Pulp-Konzert in Berlin: Comeback-Triumph im Tempodrom
Jarvis Cockers Authentizität und die Wiederentdeckung von Liebe: Pulp spielten in Berlin ein triumphales Konzert. Warum die Comeback-Show außergewöhnlich war
Wir dachten immer, der neue Pulp-Song „Got To Have Love“ handle von der wiederentdeckten Liebe Jarvis Cockers zu seiner Band, die im vergangenen Jahr nach 24 Jahren Albumpause mit „More“ ein fulminantes Comeback gefeiert hat. Auf seine David-Brent-Art singt Cocker: „Speak up / I mean, do you even know how to spell it? Well, I’ll spell it for you, yeah / It goes L-O-V-E / You spell it L-O-V-E“. Nur um am Ende des Liedes zu sagen: „Now we know how a Tamagotchi must feel.“ Tamagotchi – jenes japanische Elektronikspielzeug aus den 1990er-Jahren, die Steinzeitvariante einer Liebesbeziehung zwischen Mensch und Pseudo-KI. Tamagotchis brauchen Liebe. Das sieht auch Cocker so: „Without love / You’re just jerking off inside someone else.“
Bei Jarvis Cocker ist es immer schwer zu sagen, wie aufrichtig er Gefühle meint; er ist ein Performer. Lieder wie „Got To Have Love“ sind Understatement und Oberstatement zugleich. Understatement, weil Cocker seine großen Gefühle stets relativiert. Oberstatement allein deshalb, weil bei Pulp inzwischen neun Menschen auf der Bühne stehen – worüber der Cocker des Jahres 1995 wahrscheinlich gelacht hätte. Und die anderen großen Britpop-Bands, Oasis, Blur und Suede, vermutlich auch.
Die Masse macht’s, die Liebe macht’s: Vielleicht geriet das längst überfällige Berliner Konzert von Pulp („Das letzte Mal spielten wir am 17. Juni 1996 in Berlin, im Huxley’s“, erzählte Cocker auf der Bühne) auch deshalb zu einem solchen Triumphzug. Die Fußball-Weltmeisterschaft bleibt beim Tempodrom-Auftritt außen vor (Deutschland spielte gegen Ecuador). Pulp sind die Meisterschaft! Dass ihr Set kürzer war als üblich, hatte hoffentlich nichts damit zu tun, dass Cocker in Ruhe die zweite (miserable) Halbzeit schauen wollte.
Zwischen Ironie und Erlösung
Der 62-jährige Cocker singt viel über Jesus, dessen Leidensweg und Wiederauferstehung, über Resilienz und Stoizismus, wie im schönsten Lied der neuen Platte, „Slow Jam“: „When you’re going through hell / Well, how about you just keep going?“ Auf den Leinwänden wird dazu ein Clip eingeblendet, der einen Club aus seiner Heimat Sheffield und seiner Kindheit zeigt: das „Limit“. Die schwarzen Eingangstüren sehen aus wie die Schwarzen Tore von Mordor. „Jesus died upon the cross“, singt Cocker, „Then Jesus came back from the dead / So, I had a word with Jesus.“ Gottesglaube, Buße und Ekstase im Club liegen bei ihm dicht beieinander. Er bewegte sich immer schon zwischen „The Office“ und der Hacienda.
Nirgendwo werden diese Widersprüche, die unser Menschsein auszeichnen, deutlicher als in „This Is Hardcore“, getragen von den schweren Peter-Thomas-Bläsern – ein aufrichtiges Junkie-Lied, das Cocker ausgerechnet damit beginnt, dass er sich in einen Bühnensessel setzt und an einer Tasse Tee nippt. Später zeigt er mit dramatischer Geste auf die Leinwand, wo aus einer psychedelischen Fischaugenperspektive, fast wie in einer Esther-Williams-Choreografie, Kunstschwimmerinnen zu sehen sind. In „Farmer’s Market“ greift Cocker in die Taschen seines Jacketts und holt tatsächlich Trauben hervor, um sie ins Publikum zu werfen. Er singt: „Are those groceries really that important?“ – die perfekte Parodie auf Showmanship.
Ein großer Entertainer
Das Juwel ihrer Diskografie, „Sunrise“, erhält live endlich den Pathos, den es schon auf dem Album „We Love Life“ besitzt: Vier Gitarren leiten nach dem Crescendo des dritten Akts einen vierten ein, der noch stürmischer ausfällt. Allein für diesen Song (und einen späteren) wurde eine Riesentrommel auf der Bühne platziert, auf die Cocker insgesamt nur dreimal schlägt. Dramaturgisch also noch beeindruckender als tonal. Wie dekadent. Und wie großartig.
Jarvis Cocker, jener britische Hüne, der so aussieht wie sein eigenes Trademark, so, als wäre er schlicht in seiner Anzughülle von 1995 gealtert, ist auch ein hervorragender Tänzer. Es war gar nicht so verkehrt, dass er einst bei den Brit Awards unerlaubt zu Michael Jackson auf die Bühne stieg, um dessen „Earth Song“-Performance zu parodieren. Jackson und Cocker bewegen sich erstaunlich ähnlich; beide zweifellos beeinflusst von Bob Fosses außerweltlicher Eleganz in der Verfilmung des „Kleinen Prinzen“, wie er dort über Sanddünen schreitet. Fosse und Cocker wandeln über Oberflächen, die für sie stets Bühnen sind. Der Gang als Darbietung.
Im abschließenden „A Sunset“ singt Cocker: „I scanned the menu options / I did not have a choice / I’d like to teach the world to sing / But I do not have a voice.“ Ach, Jarvis.