Madonna findet ihren Groove: Ihr bestes Album seit 20 Jahren

Mit „Confessions II“ beweist Pop-Königin Madonna, wie dramatisch und ekstatisch ein Dancefloor sein kann.

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„Die Leute denken, Tanzmusik sei oberflächlich“, verkündet Madonna gleich zu Beginn ihres hervorragenden neuen Albums „Confessions II“. „Aber die liegen alle falsch. Der Dancefloor ist nicht bloß ein Ort. Er ist eine Schwelle, ein ritueller Raum, in dem Bewegung die Sprache ersetzt.“ Diese Schwelle ist Madonnas Lebensraum. Seit sie in den Achtzigern explodierte, hat die Queen aller Pop-Queens ihre Karriere dem Beweis gewidmet, wie komplex, wie dramatisch, wie ekstatisch ein Dancefloor sein kann.

Mit „Confessions II“ kehrt Madonna auf die Tanzfläche zurück – dorthin, wo sie sich stets neu erfindet. Das Album ist eine Fortsetzung eines ihrer beliebtesten Werke, „Confessions on a Dance Floor“, ihrer 2005er Zusammenarbeit mit dem Londoner Disco-Meister Stuart Price. Zugleich ist es ihr stärkstes Album seit dem Original vor 21 Jahren. 64 Minuten Non-Stop-Groove, der wie ein Club-DJ-Set fließt – jeder Song geht nahtlos in den nächsten über und schöpft aus der gesamten Geschichte der Tanzmusik. Hier ein Aufflackern von „I Feel Love“, dort ein Echo von „Apache“ – aber dieser Geschichtsunterricht wird zur musikalischen Autobiografie.

Sie eröffnet mit einem Knall: Das Triptychon aus „I Feel So Free“, „Good for the Soul“ und „One Step Away“ ist eine zwölfminütige Suite, in der sie auf dem Elektro-Throb-Beat reitet und dabei die innere Bedürftigkeit auslotet, die sie immer wieder auf die Tanzfläche treibt. „Manchmal verstecke ich mich einfach im Schatten“, murmelt sie über einem Groove, der das House-Klassiker-Sample von Lil Louis‘ „French Kiss“ aufgreift. „Ich kann sein, wer immer ich sein will, eine neue Persona erschaffen. Ehrlich gesagt wünschte ich, ich könnte wie andere Menschen sein und einfach nichts drauf geben – aber hier draußen auf dem Dancefloor fühle ich mich so frei.“

Stuart Price und prominente Gäste

Stuart Price produzierte das gesamte Album, mit Gastbeiträgen von Andrew Watt, Cirkut, Mirwais, Arca, Triangle Park, Parisi und anderen. Der belgische Künstler Stromae gesellt sich zu ihr auf dem katholischen Exorzismus „My Sins Are My Savior“, während bei „Read My Lips“ Tainy produziert und Feid einen spanischen Gesangseinschub beisteuert.

„Bring My Love“ ist ihr atemlos-intensives Duett mit Sabrina Carpenter, das die beiden Stars im April beim Coachella uraufführten. Es schwebt auf Fragmenten von Detroit Techno und interpoliert Inner Citys 1988er Klassiker „Good Life“, während die beiden einen Dialog über künstlerische Inspiration führen. „Bring it, Sabrina“, kommandiert Madonna – eine kluge Paarung, denn sie zerfleischte die Mannsbilder schon, bevor Sabrina überhaupt auf der Welt war.

„Danceteria“ gehört zu den erfreulichsten Disco-Ausflügen des Albums: ihre Hommage an den legendären New Yorker Club der Achtziger. Sie fängt den Rausch des noch unbekannten Party-Girls ein, das auszieht, um seine noch unbekannten Freunde zu treffen, und malt die Szene mit Zeilen wie „Get on the elevator/I run into Debi Mazar.“ Frisch aus dem Mittleren Westen ist sie überwältigt von all den Stars im Club – Downtown-Künstler wie Jean-Michel Basquiat, Fab Five Freddie und Keith Haring. Aber am meisten verschlägt es ihr die Sprache bei den Musiklegenden: „Nile Rodgers and David Byrne/The B-52s had money to burn/Lounge Lizards have so much style/Lower East Side, take a walk on the wild side“ – bevor sie ihre eigene Version des „Doo de doo“-Chants aus dem Lou-Reed-Klassiker anstimmt.

New Yorker Glam und Disco-Geschichte

Das ist ein Song, der in verschiedenen Generationen New Yorker Glamour-Coolness getränkt ist und ins verschwitzte Miteinander der Tanzfläche übersetzt wird. Sie skandiert den Hook „Everyone here is a work of art.“ Das könnte das Credo ihrer gesamten Karriere sein – von ihrer Debüt-12-Inch „Everybody“ aus dem Jahr 1982 über „Vogue“ bis „Ray of Light“. Sie singt vom Schauer, als sie ihren eigenen Song aus den Danceteria-Boxen dröhnen hörte – die Nacht, in der DJ Mark Kamins ihr „Everybody“-Demoband spielte, der Moment, der ihr einen Plattenvertrag einbrachte und ihre ganze Geschichte in Gang setzte. Als Fan sog Madonna alles auf, von Club-Beats über Post-Punk bis zu frühem Rap – der ultimative Disco-Fan, der sich zum ultimativen Disco-Mastermind wandelte.

Das Original „Confessions on a Dance Floor“ war sowohl ein naheliegender Schachzug als auch ein Karrierehöhepunkt, zwei Jahrzehnte nachdem sie mit dem Hit-Feuerwerk aus „Into the Groove“, „Material Girl“ und „Crazy for You“ 1985 ihren Thron beansprucht hatte. Doch es war das letzte Mal – bis jetzt –, dass sie sich daran machte, einen publikumswirksamen Wurf zu landen. „Confessions“ leitete eine der seltsamsten Phasen einer Karriere ein, die nie knausrig mit Seltsamkeit war. Es folgten eine Reihe exzentrischer Pop-Alben – „Hard Candy“, „MDNA“, „Rebel Heart“ – und schließlich das bizarroide 2019er Experiment „Madame X“, ein Midlife-Reisebericht, der von portugiesischem Fado über ein Ballett-Interlude bis zur Ansage „Bitch I’m Loca“ reichte. Einige von uns Hardcore-Fans hegen eine zärtliche Zuneigung zu diesem schrägen kleinen Album, aber es ist verständlich, dass die Pop-Welt damit schlicht nichts anfangen konnte.

Seit „Madame X“ hat sie tief in ihrer Vergangenheit gegraben – mit Neunziger-Archivprojekten wie „Veronica Electronica“ und „Bedtime Stories: The Untold Story“ sowie der karriereübergreifenden „Celebrations“-Tour. Das scheint die introspektiven, memoiristischen Züge dieses Albums mitgeprägt zu haben. „Confessions“ hatte mit „Hung Up“ einen ihrer größten, glänzendsten Hits – das ABBA-Sample-Monster mit dem Chant „Time goes by so slowly“. Auf „Confessions II“ hingegen blickt sie über weite Strecken auf vergangene Zeiten zurück. „Fragile“ ist ihre schmerzvolle Klage um ihren langjährig entfremdeten Bruder Christopher, mit dem sie sich vor seinem Tod 2024 versöhnte. „The Test“ ist ein bewegendes Duett mit ihrer Tochter Lourdes Leon, in dem sie sich dafür entschuldigt, sie in eine so verrückte Promi-Welt hineingeboren zu haben. Sie zitiert aus „Little Star“, ihrer zärtlichen Liebeserklärung von 1998 an ihr neugeborenes Mädchen, während die erwachsene Lourdes ihre Zuneigung bekräftigt.

Ein poetischer Abschluss

„L.E.S. Girl“ beschließt das Album mit einer nachdenklichen Gitarrenballade am Morgen nach einer orgiastischen Nacht in den Clubs. Die junge Madonna auf der Lower East Side, die im Eyeliner von gestern Nacht im Tageslicht aufwacht, kaum die Miete für die Avenue B zusammenkratzt und doch erkennt, dass sie nie wirklich zu dem L.E.S.-Boy an ihrer Seite gehören wird. Wenn sie ihrem jüngeren Ich zusingt: „The night is kind, the day is blue/Everything fades away except for you.“

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Nach einer Stunde Disco-Feuerwerk ist „L.E.S. Girl“ ein angemessen wehmütiger Comedown. Doch selbst in diesem frühen Alter, mit ihrer ganzen unmöglichen Karriere noch vor sich, weiß sie bereits, dass sie Madonna ist. Sie klingt wie ein hungriges Party-Girl, das bereit ist, den Planeten zu erobern. Auf „Confessions II“ kehrt sie zu diesen jugendlichen Träumen zurück – und zeigt dabei mit Nachdruck, wie sie sie alle wahr gemacht hat.

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Rob Sheffield schreibt für den ROLLING STONE USA. Hier geht es zum US-Profil

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