BTS gelingt mit „Arirang“ ein triumphales Comeback

Auf ihrem mit Spannung erwarteten Comeback-Album betonen BTS ihre Gruppenidentität und koreanischen Wurzeln – und wagen sich in neues musikalisches Terrain.

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Größer geht ein Comeback kaum. BTS sind endlich zurück – mit „Arirang“, ihrem ersten neuen Album seit über fünf Jahren. Fans auf der ganzen Welt haben auf diesen Moment hingefiebert, seit BTS die Gruppe auf Eis legten, damit alle sieben Mitglieder ihren Militärdienst in Südkorea ableisten konnten. Doch die Könige sind wieder vereint: RM, Jin, Suga, J-Hope, Jimin, V und Jung Kook. Die Nachricht darf ruhig die Runde machen: Die Boys sind zurück.

„Arirang“ zelebriert ihre kollektive Stärke – bereit, dort weiterzumachen, wo sie als weltbeherrschende Pop-Titanen aufgehört haben. Das letzte BTS-Album war „Be“ im November 2020, doch das hier ist ein weit selbstbewussteres Statement: 14 Tracks, produziert von Diplo, Flume, Ryan Tedder, Tame Impalas Kevin Parker, Mike WiLL Made-It und JPEGMAFIA. Den Ton setzen sie mit der Eröffnungshymne „Body to Body“, in der sie einen geliebten koreanischen Folksong interpolieren und skandieren: „I need the whole stadium to jump!“

Während ihrer Auszeit haben alle BTS-Mitglieder fleißig Musik gemacht, ihre individuellen Persönlichkeiten ausgelebt und ihre grundverschiedenen künstlerischen Ideen verfolgt. Dabei entstanden einige ihrer persönlichsten – und faszinierendsten – Werke. Jimin tauchte auf „Muse“ in geschmeidigen Pop ein, während RM auf „Indigo“ zu seinen Underground-Wurzeln zurückkehrte und seine Soul-Seite erkundete – mit Duetten neben Erykah Badu und Anderson .Paak sowie Moses Sumney auf „Right Place, Wrong Person“.

Die Soloprojekte der Mitglieder

Suga veröffentlichte unter seinem Alter Ego Agust D das Album „D-Day“ mit dem introspektiven „Haegeum“. Jung Kook legte mit Latto und Jack Harlow auf „Golden“ los, J-Hope wurde auf „Jack in the Box“ und seiner Streetdance-Dokuserie „Hope on the Street“ roh und ungeschliffen. V setzte auf charmante, jazzige Supper-Club-Balladen auf „Layover“. Und Jin – last but never least – läutete mit dem schwarzen Nagellack seine Glam-Rock-Ära ein und lieferte mit „Echo“ einen „Worldwide Handsome“-Moment ab. All das waren Herzensprojekte, frei von jedem Zugeständnis ans breite Publikum; Werke selbstbewusster Männer, die ihren eigenen Weg gehen.

Auf „Arirang“ wollen sie nun beweisen, dass sie alle wieder an einem Strang ziehen – mit Nachdruck auf ihrer Gruppenidentität und vor allem auf ihren südkoreanischen Wurzeln. Den Albumtitel entlehnten sie einem legendären koreanischen Folksong, der erstmals in den 1890er-Jahren von koreanischen Austauschstudenten in den USA aufgenommen wurde. Es war das international bekannteste Lied ihrer Heimat noch vor der K-Pop-Explosion – ein Lied der Trauer und des Widerstands, das tief mit der nationalen Geschichte des 20. Jahrhunderts verwoben ist. In den letzten 30 Sekunden von „Body to Body“ weben sie es zusammen mit traditioneller koreanischer Perkussion ein – eine kraftvolle Kollision von Altem und Modernem im BTS-Klang.

Das ist ein bedeutsamer Schritt, denn eines der entscheidendsten Elemente ihres weltweiten Aufstiegs war ihre beharrliche Weigerung, ihre koreanische Identität zu verwässern. Wer das Musikgeschäft kannte, hätte ihnen sagen können, dass der einzige Weg in die USA über englischsprachige Crossover-Pop-Hits führt – doch stattdessen bestanden sie darauf, Amerika zu ihren eigenen Bedingungen zu erobern. BTS fingen überhaupt erst mit englischen Songs an, als sie sich in den Staaten längst als stadionfüllende Megastars etabliert hatten. Der harte Weg eben.

Koreanische Identität im Mittelpunkt

Es ist also nicht ohne Bedeutung, dass BTS auf „Arirang“ ihrer weltweiten ARMY daran erinnern wollen, woher sie kommen. Besonders berührend ist ein Moment in der Albummitte: ein „Interlude“, das schlicht den Klang der heiligen Glocke von König Seongdeok enthält – auch bekannt als die Emille-Glocke. Sie zählt zu den meistverehrten koreanischen Nationalschätzen: eine riesige, fast 19 Tonnen schwere Bronzeglocke, die vor über 1.200 Jahren gegossen wurde. (Ihr einzigartiger Klang soll sich angeblich über 40 Kilometer weit tragen.) Hier erklingt sie nur einmal, hallt fast zwei Minuten nach – und ist trotzdem ein gewaltiges Statement.

RM hat an der Produktion jedes Tracks seine Hand im Spiel, mit Ausnahme des Interludes; die übrigen Mitglieder sind durchgehend als Songwriter und Produzenten beteiligt. Die erste Albumhälfte ist ein Uptempo-Stampfer nach dem nächsten, vollgepackt mit Hip-Hop-Braggadocio – eine unmissverständliche Ansage, dass sie mit Wucht zurückkehren. „FYA“ gibt den Ton vor, mit Zeilen wie „Club go psycho/Might take you viral/I go full „Thriller“ tonight“ oder „Club go crazy/Like Britney, baby/Hit me with it one more time!“ Sie behaupten sich in „Aliens“ (mit spielerischen Details darüber, wie sie sich als Koreaner im Westen fühlen), „Hooligan“ (mit Rosalía/Charli-XCX-Produzent El Guincho) oder „2.0“, der Titelmelodie ihres neuen Kapitels. „They Don’t Know ‚Bout Us“ trägt die Ansage „You said we changed? We feel the same“, während auf „Normal“ der Refrain lautet: „Kerosene, dopamine, what I gotta do? We call this shit normal!“

R&B-Vibes der Neunziger mit jazzigen Akkorden

Die zweite Hälfte schlägt im Vergleich zum geradlinigen Selbstbewusstsein des ersten Teils deutlich interessantere kreative Wege ein. „Swim“ ist ein Synthpop-Liebeslied über das Eintauchen in unordentliche Gefühle, über das Versinken in etwas Unbegreiflichem. Doch wenn man diese Stimmen „Swim“ singen hört, schwingt unweigerlich auch ein Song über ihre eigenen Ängste mit – das Wagnis, in ihr BTS-Leben zurückzuspringen. „One More Night“ ist der musikalisch kühnste Banger auf „Arirang“: ein Diplo-Track mit betäubender psychedelischer Orgel über einem Housebeat aus den frühen Neunzigern – klingt, als würden Stereolab oder Neu! mit Robin S. im Club feiern. „Please“ setzt auf R&B-Vibes der Neunziger mit jazzigen Akkorden.

Melancholie und Freigeist

„Merry Go Round“ ist der melancholischste Moment des Albums: ein verschleiertes Elektropop-Klagelied mit Kevin Parker von Tame Impala über emotionale Muster, aus denen man einfach nicht herauskommt. „My life is like a broken roller coaster“, singen sie – eine Trauer um eine zerbrochene Beziehung, die zugleich ausdrückt, wie chaotisch es sich anfühlt, in den BTS-Kosmos zurückzukehren und das erbarmungslose Hochs-und-Tiefs-Karussell des globalen Popstar-Lebens von vorne zu beginnen.

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„Like Animals“ ist der lockerste, ausgelassenste Track des Albums: ein Akustikgitarren-Rockloop mit Achtziger-Goth-Feeling – sehr nach Love and Rockets um die Zeit von „Earth, Sun, Moon“. Er enthält die fleischlichsten Anmachzeilen des Albums: „We can go all night“, verspricht Jung Kook, während Jimin ergänzt: „If you wanna be animals/Baby, we can be animals.“ Das Ganze endet in Flammen, mit einem kreischenden Gitarrensolo. „Arirang“ schließt auf einem Hochpunkt mit dem beschwingt-optimistischen „Into the Sun“ – digital verzerrte Vokalharmonien über Bieber-Blues-Gitarrenswag. Es ist eine von BTS‘ Liebeserklärungen an ihr Publikum, die Kehrseite von „Moon“, wenn alle Stimmen vereint skandieren: „I’ll follow you into the sun, into the sun, into the sun!“

Während ihrer Abwesenheit hat die Welt diese sieben Männer ironischerweise als Individuen besser kennengelernt denn je. Jeder durfte Seiten zeigen, die er zuvor nie öffentlich hatte zeigen können – ob Jin einer Thunfischdose einen Heiratsantrag machte oder J-Hope im Cowboy-Outfit vor einem Publikum in San Antonio „Howdy, y’all!“ rief. (Den Spruch hatte er sich bei „SpongeBob“ abgeschaut.) Alle sieben nutzten die Zwischenzeit, um auf eigene Faust neue Wege zu gehen. Jetzt endlich dürfen sie alles, was sie gelernt und erkundet haben, mit zurück in die Gruppe bringen, bei der alles begann. Das ist die Kraft von „Arirang“ – sieben verschiedene Stimmen, wieder vereint und stärker denn je.

Rob Sheffield schreibt für den ROLLING STONE USA. Hier geht es zum US-Profil