Das Haftbefehl-Comeback ist ein 15-minütiger, exzessiver Ausnahmezustand
Haftbefehl feiert ein intensives 15-Minuten-Comeback in Osnabrück – zwischen Hype, Moshpits, Widersprüchen und Fragen nach seiner Zukunft
Ja, der Abend hat noch gar nicht so richtig begonnen, da ist bereits die tiefste Nacht über Osnabrück eingebrochen. Es ist nicht nur außerordentlich kalt, sondern auch außerordentlich verregnet an diesem Freitag, und so trifft man sich zum Warm-up in einer der schönsten Hotelbars der Stadt, wo Locke in der Nähe des Kaminfeuers sitzt, sich zunächst seinem Moscow Mule und dann der Sache mit Haftbefehl, seiner Doku und dem ganzen sich daraus resultierenden Dilemma annimmt.
Zwischen Netflix-Doku, Bürgertum und Straßenrealität
Die Sache, sagt Locke, sei ja nun einmal die, dass Haftbefehl mit seiner überaus erfolgreichen Netflix-Doku „Babo“ ein Massenpublikum erreicht habe, das weit über das eigentliche Zielpublikum hinausgehe. Statt Straße und Subkultur, sagt Locke, sei Haftbefehl jetzt wieder Gesprächsthema im Bürgertum, in der sogenannten gesellschaftlichen Mitte, wo man die Doku in erster Linie als ein „Mahnmal“ für Drogenkonsum interpretiere. Und mit den Logiken der bürgerlichen Mitte gehe nun eben auch eine Erwartungshaltung der bürgerlichen Mitte einher.
Man erwarte nach diesem Film, schlussfolgert Locke, jetzt nämlich einen geläuterten Haftbefehl; einen Mann, der öffentlich sagt, wie schlimm doch die Drogen seien und dass die Kinder bitte die Finger von dem Zeug lassen sollen. Was ja an sich auch die richtige, aber doch etwas zu einfache Botschaft ist – zumindest für jemanden, der seit seinem 13. Lebensjahr konsumiert und von der Straße kommt.
Locke weiß diese Dinge, denn Locke ist auch jemand, der von der Straße kommt. Er ist hier in Osnabrück so etwas wie der inoffizielle Pate der Stadt. Vor einigen Jahren trat er selbst als Gangsta-Rapper in die Öffentlichkeit, hat sich zum Teil in denselben Kreisen bewegt, wie Haftbefehl sich damals bewegt hatte, kennt Aykut Anhan, wie er bürgerlich heißt, auch aus seinen Anfangstagen aus Frankfurt und weiß daher, dass sich das Ganze in eben diesen Kreisen etwas komplexer darstellt als die Antworten, die jetzt erwartet werden. An der Bar sitzt ein Mann, der wie ein Zivilpolizist aussieht. Er trinkt ein alkoholfreies Bier und schließt die Augen. Am Kamin wärmen sich ein paar Geschäftsleute die Hände.
Der Club, die Erwartungen und die eskalierende Nacht
Haftbefehl müsse sich nun den Logiken der Industrie unterwerfen, sagt Locke – genau jener Industrie, die ihn auch dazu gebracht habe, weiter auf der Bühne zu stehen, zu einem Zeitpunkt, an dem er so vollgepumpt war mit Drogen, mit Kokain in der Nase und Lachgas in der Lunge, mit so viel Gift im Blut, dass ihm eben genau das gar nicht mehr gelang: auf der Bühne zu stehen. Es gab große Empörung, als die Bilder viral gingen, in denen Haftbefehl einen Auftritt nach wenigen Sekunden abbrechen musste, weil er Gleichgewicht und Orientierung verlor. Aber the show must go on – und die Show folgt nun einmal den Regeln der Industrie. Und die erwartet eben jetzt ein Saubermann-Image, einen pädagogischen Haftbefehl, der vor Drogen warnt, aber eben nicht mehr der Haftbefehl sein wird, den die Straße haben will.
„Haftbefehl ist vielleicht zu authentisch für Deutschland. Das akzeptiert man hier nur bis zu einem gewissen Punkt. Das ist sein Dilemma. Und das ist genau die Scheiße, die den Jungen jetzt zerreißen wird“, schließt Locke seine philosophischen Betrachtungen ab und nimmt noch einen Schluck von dem Moscow Mule. Gedanken, die man ebenso hat, wenige Stunden vor dem ersten offiziellen Haftbefehl-Auftritt nach der Ausstrahlung der Doku. Eine Clubshow soll es heute werden. Hier in Osnabrück. Und viele Fragen sind natürlich noch offen. Nachdem Haftbefehl seine Sucht in aller Eindringlichkeit öffentlich gemacht hat, will man wissen, wie es weitergeht, ob er es geschafft hat, ob er clean ist, was seine nächsten Schritte sind – und ob die sich auf den Abgrund zu oder hoffentlich wieder davon wegbewegen. Jedes neue Lebenszeichen, jeder Instagram-Post wird medial ausgeschlachtet.

Wir gehen in den Raucherbereich, wo es gerade etwas wilder zugeht. Eine junge Frau in einem schwarzen Kleid brüllt einen großen, übergewichtigen Kerl an. Der Gorilla hat schon ziemlich glasige Augen und hört sich die Beschimpfungen regungslos an, bis er irgendwann genug von dem Geschrei zu haben scheint, einmal kurz ausholt und die Frau zu Boden schlägt. Für einen Moment wird es ganz still. Die rohe Gewalt gegen das Mädchen scheint die Leute aber nicht so richtig zu schockieren. Als wäre das etwas ganz Gewöhnliches. Vielleicht ist es aber auch nur der Schock des Unerwarteten. Nach ein paar Sekunden reagieren schließlich die ersten Jungs, gehen auf den Gorilla los und versuchen ihn unter Beschimpfungen niederzuringen. Ohne Erfolg. Der Dicke schiebt seine Widersacher mit seinem Gewicht einfach weg. Erst als die Türsteher eintreffen, kann der Kerl aus dem Laden entfernt werden. „Willkommen in Osnabrück“, sagt Locke. Die Szene wird noch das Gesprächsthema des Abends bleiben. Der Kerl wohl nie wieder diesen Club betreten.
„Einfach eine Frau weggeklatscht“, kommentiert jemand. „Hast du gesehen, wie weit die geflogen ist?“, fragt ein Mädchen ihren Freund. „Was für ein Arschloch.“ Soweit also das Setting. Haftbefehl wird vor einem Publikum auftreten, das ganz bestimmt mehr Straße als Bürgertum ist, sich aber zumindest ordentlich zurechtgemacht hat.
Gewalt, Chaos und ein Publikum im Ausnahmezustand

Es ist mittlerweile 00.30 Uhr, und wir haben uns im sogenannten Pressebereich eingefunden – eine abgesperrte Area auf der Empore, die den Blick auf den wirklich außerordentlich schönen Club ermöglicht. Locke beginnt sehr schnell umzudisponieren. Er lässt ein paar gutaussehende blonde Frauen in den VIP-Bereich und komplementiert nicht passende Journalisten wieder hinaus. Wir seien ROLLING STONE, sagt er, und da müsse schließlich auch die richtige Energie vorherrschen. Also stellen wir Flaschen auf den Tisch: Belvedere mit Red Bull. Der Abend nimmt so seinen Lauf.
Dann steht plötzlich Haftbefehl auf der Bühne. Früher als erwartet. Es ist 1.15 Uhr. Sein Gesicht hält er weiterhin verdeckt; ob er seine Nase, die wohl durch den Kokainkonsum eingefallen ist, mittlerweile wieder rekonstruieren konnte, bleibt entsprechend unbekannt. Dennoch: Von dem, was man sieht, sieht Haftbefehl gut – zumindest besser aus, schreiben die anderen anwesenden Journalisten in ihre Notiz-Apps – als auf den letzten öffentlichen Aufnahmen von ihm. Die zeigten ihn noch übergewichtig, ungesund und stark aufgedunsen. Jetzt hat er wieder deutlich abgenommen. Als die ersten Videos von dem Auftritt in sozialen Netzwerken kursieren, wird sogar darüber gerätselt, ob das wirklich Haftbefehl sei, der da auf der Bühne steht. Aber kein Zweifel: Das ist Haftbefehl.
Das Mini-Set, die Energie und der 15-Minuten-Abriss
Innerhalb von Sekunden verwandelt sich die Party in einen einzigen großen Moshpit. Haftbefehl steht mit großer Entourage auf der Bühne, die den Großteil der Show für ihn trägt, aber tatsächlich reicht schon seine reine Präsenz, untermalt von den ultraharten Beats vom Band, aus, um den Ballsaal in einen brutalen Hexenkessel zu verwandeln. Die Bässe, die aus den Boxen dröhnen, walzen kompromisslos alles nieder.
Mit „Chabos wissen, wer der Babo ist“ steigt er in sein Mini-Set ein. Dann eine kurze Zwischenansage. „Ihr habt vielleicht meine Doku gesehen“, ruft Haftbefehl ins Publikum. „Was ich noch sagen wollte: Ich bin clean“, sagt er, bevor er all die Songs performt, die wahlweise bloß den Verkauf oder auch schon den exzessiven Konsum von ebenjener Droge thematisieren, mit der er jetzt nichts mehr zu tun haben will oder darf. „Siehst du“, sagt Locke, der das ja schon alles irgendwie vorausgesehen hatte, und verweist auf den auffälligen Widerspruch, der das hier alles zu sein scheint.
Doch Widersprüche sind Teil der Popkultur. Es folgen „Rolle mit meim Besten“, „069“ und zum Abschluss noch „RADW“. Ich steh‘ mit Rücken an der Wand, Hand an mei’m Schwanz / Andere am Ballermann, ganzer Körper angespannt / Rücken an der Wand, Gift in der Hand / Baba Material, Digga, tick‘ das Kristall. Ein Haftbefehl-Best-of in der High-Energy-Variante. Die Stimmung bleibt explosiv. Für einen kurzen Moment denkt man: Das hier ist gerade so aufgeladen – wäre das ein Film, würde das in einem Purge enden. „Macht mal Kreis“, stimmt Haftbefehl sein Publikum vor jedem neuen Song auf den nächsten, noch härteren Moshpit ein. Und warnt gleichzeitig: „Passt auf eure Nasen auf.“ Und als die Stimmung auf dem Höhepunkt ist, da endet auch schon alles wieder. Die Logik an diesem Abend ist absolut bestechend. Das offizielle Haftbefehl-Comeback ist ein 15-minütiger, exzessiver Ausnahmezustand.
Gießen-Show und der Weg nach vorn
Haftbefehl geht von der Bühne, und die Party folgerichtig einfach weiter – nur ohne Rage. Es wird jetzt wieder zu Chris Brown oder Jay-Z getanzt, der Alkoholpegel steigt, die Stimmung bleibt auf hohem Niveau. Locke bestellt noch ein paar Drinks. Im Raucherbereich wird abwechselnd über den Haftbefehl-Auftritt und die Schlägerei gesprochen. Dann rücken nach und nach andere Themen in den Vordergrund.
Am nächsten Tag wird Haftbefehl in Gießen auftreten. Dort wird er auf der Bühne gar nicht mehr sprechen, sondern nur ein paar Geldscheine ins Publikum werfen. Es werden noch ein paar Artikel erscheinen. Und dann wird die Welt sich weiterdrehen, es werden neue Dinge thematisiert und neue Projektionsflächen gefunden werden. Und Haftbefehl? Der wird seinen eigenen Weg finden müssen. Irgendwo zwischen den Ansprüchen von außen und den Dämonen im Innen, während die Party einfach weiterläuft.