ bringt Dunkelheit und Schärfe, bevor ihre Tänzerinnen in rasante Moves verfallen, die die Lautstärke bis zum Anschlag aufdrehen.

Wer Rosalía schon lange verfolgt, wird erkennen: Das ist eine Steigerung gegenüber der kinetischen Modernität ihrer „El Mal Querer“-Tour und dem rohen, reduzierten Kino ihres „Motomami“-Kapitels. Die Choreografie ist ein gewaltiger Wandel: Das Ballett, das sie in diesem Abschnitt vorführt, hat ihr in sozialen Medien Kritik von echten Ballerinas eingebracht, die nach eigener Aussage von ihrer Technik erschaudern und um ihre Knöchel fürchten – doch der eigentliche Punkt ist das Weltenbau, das Rosalía in Echtzeit auf der Bühne betreibt. Sie erschafft ein opulentes, altertümliches Erlebnis, erweist hochdisziplinierten Kunstformen die Reverenz und stellt das Engagement und die Strenge zur Schau, die sie bis hierher gebracht haben.

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Das vielleicht überraschendste Element aber ist, wie viel Freude und Verspieltheit Rosalía auf die Bühne bringt. Aus einem bestimmten Blickwinkel kann „Lux“ als belehrendes, ja prätentiöses Projekt wirken – mit seinen einem Dutzend Sprachen und Verweisen auf heilige Schutzpatrone und göttliche Texte. Doch das Live-Erlebnis glättet die Kanten, mischt Pop, Sinnlichkeit und Schelmerei in ein zutiefst transformatives Set – und diese Balance schlägt kein anderer Künstler so gut wie Rosalía, die in New York sichtlich in Hochstimmung war. „Ich erinnere mich an die erste Show, die ich hier gespielt habe, da waren so ungefähr, no te exagero, 20 Leute“, sagte sie und dachte an ihren ersten Auftritt in der Stadt zurück. „Und heute Abend spiele ich im Madison Square fucking Garden!“ Für Fans ihrer eingängigeren Seite gab es außerdem überarbeitete Versionen von Hits wie „Saoko“ und „Despecha“. Ein Großteil des Reizes lag darin zu erleben, wie schnell sie in einer Sekunde tränenrührende Momente der Schönheit lieferte und im nächsten Augenblick mit einem Betty-Boop-Augenzwinkern konterte.

Maggie Rogers als Überraschungsgast

Ein Hauch von Camp kam durch ihre Tradition, eine prominente Freundin für ein enthüllendes Geständnis auf die Bühne zu holen. Rosalía hat schon alle möglichen Gäste eingeladen – von Lola Young bis Bad Gyal – und sie augenbrauenhebende Geschichten über amouröse Abenteuer erzählen lassen. Am Dienstag sorgte sie für Schnappatmung, als sie Maggie Rogers herausbrachte. Die Singer-Songwriterin hatte eine wirklich wilde Geschichte auf Lager: ein Date mit einem „New York Times“-Journalisten, der sie um 1 Uhr nachts in den Konferenzraum seines Büros zum Knutschen einlud – nur damit sie später herausfand, dass er eine Freundin hatte. Auf die Behauptung der beiden Künstlerinnen, Journalisten würden „Sachen erfinden“ und seien nicht vertrauenswürdig, hätte man gut verzichten können (die Pressefreiheit steht mehr denn je unter Beschuss, Mädels, ernsthaft), aber Rogers‘ Geständnis ist mit Abstand das saftigste der gesamten Tour bisher. Es leitete auch „La Perla“ ein, eine beißende Abrechnung mit männlichem Chauvinismus im Dreivierteltakt, untermalt von frecher Crazy-Horse-Paris-Kabarettchoreografie, die die Schlagfertigkeit des Songs perfekt ergänzt.

Das beste Beispiel für Rosalías Fähigkeit, Ambition, Können und Leichtigkeit gleichzeitig zu stemmen, war jedoch „Foc’Rainni“, das abschließende Stück vor der Zugabe. In der Extended-Cut-Version des Albums ist das einer ihrer herzzerreißendsten Tracks – er beschwört Herzschmerz, eine gescheiterte Verlobung und eine Liebesgeschichte herauf, die nie war. Und doch steckt bei aller Traurigkeit so viel sorglose Freiheit in der Live-Performance: Rosalía rast mit ihren Ballerinas über die Bühne und schmettert Zeilen über ihre eigene Unabhängigkeit: „I will be mine / And of my freedom.“ Man ist mit Rosalía dabei, als sie die Show beendet, indem sie sich von der Bühne fallen lässt – bereit für das, was das Leben als Nächstes bringt. Sie kam für „Magnolias“ zurück, eine zarte Elegie, die den Tod als friedlichen Abschied neu deutet, und sang davon, diese Welt zu verlassen und zurück in die Sterne aufzusteigen. Da hatte sie uns längst so viel gegeben – und auch das Publikum war mehr als ein kleines bisschen verwandelt.

Die Setlist der „Lux“-Tour

OVERTURE

„Overture“

ACTO 1

„Sexo, Violencia y Llantas“
„Porcelana“
„Divinize“
„Mio Cristo Piange Diamante“

ACTO 2

„Berghain“
„SAOKO“
„LA FAMA“
„LA COMBI VERSACE“
„De Madrugá“

ACTO 3

„El Redentor“
„Can’t Take My Eyes Off You“ / „Confessional Engagement“
„La Perla“
„Sauvignon Blanc“
„La Yugular“

INTERMEZZO

„Dios Es Un Stalker“
„Rumba del Perdón“
„CUUUUuuuuuute“

ACTO 4

„BIZCOCHITO“
„DESPECHÁ“
„Focu? Ranni“

ENCORE

„Magnolias“

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Julyssa Lopez schreibt für den ROLLING STONE USA. Hier geht es zum US-Profil

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