„The Blofeld Files“: Der Bildband zum Bond-Klassiker „OHMSS“
Der Bildband „The Blofeld Files“ widmet sich einem der unterschätzten und schönsten Bond-Filme: „Im Geheimdienst ihrer Majestät“
Manche bezeichnen den vor-vorletzten James-Bond-Film, „Skyfall“ von 2012, als vielschichtiges Porträt des Geheimagenten, sie loben James Bonds Selbsterkenntnis als alkoholkranker, körperlich angeschlagener Mensch, vor allem als einer, der ein Kindheitstrauma zu bewältigen hat – und in Kauf nimmt, dass sein Elternhaus in Schutt und Asche gelegt wird.
Daniel Craig in der Rolle als 007? Keiner war je besser!Solche biografischen Erweiterungen erscheinen als nötig, sind doch gerade die James-Bond-Episoden am schwächsten, in denen der Secret-Service-Mann am wenigsten von sich preisgibt. Dazu gehören zum Beispiel alle Filme mit Pierce Brosnan in der Hauptrolle. Dabei waren schon die früheren Bond-Produzenten um Albert „Cubby“ Broccoli darum bemüht, ihrem Agenten Tiefe zu verleihen.
„Im Geheimdienst ihrer Majestät“ von 1969 schockierte viele Zuschauer. Erstmals verliebt sich James Bond (George Lazenby). Die erste Hälfte des mit mehr als 140 Minuten bis dato längsten Werks der Reihe dreht sich um die Liaison mit Teresa „Tracy“ di Vicenzo (Diana Rigg). Wir sehen die zwei beim Schlittschuhlaufen, dazu führt Bond melancholische Gespräche mit seinem Schwiegervater in spe. Der Australier George Lazenby, mit stärkerer physischer Präsenz gesegnet als Connery, würde nie wieder die Doppelnull spielen.
Der Bildband „The Blofeld Files“
Der Bildband „The Blofeld Files“ (Edition Bleuchamp) widmet sich den Dreharbeiten des Films rund um die Gipfelstation der Seilbahn auf dem Schilthorn in den Berner Alpen in der Schweiz, berühmt für sein Drehrestaurant Piz Gloria – die Station von Blofeld (Telly Savalas) und Inspiration für Christopher Nolans Festungserstürmung in „Inception“.
Die Schweiz ist nicht unbedingt sexy, aber Regisseur Peter Hunt und sein Kameramann Michael Reed, der in Panavision drehte, haben einen ausgesprochen erotischen Film inszeniert, mit Bond-Girls aller Nationen, einem Score von John Barry in Lounge-Höchstform samt Luis-Armstrong-Ballade, und für die Actionszenen auf Ski zeichnete Willy Bogner verantwortlich. Entstanden ist ein Werk, das, von Fans hochachtungsvoll als „OHMSS“ (Originaltitel: „On Her Majesty’s Secret Service“) codiert, heute in nahezu allen Bond-Listen in den Top 5 zu finden ist.

Das Jahr 1969 war kulturell und politisch signifikant: Mond-Landung, Woodstock, Altamont, Vietnam, „Space Oddity“ und die Nachwehen des „2001“-Space-Age von Stanley Kubrick. In der Isolation von Piz Gloria und dem touristischen Ski-Paradies setzte James Bond einen harten, europäischen Kontrapunkt.
Das Bond-Filmplakat immerhin verkündete, in der Sprache seiner Zeit, „Far Up! Far Out! Far More!“. Blofelds „Engel des Todes“ sollten dieser neuen Freizügigkeit Tribut zollen. Zwölf freundliche Frauen aus der ganzen Welt, die vom Schurken in Trance versetzt und danach helfen sollen, Biowaffen rund um den Globus zu verteilen. Im Film treten die „Engel“ wie Angestellte eines Harems auf, Bond kann hier noch seinen Frühsechziger-Macho-Charme ausspielen. Aus heutiger Sicht könnte man sich vorstellen, wie er die letzte Tür für „Mad Men“ Don Draper aufhält.
Blofelds „Engel des Todes“ und die Ära der Freizügigkeit
Viele der 700 Bilder aus den herrlichen „Blofeld Files“ sind unbekannt: Man kann heute nicht mehr glauben, dass „OHMSS“, zeitlich eingerahmt von den albernen Connery-Bonds „Man lebt nur zweimal“ und „Diamantenfieber“, seiner Zeit nicht als Klassiker anerkannt wurde.Wenig Klimbim-Effekte und Explosionen, und auch Bösewicht Blofeld, zuvor von Donald Pleasence verkörpert, war nun kein unfreiwilliger Komiker und Katzenliebhaber mehr, sondern wurde durch Telly Savalas zum nüchternen Psychopathen. Mit Diana Rigg als Teresa hatte Bond zudem erstmals eine Gespielin, die nicht nur wesentlich geheimnisvoller, sondern vor allem intelligenter war als der Geheimagent.
George Lazenby als menschlicher Bond
„This never happened to the other fellow“ – „Das war dem anderen Kerl nie passiert“ ist einer der markantesten Sätze in der Geschichte des Bond-Franchise. Es war auch einer der ersten Sätze Lazenbys im Film, nachdem er im Prolog – einer der am besten fotografierten der gesamten Serie – zunächst Teresa vom Selbstmord durch Ertrinken abhält und danach einen Killer ausschaltet, nur um zuzusehen, wie die Frau schnurstracks mit dem Auto vom Strand davonbraust. „Das war dem anderen Kerl nie passiert“ – die Niederlage, die Connery nie zugelassen hätte, macht den neuen Bond nur menschlicher.
Für das sonnige Vorwort des Buchs wurde George Lazenby gewonnen. „Ich bereue keine der Entscheidungen, die ich damals getroffen habe – alles geschieht aus einem Grund“, schreibt der 86-Jährige, der nach seiner Suspendierung als 007 seine Karriere nicht fortsetzen konnte. „Bond zu werden war nie mein Endziel. Das Leben nach den eigenen Maßstäben zu führen, ist sehr viel erfüllender. Ich bin das ursprüngliche Einzelstück; ich habe mich den Erwartungen widersetzt und meine eigene Geschichte geschrieben. ‚The Blofeld Files‘ ist ein Teil davon.“
Peter Waelty und Steffen Appel: „The Blofeld Files“, Edition Bleuchamp, 368 Seiten.