Kommentar: Amerika gewinnt den Krieg, den es nicht führt
Amerika gewinnt den Krieg, den es offiziell nicht führt – und hat deshalb trotzdem noch keinen Plan für das Ende.
Amerika hat den Krieg, den es nicht führt, bereits gewonnen. Deshalb muss es Iran so lange weiter bombardieren, bis die Islamische Republik „bedingungslos kapituliert“ – ein Begriff, den das Weiße Haus als eine Reihe von Bedingungen definiert, die es ohne Beteiligung Teherans festlegen wird.
US-Präsident Donald Trump sieht den Sieg darin, Iran zum „Einlenken“ zu zwingen, und glaubt offenbar, dass das Regime das bereits tut. Seine ranghöchsten Militärführer definieren Erfolg darin, eng gefasste militärische Ziele zu erreichen, die sie weitgehend erfüllt haben – und fordern gleichzeitig, die Angriffe zu intensivieren, um diese Ziele noch umfassender zu erreichen.
All das dient einem übergeordneten Ziel: den Nahen Osten in eine freundlichere, friedlichere Region umzugestalten, indem man ein feindseliges Regime so lange unter Druck setzt, bis es den USA und Israel gegenüber kooperativ wird.
Kein Krieg, nur Strikes
Aber eigentlich auch nicht – denn ein so ehrgeiziges und komplexes Unterfangen ist teuer und destabilisierend, und günstige Ausgänge sind nicht garantiert. Amerika macht keine „endlosen Nation-Building-Einsätze“ oder „Sumpfkriege“ mehr. Solche Kriege sind unpopulär.
Wenn Amerika einen unpopulären Krieg gegen Iran führen würde, verdiente der Konflikt vielleicht den Namen „Dritter Golfkrieg“ – schließlich sind inzwischen mindestens ein Dutzend Länder in und um den Persischen Golf involviert.
Zum Glück ist die Gewalt, die den Schiffsverkehr durch eine lebenswichtige maritime Engstelle zum Erliegen gebracht hat und die Weltwirtschaft erschüttert, eigentlich kein Krieg. Denn Kriege sind unberechenbar, und es ist möglich – in einem echten Krieg –, dass es keine Sieger gibt.
Verfassung? Egal
Das Weiße Haus hat den Kongress nicht um eine Kriegserklärung gebeten, weil die Regierung der Ansicht ist, der Kongress sei dafür nicht erforderlich – obwohl die Verfassung genau das vorsieht. Ohnehin ist es kein Krieg, wenn das US-Militär lediglich „strategische Strikes“ oder „begrenzte Operationen“ durchführt, die Angriffe auf Ziele im gesamten Hoheitsgebiet eines souveränen Staates umfassen – einschließlich seiner Streitkräfte in internationalen Gewässern.
Bei diesen Operationen läuft alles nach Plan – einem Plan, der die Bewaffnung einer bunten Auswahl iranisch-kurdischer Milizen vorsieht, um zivile Unruhen anzufachen, die dann die Regierung stürzen sollen – es sei denn, diese Gruppen wollen das gar nicht, in welchem Fall … das war nie der Plan.
Es gibt nämlich einen ganz anderen Plan. Er sieht die Zerstörung der iranischen Marine, der Raketentruppen und der Rüstungsindustrie vor. Genau das tut Amerika gerade – denn der Krieg sei „sehr abgeschlossen, ziemlich weitgehend“, wie Präsident Donald Trump Anfang der Woche sagte.
Bodentruppen? Vielleicht
Aus diesem Grund schließt Amerika Bodentruppen in dem Krieg, den es nicht führt, nicht aus – plant deren Einsatz aber auch nicht. Möglicherweise werden nur Spezialkräfte entsandt, die bekanntlich leichte Wanderstiefel oder sogar Trailrunner gegenüber schweren Kampfstiefeln bevorzugen. Ob der Einsatz von Soldaten mit solchem Schuhwerk tatsächlich als „Boots on the Ground“ gilt, ist also durchaus diskutierbar.
Es gibt viele diskutable Punkte in dem Krieg, den Amerika nicht führt. Eines ist jedoch klar: Iran darf niemals eine Atomwaffe besitzen. Doch der Zweck dieses Nicht-Krieges ist nicht die Vernichtung iranischer Nuklearmaterialbestände. Schließlich hat Amerika Teherans Atomprogramm bereits im vergangenen Juni „dem Erdboden gleichgemacht“.
Nein, der Grund für dieses Schlamassel, bei dem mehr als 5.000 Luftangriffe Hunderte Todesopfer gefordert haben, ist ein anderer: Iran stand kurz davor, konventionelle Raketen für atomare Erpressung einzusetzen – weshalb die USA und Israel einen Enthauptungsschlag ausführten, um Ayatollah Ali Khamenei zu töten.
Regime Change? Offiziell nein
Die USA und Israel haben die Führung Irans nicht getötet, um einen Regimewechsel herbeizuführen – obwohl sie einen Regimewechsel begrüßen würden. Nein, der Präsident der Vereinigten Staaten möchte lediglich bei der Auswahl von Irans neuem Obersten Führer mitreden – was ihm allerdings nicht vergönnt war, da das iranische Regime vor wenigen Tagen selbst einen Nachfolger bestimmte. Dieser heißt Mojtaba Khamenei und gilt nach allen verfügbaren Einschätzungen als noch hardlinertreuer als sein Vater. Trump wünscht sich jemanden, der mit den USA kooperiert; der neue Khamenei hat geschworen, das niemals zu tun.
Verteidigungsminister Pete Hegseth – der sich lieber als Kriegsminister bezeichnet – interessiert sich nicht dafür, was die Iraner wollen oder wer sie anführt. Er hat klargemacht, dass sich die USA nicht einschränken lassen und alles tun werden, was nötig ist, damit ihre Warfighter in einem Krieg siegen – den sie führen, obwohl es keiner ist. Amerika werde gnadenlos und ohne Erbarmen kämpfen, denn sie seien „die Guten“.
Das US-Militär vernichtet „die feigen Terroristen“, die „Raketen von Schulen und Krankenhäusern abfeuern“, mit „brutaler Effizienz“. Allerdings hat Amerika keine Schule in der südlichen Stadt Minab gesprengt, bei einem Angriff, bei dem mehr als 185 Zivilisten getötet wurden, darunter überwiegend Kinder – oder vielleicht doch, denn eine Fülle von Belegen deutet darauf hin.
Tomahawk ohne Täter
Der Vorfall wird untersucht, einschließlich Beweisen, die zeigen, dass ein Tomahawk-Marschflugkörper zum Zeitpunkt des Angriffs auf die Schule in der Nähe einschlug – ein wesentliches Detail, da die einzige Konfliktpartei in dem Nicht-Krieg, die Tomahawks einsetzt, die Vereinigten Staaten sind.
Weshalb der amerikanische Präsident uns erklärt, viele Länder besäßen Tomahawk-Landangriffsraketen, sogar Iran – was nicht stimmt.
Iran seinerseits hat sich bei den Nachbarstaaten entschuldigt, die es angegriffen hat, und erklärt, die Bombardements nicht fortzusetzen – es sei denn, es müsse Stützpunkte auf deren Territorium mit amerikanischem Personal angreifen oder Ölanlagen. Oder vielleicht einen Flughafen oder zwei. Und selbstverständlich den zivilen Schiffsverkehr. Ansonsten werde die Islamische Republik alles tun, um den Sieg zu erringen, und bis zum bitteren Ende kämpfen, um alle Kriegstreiber zu besiegen. Der iranische Außenminister, der zunächst erklärt hatte, Teheran sei trotz der Angriffe und der Tötung seines Obersten Führers zu Gesprächen bereit, sagt nun, Verhandlungen seien vom Tisch.
Iran besitzt keine Marine und keine Luftwaffe mehr – und scheint die Vorräte an Raketen- und Drohnenabschussvorrichtungen zu erschöpfen – doch die Islamische Revolutionsgarde (IRGC) erklärt, sie gewinne und werde die amerikanischen Streitkräfte in der gesamten Region vernichten.
Drohnen als blinder Fleck
Die amerikanischen Streitkräfte und ihre Verbündeten waren auf den Krieg, den sie nicht führen, gut vorbereitet – mit Ausnahme der Verteidigung gegen eine der Signaturwaffen Irans: die Einwegdrohne, auch „Kamikaze-Drohne“ genannt. Mindestens acht US-Soldaten wurden durch solche Drohnen getötet, mehr als 140 verwundet.
Diese Drohnen zeigten Fähigkeiten, die man nicht erwartet hatte – obwohl Drohnen seit vier Jahren ein zentrales Element des Krieges in der Ukraine sind. Dieses gebeutelte Land hat mit Blut und Tränen gelernt, sich gegen iranisch entwickelte Drohnen zu verteidigen, und war bereit, die USA dabei zu unterstützen, sollten sie solche Fähigkeiten benötigen – etwa für den Fall, dass man mit dem Land Krieg führt, das diese Drohnen hergestellt hat.
Anders als die USA führt Israel einen Krieg – aber keinen endlosen, und nur weil er ein „Tor zum Frieden“ sei, eine Formulierung, die orwellianisch klingen würde, wäre da nicht dieses entscheidende architektonische Merkmal.
Israel, Libanon, Hisbollah
In seinem Krieg für den Frieden greift Israel systematisch Irans zivile Infrastruktur sowie die Kommando- und Kontrollstrukturen der IRGC an, mit dem Ziel, das Regime als „existenzielle Bedrohung“ zu zerstören. Gleichzeitig beschießt Israel Teherans Stellvertreter Hisbollah, nachdem die Gruppe Raketen aus dem Südlibanon auf Israel abgefeuert hat. Der Libanon will mit diesen Kämpfen, die bereits über 50 libanesische Todesopfer gefordert haben, nichts zu tun haben – und hat deshalb der Hisbollah militärische Aktivitäten verboten und plant, die Miliz zu entwaffnen, obwohl die libanesische Armee das lieber vermeiden würde.
Irans andere Stellvertreter mischen ebenfalls mit, allerdings eher halbherzig. Irakische schiitische Milizen wie Kata’ib Hisbollah haben Demonstrationen organisiert und Angriffe auf US-diplomatische Einrichtungen in Bagdad und Militäranlagen in Erbil verübt. Die USA haben ihrerseits diese Stellvertreter angegriffen.
Die irakische Regierung, die insgesamt der Meinung ist, sie habe von amerikanisch-israelisch-iranischen Kriegshandlungen genug (auch wenn das aus US-Perspektive technisch gesehen kein Krieg ist), möchte nicht, dass Stellvertreterbanden sie in den Konflikt hineinziehen. Unglücklicherweise besteht ein wesentlicher Teil der irakischen Sicherheitskräfte aus eben solchen iranischen Stellvertreterbanden. Die größte Hoffnung in Bagdad liegt darin, Milizanführer – wie den von Kata’ib Hisbollah, der noch vor Kurzem „totalen Krieg“ versprochen hatte, sollte Iran angegriffen werden – davon zu überzeugen, dass es besser sei, ein lebendiger irakischer Schiitenmilizanführer zu sein als ein toter iranischer Stellvertreter.
Benzinpreise und Kriegskosten
Das alles spielt sich weit weg von den USA ab – die meisten Amerikaner dürften den Nicht-Krieg vor allem an explodierenden Benzinpreisen spüren. Iran kontrolliert die Straße von Hormus und hat angekündigt, jedes Schiff zu versenken, das sie passiert. Ein Fünftel der weltweiten Ölversorgung wird durch diese Wasserstraße transportiert, aber Kapitäne fahren lieber nicht aus, wenn sie glauben, versenkt zu werden – oder zumindest bevorzugen das ihre Versicherungen.
All das ist nur ein Ausschnitt aus dem reichen globalen Gesamtbild von Amerikas „begrenzten Operationen“. Die werden bald vorbei sein – oder auch eine Weile andauern. Investmentbanker, die Mathematik und objektive Realität schätzen, haben Charts erstellt, um zu verfolgen, was die Regierung über die Dauer des Ganzen sagt, scheinen aber zu keinem Ergebnis gekommen zu sein.
Wenn der Nicht-Krieg nicht bald endet, wird der daraus resultierende Ölschock sich verschärfen und katastrophale Folgen für die Weltwirtschaft haben. Das wird die Lebenshaltungskostenkrise weiter verschlimmern, die viele Amerikaner bewegt – ein zentrales Thema, mit dem der amtierende Präsident Wahlkampf gemacht hat, und ein Grund, warum er versprochen hatte, keine teuren, offenen Auslandsmilitärabenteuer zu beginnen.
Angst vor Terroranschlägen
Nun, da Amerika ein teures, offenes Auslandsmilitärabenteuer gegen einen Gegner führt, der für asymmetrische Kriegsführung und Terroranschläge gegen amerikanische Interessen in aller Welt bekannt ist, könnten Amerikaner sich Sorgen um Terroranschläge machen.
Strafverfolgungsbehörden und Terrorismusexperten machen sich Sorgen um Terroranschläge durch iranische Verbündete. Der Präsident sagt, er nehme an, Amerikaner sollten sich Sorgen machen, denn „wir erwarten gewisse Dinge. Wie ich sagte: Manche Menschen werden sterben. Wenn man in den Krieg zieht, sterben manche Menschen.“
Das mag im Widerspruch zum eigentlichen Grund stehen, weshalb die USA Iran bombardieren: um Amerikaner sicher zu machen. Ist es aber nicht. Schließlich sterben wir alle irgendwann, nicht wahr? Manchmal lohnt es sich.
Ich nehme an.
Also keine Sorge. Alles unter Kontrolle. Zum Glück ist es kein Krieg.