Festivalbericht

Der Tag der Showmänner: So war der Samstag bei Rock im Revier

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Der Tag der Showmänner: So war der Samstag bei Rock im Revier

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Es ist der zweite Tag des Festivaldebüts in Gelsenkirchen. Beim Betreten des Geländes fällt auf, dass das Publikum in Teilen substituiert worden ist. Standen gestern noch mehrheitlich Männer um die 40 im Auditorium, um den harten Klängen von Metallica beizuwohnen, sind die Menschen heute deutlich jünger, die Geschlechteraufteilung ist ausgewogener. Ein Hinweis darauf, dass sich viele Besucher für Tagestickets entschieden haben.

Während gestern noch die Pioniere des Metal (Metallica) – und Crossover (Faith No More) die Bühne säumten, ist heute auch Platz für artifizielles Spektakel. Das Berliner-Kunst-Kollektiv Bonaparte um den Schweizer Tobias Jundt hat sich über die Jahre einen Ruf als   außergewöhnliche Live-Band erworben. Mit immer wechselnden Bandmitgliedern veranstaltet die Gruppe ein aufreizendes und sehr freizügiges Ereignis, das ganz klar auf Luststeigerung und die Loslösung von normativen Regeln abzielt. Doch das ist nur die halbe Wahrheit. Denn neben den visuellen Reizen durch halbnackte Tänzerinnen und eng taillierte Kostüme, rüttelt der Schweizer durch bissige politische Statements gegen Konsum und Ausbeutung auf.

Dass die Musik, bis auf ein paar zweckdienliche Hits wie „Anti, Anti“, recht belangloses Indie-Punk-Geschrammel ist, fällt nicht weiter ins Gewicht. Die kaputte Glam-Ästhetik von Tobias Jundt und das Drumherum reichen zurecht aus, um das Publikum zu begeistern.

Ironische Rockgesten und Missverständnisse

Danach ist Zeit für eine wirkliche Festival-Institution: The Hives. Seit rund 10 Jahren tourt sich die schwedische Band um Pelle Almquist die Füße wund  – und das mittlerweile nicht ganz freiwillig. Nach Zerwürfnissen mit den Landsleuten von The Cardigans, über geliehene Kredite, hat die Gruppe nach einem Gerichtsurteil im Jahre 2013 einen Schuldenberg von umgerechnet 2 Millionen Euro abzutragen. Auf der Bühne merkt man von derlei Existenzialismus nichts. Live sind die Schweden eben immer noch unantastbar. Ihre ironische Rockshow wartet zwar mit vielen redundanten Elementen auf, aber die Ansagen und Maßanzüge sitzen immer noch perfekt.

„You are lucky, because you are in the presence of THE HIVES“, quäkt Almquist unablässlich  – dazu ein süffisantes Grinsen. Bei „Tick Tick Boom“ zeigt sich, wie sehr der Frontmann die Massen im Griff hat. Erst bringt er den gesamten Innenraum dazu, sich zu setzen; dann folgen alle seiner Anweisung nach kollektiver Ekstase. The Hives geben dem Publikum immer auch die Möglichkeit, sich ein Stück weit selbst zu feiern, und genau deshalb kann man ihnen die augenzwinkernd zur Schau gestellte Arroganz auch nicht krumm nehmen. Ein bisheriger Höhepunkt.

Incubus können die Spannung im Anschluss nicht immer halten. Zwar geben sich die Jungs um Schönling Brandon Boyd sympathisch und angenehm unprätentiös, aber oft verlieren sie sich in recht undynamischen und selbstbezogenen Sound-Tüfteleien. Nur gelegentlich sorgen sie für den nötigen Punch. Speziell bei Stücken wie „Megalomaniac“ – von ihrem nach „Morning View“ (2001) besten Album, „A Crow Left Of The Murder“ (2004) – gelingt es, die Zuschauer für sich einzunehmen. Insgesamt ein solider Auftritt, über den man allerdings nicht mehr viel nachdenken wird.

Es bleibt noch Zeit die letzten Minuten von Limp Bizkit auf der Boom Stage abzupassen. Es ist schon erstaunlich, dass eine Band, die ihre gesamte Karriere auf einer Umdeutung des Mission-Impossible-Titelsongs und der Coverversion von  „Behind Blue Eyes“ (The Who) aufgebaut hat, immer noch so viele treue Anhänger hat. Neue Impulse darf man von den Mannen um Fred Durst schon lange nicht mehr erwarten. Sie rocken grobschlächtig. Diese Band ist ein einziges Missverständnis.

Ein visuelles Spektakel

Muse sind bekannt für große Gesten und ambitionierte Konzepte. Ihr neues Album „Drones“ widmet sich der Kritik an maschinell gesteuerten Kriegen, und so wundert es nicht, dass Videoprojektionen von Drohnen und politische Statements immer wieder eingeblendet werden. Das ist unsubtil und definitiv eine Frage des Geschmacks. Der Auftritt ist dennoch ein Ereignis. Die Band um den charismatischen Matthew Bellamy zeigt sich sehr gut eingespielt, jede Note sitzt perfekt. Das Gefühl von Show-Routine kommt trotzdem an keiner Stelle auf. Schlagzeugsoli, Konfettiregen, überdimensionale Luftballons – auch visuell gibt sich die Band redlich Mühe. Die Songs sprechen dennoch für sich und würden auch ohne den konzeptionellen Bombast funktionieren.

Speziell die frühen Stücke wie „New Born“ und „Time Is Running Out“ sind so effizient auf den Punkt gebracht, dass man kein großer Fan der Gruppe sein muss, um das beeindruckend zu finden. Einziger Wermutstropfen für die Fans: Der Auftritt endet etwa 40 Minuten früher als geplant. Ein abwechslungsreicher und größtenteils gelungener Festival-Tag geht zu Ende.

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