Die grüne Revolution

Zum ersten Mal sehe ich sie selbst, die Wutbürger aus dem Fernsehen, und es sind viele, und sie sind überall, vor allem hier im Innern des berühmten halb zerstörten Stuttgarter Bahnhofs, dessen Reste sie grimmig und mit erhobenen Nordic-Walking-Stöcken verteidigen. Diese alten, stolzen, rechthaberischen und eben ungeheuer wütenden Menschen, die den aufrechten Gang üben nach dem zweiten Schlaganfall, sind nun die Sieger der Geschichte. Ihre Revolution hat das alte Regime hinweggefegt. Die CDU regierte das Land 58 Jahre lang. Der alte Herrscher, ein dicker Mann namens Mappus, ist wie vom Erdboden verschluckt, wie Ben Ali in Tunesien oder Mubarak in Ägypten.

So wie hier ist die Stimmung überall in Deutschland. Doch bleiben wir noch kurz im ‚Stuttgart 21′-Bahnhof, dem Tahrir-Platz der grünen Revolution. Majestätisch langsam schieben sich die glänzenden, rotlackierten Loks der Deutschen Bundesbahn heran bis zu den Endpuffern. Was für ein Gefühl des Reisens, des Ankommens! Kein husch, husch! Kein abgefuckter, hingerotzter Durchgangsbahnhof à la erweiterte U-Bahn-Röhre. Eine extrem hohe Decke wölbt sich darüber, höher und sakraler als jedes normale Kirchenschiff. Ein Heiligtum sollte geschleift werden! Ein Wahrzeichen der Stadt. Eine Erinnerung an die 30er-Jahre, als die Wutbürger noch jung waren und sich auf andere Weise abreagieren konnten.

Jetzt stehen sie da, bohren ihre unvermeidlichen Nordic-Walking-Lanzen in den Schutt, den Mappus‘ Leute zurückgelassen haben, und sagen Sätze wie: „Wir haben so viel bewegt, in allen Ländern, für die Sache. Das Ausland schaut auf uns. Jeder da draußen weiß jetzt: des darf net sein, was die hier versucht ham. Man muss gut zu der Welt sein!“

Es gibt auch eine junge Wutbürgerin, das ist die Abo-Verkäuferin der „Süddeutschen Zeitung“, eine minderjährige Türkin. Sie freut sich genauso über den Sieg der Grünen: „Isch hab misch so gefreut, isch musste weinen.“ Als sie meinen „Mappschiedsparty“-Button sieht, den mir gerade Elfie von der Mahnwache für einige Spenden-Euro an den selbst gehäkelten Ökopulli geheftet hat, schenkt sie mir ein SZ-Probe-Abo.



Die 500 besten Alben aller Zeiten – die komplette Liste

In unserem Sonderheft "Die 500 besten Alben aller Zeiten" (das Sie hier bestellen können) stellt ROLLING STONE die Meisterwerke der Musikgeschichte vor. Die Aufstellung in diesem Heft ist das Ergebnis zweier einzigartiger Umfragen des amerikanischen ROLLING STONE: Bei keinem anderen Ranking wurden so viele Musikschaffende, Künstler, Kritiker und Branchenleute befragt (fast 400), deren schiere Kompetenz so eindrucksvoll wirkt wie ihre Prominenz – und die wohl nur bei einer solchen gigantischen Umfrage ihren Teilnahmebogen einsenden. Für die Auswertung wurde sogar ein Notariat mit der Aufsicht betraut. Deutsche Leser werden bemerken, dass der Anteil von Soul und Country höher ist als bei…
Weiterlesen
Zur Startseite