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Comic-Blog

Neunte Kunst: „American Gods“, Batman aus der Schweiz und das Comeback eines Krawall-Duos

American Gods

Die Götter müssen verrückt sein

Neil Gaimans Fantasy-Roman „American Gods“ wurde schon kurz nach seiner Veröffentlichung im Jahr 2001 als Meilenstein des Genres gefeiert. Jeweils zu einem Viertel Thriller, Mystery, Fantasy und literarisches Road Movie, pflügt die Geschichte um den Ex-Häftling Shadow, der nach seiner Gefängnisentlassung erfährt, dass seine Freundin und sein bester Freund bei einem Autounfall ums Leben gekommen sind und der sich aus Agonie und Langeweile dem geheimnisvollen Mr. Wednesday als Hilfsarbeiter andient, im Wahnsinnstempo durch das Hinterland Amerikas. Gewicht bekommt die Erzählung deshalb, weil Gaiman sie zu einer nicht ganz unkomplizierten Abhandlung über die mythologischen Ursprünge Amerikas gemacht hat. Quintessenz: Götter existieren nur, wenn man an sie glaubt. Und da sich der Glaube verschoben hat, scheinen die alten Götter ausgedient zu haben. Doch sie wollen nicht ohne Kampf weichen.

Bryan Fuller und Michael Green haben aus dem Stoff eine ziemlich expressionistische, aber auch blutrünstige (Amazon-)Serie gebastelt, fantastisch besetzt mit Ricky Whittle, Ian McShane und Emily Browning. Es wäre natürlich eine Schande gewesen, wenn Gaiman, dem die Comicwelt unter anderem den atemberaubenden „Sandman“ zu verdanken hat, sich nicht um eine Graphic-Novel-Umsetzung bemüht hätte. Das in den USA in sechs Teilen bereits veröffentlichte Werk – mit Layouts von „Sandman“-Illustrator P. Craig Russell – erscheint nun in zwei Büchern auch auf Deutsch. Die Graphiken orientieren sich bewusst an einem realistischen Stil und ahmen so auch den cineastischen Touch der TV-Serie nach. Leider bleiben die (stilistischen wie erzählerischen) Hintergründe eher blass, weil möglichst viele Elemente der umfangreichen Story eingewoben wurden – sie können nur selten für sich stehen. Was in Gaimans Roman für Vertiefung sorgt, wirkt im Comic wie ein unausgereifter Ritt zwischen Crime-Story und Mystik-Soap-Opera.

Batman: Der dunkle Prinz

Jäger der Nacht

Nur selten hat DC Comics europäischen Zeichnern die Möglichkeit gegeben, sich auch mit den großen Superhelden des eigenen Hauses auszutoben. Umso schöner, dass ausgerechnet der Schweizer Enrico Marini die Chance dazu bekam. In Deutschland ist der Zeichner von „Der Skorpion“ und „Die Adler Roms“ noch wenig bekannt, obwohl Carlsen sein detailverliebtes Werk seit Jahren in sehr schönen Editionen herausgibt. Für seine Version des dunklen Ritters schnappte sich Marini neben Batman gleich mehrere der beliebtesten Figuren aus dem Universum des Fledermausmanns: den Joker, Harley Quinn und Catwoman.

Eigentlicher Antrieb der sehr kurz gehaltenen Geschichte ist aber ein Mädchen, das möglicherweise Bruce Waynes Tochter sein könnte und das zwischen die Fronten von Batman und dem Joker gerät. Natürlich lässt es sich Marini nicht nehmen, den Wahn des Jokers mit allerhand eindrucksvollen Fratzen zu illustrieren. Zugleich zeigt er Batman zunächst als kühlen Unsympathen, der ungeahnte Vatergefühle entwickelt. „Der dunkle Prinz“ ist eine ästhetische, für das Sujet auffallend helle und kontrastive Augenweide – und Marini nutzt die Chance eindrucksvoll, sich seinen ganz eigenen Reim auf die Batman-Welt zu machen. Teil eins liegt seit Ende Januar im Handel, auf die Fortsetzung müssen Leser noch bis Juni warten.

Clever & Smart

Achtung, Anarchie!

Der spanische Zeichner Francisco Ibáñez entwickelte 1958 mit „Mortadelo y Filemón“ einen Comicstrip, der nicht nur in seinem Heimatland Furore machte. Seit 1969 erscheinen in Spanien die Fälle der beiden Geheimagenten in millionenfacher Auflage – und zwar bis heute. Hierzulande starteten die beiden Chaoten unter dem Namen „Flip und Flap“ im Kindermagazin „Felix“, bis sie 1973 vom Condor-Verlag adoptiert und zu „Clever & Smart“ umbenannt wurden. Eine Erfolgsgeschichte mit Ankündigung, denn die Geschichten wurden nicht einfach so übernommen, sondern auf eigentümliche Art und Weise ins Deutsche übertragen. Statt die Dialoge zu übersetzen, vertraute man auf hierzulande etablierten Gaga-Humor. Und das kam an. Bis in die 80er hinein beherrschten „Clever & Smart“ den Comic-Markt mit einer unglaublichen Auflage von fast 50 Millionen Exemplaren. Der Umsatz flachte aber genauso ab wie der doch etwas in die Jahre gekommene Anarcho-Humor (Jeff Smart bekommt meistens eines auf die Mütze, weil sein Kollege wieder Unsinn fabriziert). 2009 war zunächst Schluss mit der Veröffentlichung der Comicabenteuer des Duos. Zum Schluss wurden im Grunde auch nur noch alte Storys abgedruckt.

Nun belebt Carlsen Comics die Serie wieder, aber unter völlig anderen Vorzeichen. Anders als die meisten anderen Verlage es zur Zeit praktizieren, kommen die Comics nicht in hochpreisigen Sammelbänden daher, sondern erscheinen wie „Asterix“ und „Lucky Luke“ in den bekannten gefalzten Softcover-Heften. Die Geschichten wurden allesamt graphisch wunderbar übertragen (aus dem digitalen Archiv der Spanier) und neu übersetzt. Der Slapstick (nur ein Beispiel: Ein Chinese stürzt aus einem Flugzeug ab: „So ein Mist! Del Plopellel ist völlig ausgeleilelt! Und del Fallschilm geht nicht auf! Hilfe! Wel fängt mich auf?“) wirkt so zeitgemäßer, zahlreiche Anspielungen verweisen auf das neue Jahrtausend. Klar, hier soll eine neue (jüngere) Generation begeistert werden. Doch für erfahrene Leser,die mit „Clever & Smart“ aufgewachsen sind, bietet der Neustart nur zu Beginn ein nostalgisches Lesevergnügen. Zu schnell nutzten sich die Albernheiten ab, zu wenig Tiefe bieten die Geschichten, um langfristig Interesse zu wecken für die Entwicklung des Comics. Da hat sich „Spion & Spion“ doch etwas besser gehalten.

+++Shortcuts+++

Der Reprodukt-Verlag bemüht sich schon seit vielen Jahren um Graphic Novels mit feministischem Zuschnitt. Da passt auch die Coming-of-Age-Story „Das Mädchen aus dem Wasser“ (nicht zu verwechseln mit dem gleichnamigen Mystery-Film-Quatsch von M. Night Shyamalan) bestens ins Programm. In reduzierten Aquarellgraphiken schildert der Schweizer Zeichner Sacha Goerg die Geschichte eines Jungen, der eigentlich ein Mädchen ist und unbedingt mehr über ihren Vater herausfinden will. Mit surrealistischen Einsprengseln enfaltet sich ein stimmungsvolles Panorama der (sexuellen) Selbstfindung, bei dem die eine oder andere Überraschung für erstaunliche Einsichten sorgt.

„Die Erektion“ von Texter Jim und Zeichner Lounis Chabane ist da schon etwas weiter. Der gestelzte und zunächst etwas plump daherkommende Titel verweist gerade nicht auf eine alberne Geschichte, die als Vorwand für erotische Zeichnungen dient (das kann im Moment sowieso niemand so gut wie Zep), sondern die zweibändige Graphic Novel erzählt die Geschichte eines etwas in die Jahre gekommenen Paars in Paris. Der Geburtstag der Frau, die mit gewisser Furcht dem Älterwerden begegnet, und die plötzliche Erektion zum falschen Zeitpunkt des Mannes, sorgt für einen Streit, der die Liebe der beiden in Frage stellt – aber auch den Raum öffnet, um neu über Zuneigung und Partnerschaft zu verhandeln. Überraschend erwachsen und unneurotisch.

Der grausame und zynische Anschlag auf das Publikum eines Konzerts von Eagles of Death Metal im Bataclan in Paris hat nicht nur die französische Hauptstadt schwer erschüttert. Seitdem ist der Gang zu einem Konzert, da muss man sich nichts vormachen, etwas anderes. Und das lässt sich nicht nur an den verschärften Sicherheitsmaßnahmen in den Arenen ablesen. Einer der Augenzeugen schildert nun unter dem Pseudonym Fred Dewilde seine traumatischen Erlebnisse („Bataclan – Wie ich überlebte“) in einem erschütternden Buch, das das Grauen auf etwas mehr als zehn Seiten in groben Schwarz-Weiß-Illustrationen visualisiert. Die Attentäter, für den Autor bereits tot, als sie begannen zu schießen, werden als Skelette dargestellt. Bedrückend.

Es gab einmal eine Zeit, da endete eigentlich kein Arbeitstag ohne den feinen Dampf einer Zigarette oder ein Glas guten Whiskeys. Die Werbeindustrie zerrieb Millionenbeträge und kreative Geister, um mit Plakaten die Coolness und Sexyness des Tabak- und Alkoholkonsums zu behaupten. Nicht zuletzt eindrücklich noch einmal zu sehen in der famosen TV-Serie „Mad Men“. Doch ein Blick auf die historischen Hinterlassenschaften kitschiger, humorvoller, auch manchmal hinreißend dümmlicher Motive dieser ganz eigenen Form der Werbeinszenierung lohnt sich auch für strenge Abstinenzler. Darum sei ein Blick in TASCHENs „20th Century Alcohol & Tobacco Ads“ von Jim Heimann und Steven Heller empfohlen. Vielleicht zu einem Schluck Laphroaig Brodir Port Wood Finish Single Malt.


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Nonstop Nonsens: Aufstieg und Fall des „MAD“-Magazins

 

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Die besten Gitarristen aller Zeiten: Keith Richards

Die besten Gitarristen aller Zeiten: Keith Richards Text von Nils Lofgren Ich erinnere mich, wie ich auf der Highschool „Satisfaction“ hörte – und nicht glauben wollte, welchen Schock es bei mir auslöste. Es ist diese Kombination aus dem Riff und den Akkorden, die darunter einen Kontrapunkt bilden. Keith kann mit zwei, drei Noten Vignetten schreiben, die substanzieller sind als jedes große Solo. Auf „Gimme Shelter“ spielte er die Lead- und die Vibrato-Rhythmus-Gitarre – und schuf damit eine bedrohliche Atmosphäre, wie es vor ihm noch keiner geschafft hatte. Der Kontrast zwischen den beiden Gitarren öffnet den Raum für Mick Jagger, um…
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