Clive Davis‘ Pre-Grammy-Gala war die letzte große Party der Musikbranche
Mit A-List-Performances, Branchenprominenz und nächtlichem Netzwerken verkörperte die exklusive Gala eine Version des Musikbusiness, die es so nie wieder geben wird.
Es gibt einen Moment zu Beginn der alljährlichen Pre-Grammy-Gala von Clive Davis, die traditionell am Vorabend der großen Show stattfindet, in dem einem geladenen Gast klar wird: So besonders bist du gar nicht. Klar, dein Name steht auf der Gästeliste für das Dinner im Beverly Hilton Hotel in Beverly Hills – dem Ort der Veranstaltung seit nunmehr zwei Jahrzehnten –, aber dein Stellenwert in der Musikbranche reduziert sich auf einen kleinen Papierzettel mit einer Tischnummer, hingekritzelt mit einem Filzstift. Alles im zweistelligen Bereich, und du sitzt im goldenen Kreis; die 100er bedeuten: sehr, sehr wichtig; die 200er, du hast dein Leben der Musik gewidmet; die 300er – du bist im Geschäft, vielleicht am Rande, aber immerhin weit genug oben, um eine Einladung zu ergattern. Ohne Begleitung. (Hand hoch.)
Davis, der letzte Woche im Alter von 94 Jahren starb, war bei der Gala, die er vor rund 50 Jahren ins Leben rief, nicht einfach nur präsent – die Branchenlegende mit einer Erfolgsgeschichte, die sechs Jahrzehnte umspannte, war das Ereignis selbst. Am Podium stehend hielt Davis buchstäblich stundenlange, detailreiche Laudationes, wies auf Persönlichkeiten im Saal hin und zählte deren jüngste Erfolge auf. Jeder dieser Momente baute sich mit wachsender Spannung auf. Davis sagte dann so etwas wie: „Dieser Künstler hat Platz eins der „Billboard“-Charts erreicht; die jüngste Welttournee war in Minuten ausverkauft; die neue TV-Show/Doku/das neue Projekt ist bereits ein riesiger Erfolg; das ist ein Künstler für Künstler“ – oder vielmehr: „ein Künstlah fah Künstlah“, immer mit dem unverkennbaren New Yorker Akzent. Wer könnte es sein? Man setzt die Puzzleteile zusammen. Miley Cyrus? Post Malone? Jay-Z? Niemand wäre in diesem Rahmen fehl am Platz gewesen.
Dass die Clive-Davis-Gala den Untertitel „Salute to Industry Icons“ trägt, ist treffend – denn so sehr der Abend ein Fest der Erfolge der Musikwelt ist, gehören viele der Anwesenden selbst zu dem Apparat, der diese Erfolge erst möglich macht. Daher auch die Genugtuung, wenn die Einladung ins Haus flattert. Zugegeben, die eigentliche Einladung ist längst nicht mehr so aufwendig gestaltet wie in den Neunzigern und den Nullerjahren – als eine handgelieferte Box ankam, geprägt mit den Worten „the tradition continues“ –, aber ihr Gewicht ist auch im digitalen Format ungebrochen.
Ein Abend ohne Absperrungen
Ironischerweise gibt es drinnen keine Samtseile. Promi-Gaffen – Taylor Swift, Rihanna, Barbra Streisand oder eine Kardashian aus sicherer Entfernung beäugen – ist für einen Moment neu, aber das eigentliche Geschehen spielt sich beim Netzwerken ab: an den vorderen Tischen, draußen auf dem Balkon, hinten im Saal. Ich habe einmal beobachtet, wie Billie Eilish wild entschlossen auf Lana Del Rey zustürmte; habe gesehen, wie Joni Mitchell zu Latto tanzte; und entdeckt, wie alle möglichen Leute – von Max Martin über Nancy Pelosi bis Don Lemon – von Förderern und Schmeichlern in die Enge getrieben wurden. Ich habe Pärchen beim Knutschen gesehen (Cardi B und Offset, Damiano David und Dove Cameron) und Konkurrenten beim Sticheln gehört (Jimmy Iovine, 2014 in Vertretung von Beats, lobte seinen gerade gestarteten Musikdienst als den Ort, „wo du für jeden Stream bezahlt wirst“). Selbst die Großen blieben nicht verschont: Sir Lucian Grainge musste 2018 erleben, wie Shania Twain seinen Namen in den Text ihres Hits „That Don’t Impress Me Much“ einbaute.
Und dann waren da die außergewöhnlichen Performances. Es sind zu viele, um sie alle zu nennen, aber einige brennen sich besonders tief ins Gedächtnis: Beck und die überlebenden Nirvana-Mitglieder, die 2017 David Bowies „The Man Who Sold the World“ coverten; The Time (mit Originalmitgliedern Morris Day, Jerome Benton, Jimmy Jam und Terry Lewis), die 2019 zu Ehren des Wegbereiters Clarence Avant „Jungle Love“ spielten; Elvis Costello und Juanes, die 2023 gemeinsam „(What’s So Funny ‚Bout) Peace, Love and Understanding“ darboten.
Was die schiere Anzahl an Live-Performances betrifft, ist das Programm des Abends durchaus mit dem der Grammy Awards selbst vergleichbar – ganz zu schweigen von den Kollaborationen, etwa als John Fogerty 2014 zu Foo-Fighters-Schlagzeuger Dave Grohl und Jennifer Hudson stieß, um die Creedence-Klassiker „Fortunate Son“ und „Proud Mary“ zu spielen. Unvergesslich bleibt auch der Moment, als Jamie Foxx 2006 das Publikum verblüffte, indem er Fantasia Barrino spontan für ein Duett von „Do What It Do“ auf die Bühne holte.
Entdecker neuer Talente
Davis war auch ein verlässlicher Förderer neuer Talente. Die diesjährige Gala stellte Olivia Dean und Sombr vor, frühere Ausgaben machten die Anwesenden mit Lorde, Doechii und Benson Boone bekannt. Wie bei der Zeremonie der Rock & Roll Hall of Fame gipfelte der Abend häufig in einem All-Star-Jam mit den Künstlern des Abends. Zu diesem Zeitpunkt hatte sich der Saal meist schon merklich geleert. Ausdauertechnisch konnte niemand mit Clive mithalten – er veranstaltete traditionell eine After-Afterparty in der Polo Lounge des Beverly Hills Hotel, wo Freunde (wie die Stammgäste Ari Melber und Jeff Ross), Familie und Gratulanten zusammenkamen.
Als Clive Davis 90 wurde, kursierten bereits Fragen, was aus der Gala wird, wenn er einmal nicht mehr da ist. Sohn Doug Davis, ein angesehener Musikanwalt, hatte die Produktion der Veranstaltung mit Bravour gestemmt, den Sitzplan penibel ausgearbeitet und die zahlreichen Teilnahmeanfragen koordiniert. Doug erzählte „Variety“ 2018, sein Vater habe ihm und seinen Geschwistern erst ab 16 Jahren gestattet, die Gala zu besuchen. Als Erwachsener steckte er 20 Jahre in die Veranstaltung, während er gleichzeitig seine eigene Anwaltskanzlei führte – zwei Vollzeitjobs, wenn man so will.
Naheliegend wäre, dass die Recording Academy, die die jährlichen Grammy Awards ausrichtet, das Ruder übernimmt. Die von Harvey Mason Jr. geführte Organisation ist seit 15 Jahren offizieller Partner der Gala. Ihr CEO, selbst ein renommierter Produzent (zu seinen Credits zählen Aufnahmen mit Whitney Houston, die in der Nacht von Clive Davis‘ Pre-Grammy-Gala 2012 tragisch ums Leben kam – die Show ging, nicht ohne Kontroversen, weiter), hat sich als Freund der Branche und engagierter Fürsprecher der Musikschaffenden erwiesen.
Wer übernimmt das Erbe?
Andere verweisen auf Davis-Zögling Larry Jackson. Der einstige Schalttechniker, der zum Music Director bei San Franciscos KMEL aufstieg, bekleidete danach A&R-Positionen bei RCA und J Records, wo er unter Davis‘ Mentorship mit Hudson und Leona Lewis arbeitete. Zu seinen Verdiensten zählen auch die Verpflichtungen von Lana Del Rey und Chief Keef zu Interscope, bevor er zu Label-Chef Iovine bei Beats by Dr. Dre wechselte. 2014 zog Jackson zu Apple Music weiter, wo er sich auf Talent Relations konzentrierte und Partnerschaften mit Nicki Minaj, Frank Ocean und Taylor Swift, unter anderem, schloss. 2023 gründete er gamma., mit einem gemeldeten Investitionsvolumen von einer Milliarde Dollar von Geldgebern wie Todd Boehley und Apple. Zum aktuellen Roster gehören Usher, Ye, Rick Ross, Snoop Dogg, North West und Sexyy Red. Das bislang eindrücklichste Beispiel für Jacksons Einfluss war seine von gamma. veranstaltete Grammy-Afterparty im Februar – ausgerechnet in der Polo Lounge. Unter den Gästen: Justin Bieber, Jamie Foxx und Lauryn Hill, die spontan das Mikrofon ergriff und eine Medley-Einlage zum Entzücken der Menge hinlegte.
Gibt es einen anderen Manager mit Clive Davis‘ Renommee und Zugkraft? Wer vergleichbares Gewicht beanspruchen könnte – wie Jimmy Iovine oder David Geffen –, hat die Branche längst gegen andere Gefilde eingetauscht. Und Davis‘ Tod fühlt sich wirklich wie das Ende einer Ära an. Schließlich lässt sich das Musikgeschäft schwer feiern, wenn Songwriter kaum noch über die Runden kommen, wenn die Werke von Musikern zur Trainingsgrundlage für KI werden oder wenn Bots und digital hochgepushte Clips als Hype durchgehen, ohne jede echte Kuratierung. Ob Clive Davis‘ Geschichten von „Gehör haben“ oder von mutigen Wetten – gegen den Strom oder mit ihm – in der heutigen kennzahlengetriebenen Branche noch verfangen würden, bezweifle ich. Aber es hat verdammt viel Spaß gemacht, solange es dauerte.