Danke für einen wundervollen INTERNATIONAL MUSIC AWARD 2019! Bald zu sehen auf MAGENTA TV

Highlight: I.M. Rock: Was die Stasi mit der Musik der DDR zu tun hatte

ROLLING-STONE-Reportage

DDR-Popkultur – Revolution in Grenzen

Fotos von Friederike Göckeler

Günter Schabowskis größte Lebensleistung basiert auf einem Fehler. Als er am 9. November 1989 kurz vor 19 Uhr die Worte „sofort, unverzüglich“ stammelt, ist ein ganzes Land aus Versehen frei. Schabowski, Erster Sekretär der SED-Bezirksleitung, hatte in seinen Unterlagen gewühlt und auf Nachfrage eines Reporters die Reisefreiheit von DDR-Bürgern genehmigt. Eigentlich sollte die Regelung erst tags darauf veröffentlicht werden. Eine halbe Stunde nach dem historischen Irrtum vermelden die ersten Nachrichtenagenturen den Fall der Berliner Mauer. Die Aufnahmen dieser Pressekonferenz gehören neben den Leipziger Montagsdemonstrationen, Hans-Dietrich Genschers Balkon-Rede in Prag und den Massen am Grenzübergang Bornholmer Straße zu jenen Ereignissen, die jährlich aus den Redaktionsarchiven geholt werden, um ihr mediales Erbauungswerk an den Pflichtfeierlichkeiten zur Friedlichen Revolution zu verrichten. Es sind Bilder, die sich ins kollektive Gedächtnis eingebrannt haben. Sie erfüllen aber noch einen anderen Zweck: Sie ertränken Frust und Unbehagen im Tränenmeer der Nostalgie. Doch wie immer, wenn die schmutzige Wäsche der Geschichte zu heiß gewaschen wird – irgendwann tauchen Stimmen auf, die sich beschweren, weil sie nicht reinpassen in die nach Persil duftende Identität. „Eine Staatsbürgerschaft wechselt man doch nicht wie ein T-Shirt“, sagt Bettina Wegner im Jahr 2019.

Startschuss in die schöne neue Welt

30 Jahre nach dem Mauerfall ist die Zeit reif, um Lebenswege wie ihren zu würdigen und die Popkultur des anderen Deutschlands neu zu entdecken. Gegen das Vergessen und die Geringschätzung. Die Zeit ist reif, um Leute zu Wort kommen zu lassen, die sich jenseits der üblichen Verdächtigen – Puhdys, Karat, City, Biermann – aus der Umklammerung der „Fürsorgediktatur“ gelöst haben. Um kreative Freiräume im fest ummauerten Äußeren zu schaffen.Viele von ihnen verspüren am 9. November 1989 keine Euphorie. Sie sitzen ungläubig vor dem Fernseher. Andere wissen gleich, was die Stunde geschlagen hat. Einer von ihnen ist André Herzberg. „Du musst, ob du willst oder nicht, in dieses andere Leben rein – diese Erkenntnis hat mir Angst gemacht“, erklärt der Sänger der Band Pankow. Vielleicht bringt nichts die Atmosphäre zwischen Freudentaumel und Ohnmacht so genau auf den Punkt wie eine Anekdote, von der Herzberg nicht mehr weiß, ob sie wirklich passiert ist oder ob er sie nur geträumt hat: Er steht vor einem Fernsehgeschäft. Draußen staunende Gesichter, drinnen die Live-Übertragung von Schabowskis Pressekonferenz. Draußen hört niemand, was drinnen abläuft: das bizarre Ende eines Polit-Thrillers. Draußen erstarren die Leute, drinnen fällt der Startschuss – in die schöne neue Welt.Die Sängerin Tamara Danz nimmt die Herausforderung an. „Sie hat sich sehr dafür eingesetzt, dass das Land nicht verscherbelt wird“, berichtet Silly-Gitarrist Uwe Hassbecker. Danz engagiert sich für Reformen, nicht für die Abschaffung der DDR. Was selten erwähnt wird: Versuche, einen besseren, menschlicheren Sozialismus zu gestalten, hatte es in der DDR auch schon viel früher gegeben. Und damit beginnt die kulturelle Odyssee im Arbeiter-und-Bauern-Staat.

Bettina Wegner, 2019

Gegen 10 Uhr morgens am 3. Dezember 1965 schießt sich Erich Apel in seinem Büro eine Kugel in den Kopf. So lautet die offizielle Version. Apel ist Vorsitzender der Staatlichen Plankommission und bis zu seinem Tod der treibende Motor eines ökonomischen Experiments zum Aufbau einer kontrollierten Marktwirtschaft. Grünes Licht bekommt er von ganz oben. Walter Ulbricht, der durch die stalinistische Kaderschmiede gestählte Staatschef (meistzitierter Satz: „Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten!“), agiert nämlich im Innern als durchaus reformwilliger Realpolitiker. Anfang der Sechziger erkennt er, dass sein Land, wenn es denn überleben will, Wettbewerb zulassen muss. Warum ist das relevant? Das Politische und das Kulturelle sind in der DDR untrennbar verbunden. Beide Sphären führen eine Zwangsehe, aus der mal geniale, mal missratene Kinder hervorgehen. „Genau deshalb greift der vor allem unter Künstlern und Intellektuellen geführte Streit um den richtigen Entwicklungsweg des Sozialismus so tief ein ins Selbstverständnis der DDR-Gesellschaft“, schreibt Gunnar Decker in seiner Analyse „1965. Der kurze Sommer der DDR“. In jenem Schicksalsjahr erfasst eine neue Streitlust die geistige Avantgarde, beflügelt Schriftsteller, Regisseure und Musiker. Das Experiment „Liberalisierung“ scheitert, kaum dass es begonnen hat. Die Zyniker und Apparatschiks übernehmen das politische Ruder – oder vielmehr: sie ducken sich vor dem eisigen Wind, der seit dem Wechsel von Chruschtschow zu Breschnew aus Moskau weht. Auch Ulbricht knickt ein. Nach Apels mysteriösem Ableben und dem berüchtigten 11. Plenum des Zentralkomitees der Sozialistischen Einheitspartei (SED) rollt eine Verbotswelle an, die kein Erbarmen kennt. Filme werden aus den Kinos verbannt. Liedermacher wie Wolf Biermann dürfen nicht mehr auftreten. Das Ministerium für Staatssicherheit (kurz Stasi) verfeinert seine perfiden Überwachungstaktiken.

In diesem Klima wird Bettina Wegner erwachsen. Eigentlich hätte in ihrem Fall alles seinen sozialistischen Gang gehen müssen. Ihre Eltern sind überzeugte Kommunisten. Der Vater arbeitet als Chefredakteur der Wochenzeitschrift „Freie Welt“, die Mutter ist Sekretärin in der Liga für Völkerfreundschaft. Doch Mitte der Sechziger brechen für Wegner stürmische Zeiten an. Sie beginnt eine Ausbildung zur Bibliotheksfacharbeiterin und ein Schauspielstudium. Sie ist Mitbegründerin eines Hootenanny-Klubs für Kreative, die der Funktionärselite genüsslich eine lange Nase drehen. Sie verliebt sich in Thomas Brasch, der später zum Enfant terrible der Theater- und Lyrikerszene avanciert, und bekommt ein Kind von ihm. 1968 verteilt sie Flugblätter gegen die gewaltsame Niederschlagung des Prager Frühlings. Sie wird exmatrikuliert und wegen „staatsfeindlicher Hetze“ verurteilt. Eine genaue Haftzeit gibt es nicht. Die Stasi foltert gern psychologisch. Nach einer Woche, die sich anfühlt wie eine Ewigkeit, kommt sie frei.

Wegner ist 20, da hat ihr die Diktatur des Proletariats bereits Wunden zugefügt, die nicht mehr heilen. Sie sucht nach Halt unter Gleichgesinnten, findet ihn in dem Schriftsteller Klaus Schlesinger. 1970 heiraten die beiden. Sie kämpfen mit ihren Mitteln gegen die Gleichschaltung, noch immer beseelt von der Aufbruchstimmung um 1968. Wie die gelebt wurde, skizziert Schlesinger später in „Von der Schwierigkeit, Westler zu werden“: „Überall Diskussionen, in den Freundeskreisen, den lockeren Zirkeln, den Jugendklubs. Wo man hinsah: Bewegung. Hüben und drüben die zarte Hoffnung, dass aus der deutschen Alternative eine andere, lebbare wachsen könnte.“

Fortsetzung:

Friederike Göckeler


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