Charlie Watts: Wie ersetzt man eine Rolling-Stones-Legende? Steve Jordan spricht


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Seit dem 24. August 2021, dem Todestag von Charlie Watts, ist Steve Jordan wie der Riese Atlas, der die Last der (Rock-)Welt auf seinen Schultern tragen muss. Er ersetzt den legendären Drummer der Rolling Stones. Aus einem zeitweiligen Vertretungsjob ist ein Dauer-Engagement geworden.

Nach dem Ende der USA-Tour der Stones spricht Jordan nun erstmals über das Vermächtnis des Blues und den einzigartigen Drum-Style von Watts. Da rückt seine neue Single, die er mit Beastie-Boys-DJ Mix Master Mike aufgenommen hat, unweigerlich in den Hintergrund.

Im Interview mit dem amerikanischen ROLLING STONE sagte Jordan, es wäre seine Leidenschaft für Jazz und Blues gewesen, die Watts so einzigartig gemacht hätte. „Wenn dein Lieblings-Drummer Chico Hamilton ist, du Fred Below, Max Roach und Earl Palmer verehrst. Dazu Shelley Manne, Mel Lewis, Elvin Jones, Papa Jo Jones, Philly Joe Jones, Chick Webb – dann steht das für eine Kompetenz und Verehrung für die hohe Schule des Jazz-, Rhythm-&-Blues- und Chicago-Blues-Drumming, speziell bei Fred Below und Earl Phillips. Charlie war ein Fan dieses Stils und er trug ihn in die Band hinein. Das hatte keine andere Band der damaligen British Invasion.“

Charlie Watts

Im Vergleich dazu hätten die Beatles eher die leichten Tracks des R&B übernommen. „Als sie ‚Roll Over Beethoven‘ coverten, ging es in Richtung Pop, wogegen die Stones ‚Around and Around‘ spielten, was dagegen eher eine Hardcore-Version war“, analysiert Jordan. Ringo Starr hätte hinter seiner Schießbude eher einen „swinging“-Rhythmus gepflegt, wie in der frühen Ära von Motown Records.

Er habe sehr spät davon erfahren, dass er Charlie Watts länger ersetzen sollte, berichtet Jordan. „Ich ging davon aus, dass Charlie sich erholen und ich nur für ein paar Proben einspringen würde.“ Er glaubte bis zuletzt, dass er bald wieder auftauchen und die Show übernehmen würde.

Hat Jordan das spezielle Watts-Spiel kopiert oder eine eigene Note in die Live-Songs der Rolling Stones gebracht? „Wenn eine Band sechzig Jahre lang zusammen ist, ändert sich auch die Struktur ihrer Songs. Abgesehen von ihren Anfängen haben die Stones ihre Songs sowieso nie wie in den Studioaufnahmen gespielt. (…) Die Beatles hörten 1966 auf, live zu spielen. Da musste es keine Weiterentwicklung mehr geben. Doch wenn man immer weiter macht, entwickeln sich aus dem Original immer neue Live-Versionen. (…) Mein Beitrag dazu war und ist: Es muss sich richtig anfühlen. Genau wie bei Charlie muss es sich richtig anfühlen!“

Während Jordan noch „übergangsweise“ mit der Band probte, kam Nachricht vom Tod von Watts. Und ganz plötzlich sollte die Tour einen komplett anderen Dreh bekommen. „Der Morgen, an dem ich die Nachricht erhielt, dass er gestorben war, war einer der schlimmsten Tage meines Lebens“, so Jordan. „Das hält bis heute an. Plötzlich standen all diese Sachen im Raum, nach denen ich nie gefragt hatte.“

David Wolff - Patrick Redferns