Duran Duran im Interview: „Long Covid machte mich zum Geist“


von

Mit „Future Past“ veröffentlichen Duran Duran ihr 14. Studioalbum. In den 1980er-Jahren galten sie dank Hits wie „The Reflex“ und „Wild Boys“ als Vorreiter der New-Romantic-Welle, später als eine der größten Pop-Bands der Dekade. Ab den Nullerjahren arbeiteten sie mit Produzenten wie Mark Ronson und Erol Alkan zusammen, um Anschluss an zeitgenössische Klänge zu wahren –  wie nun auch auf „Future Past“. Ein Gespräch mit Sänger Simon Le Bon, 63, über Künstliche Intelligenz, das Geheimnis guter Bond-Songs und japanische Rock-Girlgroups.

Das auf Computergrafiken basierende Video zur Single „Invisible“ hat eine Künstlichen Intelligenz erstellt. Was hätte der 20-jährige Simon in den frühen 1980er-Jahren zu so einem Clip gesagt?
Ganz sicher „Wow“! Eine auf Unabhängigkeit programmierte K.I. geht auf seine eigene, schräge Reise. Auch passten die Bilder nicht immer zum einfachen Songtext, in dem es um zwischenmenschliche Entfremdung geht. Das Programm produzierte irgendwann nur noch Hunde-Bilder, wir mussten einschreiten. Aber die Vorteile sind überzeugend: Kein Mensch könnte sich solche Visualisierungen ausdenken.

Ihre früheren Videos stammten nicht aus dem Rechner. Duran Duran bereisten exotische Drehorte wie Sri Lanka, wo „Hungry Like The Wolf“ entstand.
Ja, aber niemand will mehr Geld für Clips ausgeben. Videosender wie MTV sind nicht mehr so groß, es gibt YouTube, TikTok. Und die vormals exotischen Orte sind inzwischen viel bereist. Warum Millionen Dollars für einen Mini-Film ausgeben, den Sie sich dann nur auf ihrem winzigen Handy ansehen?

Auf „Future Past“ wirkt Blur-Gitarrist Graham Coxon mit. Ist dies die erste Paarung eines Brit-Poppers mit einem New Romantic?
Gut möglich! Graham ist ein Künstler. Es ist seine Bestimmung, musikalische Kunstwerke zu erschaffen, sein Instinkt für Originalität ist einmalig. Das passt zu uns.

Bescheidene Selbsteinschätzung!
Er ist der Master of Riffs. Als Gitarrist so individuell wie Keith Richards.

Wie entstand die Kooperation mit Mike Garson, dem Pianisten David Bowies?
Meine liebste Bowie-Platte ist „Aladdin Sane“. Ich bat Mike, auf unserem „Falling“ ein wenig wie auf dessen „Lady Grinning Soul“ zu spielen. „Aladdin Sane“ war damals meine Bowie-Einstiegsdroge. „Space Oddity“ und „Ziggy Stardust“ bekam ich schon mit, sie packten mich aber nicht so. Ehrlich gesagt, fand ich Marc Bolan und T.Rex besser. Wir nutzen Musiker wie Mike auch nicht, um Bowie näherzukommen – sondern um zu erarbeiten, welchen Einfluss Bowie auf Duran Duran hatte. Wir sind Bowie-Fans. Aber Duran Duran lieben wir mehr!

Dafür brachte Giorgio Moroder seinen Synth-Bass aus „Take My Breath Away“ in Ihr Studio.
Nun, er ist der Meister dieser Sequenz, und die haben wir von ihm auch erhalten. Ich denke, mit „Beautiful Lies“ erhalten Sie konzeptuell genau das, was sie von einem Song erwarten, der „Duran Duran meets Moroder“ verspricht.

Und wie sind Sie mit der japanischen Punk-Girlgroup Chai zusammengekommen?
Ich zog im Lockdown meine eigene Radio-Sendung auf, mit Newcomern. Auf meiner Odyssee durch die Musik-Landschaft von Bandcamp und Spotify stieß ich auf Chai. Nick Rhodes, unser Keyboarder, sagte zu mir: Wir brauchen japanische Stimmen auf der Platte, aber besten von Girls. Am besten Schulmädchen! Ich sagte nur: Bitte? Wir sollen Schulmädchen ansprechen, ob wir sie mal eben so aufnehmen dürfen? No way. Aber Chai sind ja auch erwachsen.

Auch mit der Rapperin Ivorian Doll haben sie eine Künstlerin engagiert, die weniger bekannt ist als Sie, aber eine andere Fan-Gemeinde hat.
Wir machen das aber nicht, um Kapital aus den Fan-Armeen jüngerer Musiker zu schlagen. Wir wollen einfach den richtigen Sound. Das heißt nicht, dass unser Management uns nicht regelmäßig eine Liste vorlegt mit Künstlern, mit denen wir zusammenarbeiten sollten.

„Tonight United“ ist Ihr Anruf, die Welt zu verbessern. Was ist Ihrer Meinung nach der größte Fehltritt, den wir begehen?
Was falsch läuft in der Welt? Richtig, richtig falsch? Das größte Problem? Überbevölkerung. Das mit Abstand größte Problem – und dasjenige, das am schwersten angegangen werden kann. Wie kann man Menschen sagen, dass sie aufhören sollen, so viele Babys zu machen? Wer das fordert, würde als Faschist betrachtet werden. Aber jedes Problem hängt mit Überbevölkerung zusammen. Unabhängig davon, dass der Wechsel zu erneuerbaren Energien gelingen muss. Schauen sie nach Asien: Gigantische Flächen voller Kohlekraftwerke mit gigantischen Mengen an Ausstößen … ob ich jetzt ein Auto fahre, das nicht mit Benzin angetrieben wird, macht demgegenüber kaum einen Unterschied.

Glauben Sie, als Popmusiker ihre Fans auf den richtigen Weg bringen zu können?
Ob ich etwas verändern kann, weiß ich nicht. Ich kann nur versuchen, meine Stimme denjenigen hinzuzufügen, die sich für das Richtige einsetzen. Darum geht es auch in „Invisible“: „But a voiceless crowd isn’t backing down“ – die Menschen sind da draußen, und sie geben nicht auf.

Durch Ihre Long-Covid-Erkrankung haben Sie rund ein Jahr lang nichts riechen können. Hat dieser Sinnesverlust eigentlich eine Auswirkung auf ihre Arbeit als Künstler gehabt?
Ja, es entstand ein Gefühl der Entfremdung von der Welt. Ich fühlte mich wie ein Geist. Ich dachte, so müssen Geister die Welt wahrnehmen. Geister haben keinen Geruchssinn. Nicht, dass ich an Geister glaube. Aber ich hatte das Gefühl, ich sei nie ganz bei den anderen Menschen. Ich schrieb in dieser Zeit keine Songs. Ich machte mir eines Morgens einen Kaffee, aber ich konnte die Bohnen nicht mehr riechen.

Haben Sie eigentlich die berühmte „The Crown“-Episode gesehen, in der Lady Diana mit dem Walkman zu „Girls on Film“ durch die Säle des Buckingham Palace tanzt?
Nein, leider! Jetzt reicht’s, ich wurde zu oft darauf angesprochen. Ich erledige das gleich nach diesem Interview.

Duran Duran zählen zu den wenigen Pop-Bands der 1980er-Jahre, die nie eine 80er-Revival-Tournee mitmachen mussten. Haben Sie bis jetzt Glück gehabt?
Mit Glück hat das nichts zu tun. Es ist unsere Überzeugung, dass neuartige Musik nicht die Domäne von ausschließlich neuen Künstlern sein sollte. Wir haben das Recht, neue Musik zu machen. Und das Recht, neue Musik zu machen, die wie neue Musik klingt. Jedes Album soll ein Experiment sein. Wissen Sie, wir versuchten einst sogar, „Save a Prayer“ neu zu schreiben. Hat nicht funktioniert. Von da an suchten wir stets nach Gebirgskanten für Duran Duran, um auf den nächsten Berg zu springen. Das musikalische Einsatzgebiet zu vergrößern.

Warum gibt es bis heute eigentlich keinen gelungenen Spielfilm über die New Romantics und ihre Zeit im Londoner Blitz Club?Vielleicht, weil die Sache nicht so groß war, wie sie dargestellt wurde? Heute gilt die Zeit von 1980 bis 1982 als legendär, aber sie fand in der Presse so gut wie nicht statt. Die meisten erkannten nicht, dass es sich um eine neue Musik- und Moderichtung handelte. Heute ist das Stoff für Comedy-Sendungen. Für Revivalism. Was glauben Sie, woran es scheiterte?

Vielleicht lässt sich kein Schauspieler finden, der Boy George glaubhaft verkörpern kann?
Vielleicht. Es war aber auch schon alles vorbei, ehe es richtig angefangen hat. Es war eine schnelllebige Kulturbewegung, ein bisschen wie Punk. Aber die New-Romantic-Welle ermöglichte etliche Karrieren, die Bands waren deswegen ja nicht weg.

 Mit „A View To A Kill“ erzielten Sie 1985 ihren einzigen Nummer-eins-Hit in den USA. Warum, glauben Sie, steht das Lied heute nicht im Kanon der großen James-Bond-Songs?
Der „Kanon“. Wer sind denn die Leute, die den „Kanon“ aufstellen? Nun, viele Kritiker wollen einfach nicht, dass Duran Duran in solchen Listen ganz oben stehen. Fair enough. Der Song aber hat Energie. Ich finde, mehr als jeder andere Bond-Song. Vielleicht mögen die Kritiker ihn deshalb nicht – weil er keine Ballade ist, wie fast alle Beiträge. Wobei ich die Songs von Adele und Billie Eilish mag.

 „A View To A Kill“ führten Duran Duran als einer der Headliner bei Live Aid in Philadelphia auf. Warum waren Sie eigentlich nicht in London?
Ich wollte in London auftreten. Aber Bob (Geldof) bat mich inständig: „Bitte, bitte, ich brauche Künstler, die den Band-Aid-Song „Do They Know It’s Christmas?“ in London eingespielt haben, auch drüben in den Staaten.“

Band Aid und USA for Africa galten damals als ehrenhafte karitative Events. Heutzutage wird auf Charity-Veranstaltungen oft zynisch reagiert.
Ja, die Leute haben sich an solche Events leider gewöhnt. Band Aid und Live Aid waren die ersten Unternehmungen ihrer Art. Unabhängig davon, dass manche heutige Wohltätigkeitsprojekte mehr Geld einsammeln oder mehr Geld einsammeln könnten. Wobei, nein, Live Aid war das Höchste, ist es bis heute. Der Live-Aid-Gedanke war derart neu, dass er die ganze Welt in den Bann schlug. Wir sind mal in Italien bei einem Event aufgetreten, das Geld für den Kampf gegen den Klimawandel eingesammelt hat. Niemand kann sich daran mehr erinnern. Aber so sind wir Menschen, und so funktioniert unsere Kultur. Es sind die neuartigen Sachen, nur die neuartigen, die uns faszinieren. Aus einer alten Idee Geld machen? Viel schwieriger.

Ihr Debüt erschien vor 40 Jahren. Haben Sie überlegt, eine Anthologie Ihrer Alben herauszubringen?
Darüber denken wir nach. Auf Vinyl haben wir das schon gemacht. Jeder weiß ja, dass die Vinyl-Verkäufe mehr anziehen als die CD-Verkäufe. Ich liebe das Ritual, Alben aus ihrer Hülle zu ziehen, sie korrekt halten zu müssen, sie auf den Plattenteller zu legen, die Nadel hochzuheben, korrekt aufzusetzen. Das ist ein schwieriges Unterfangen. Aber wenn man es beherrscht, macht es einfach Spaß. Das ist interaktives Entertainment. Vergleichen Sie das mal mit dem simplen Erlebnis, eine Taste auf ihrem Handy zu drücken. Eine Plattensammlung schmückt jedes Haus. Sie ist Ausdruck von Kulturverständnis.

Zum Tod von Charlie Watts haben auch Duran Duran ein Statement abgegeben. Inwieweit hat der Stones-Drummer Sie beeinflusst?
Nicht nur uns, sondern die Musik im Allgemeinen, möchte ich sagen. An seinen besten Tagen war er der beste Schlagzeuger der Welt. Aber für diese Frage bin ich wahrscheinlich nicht derjenige, der die Antwort geben sollte. Roger Taylor, unser Drummer, kann das.

Sie arbeiteten mit einigen Produzenten-Koryphäen zusammen: Nile Rodgers, Colin Thurston, Mark Ronson. Was lernen diese Mitstreiter eigentlich von Ihnen?
Ich singe seit mehr als 40 Jahren. Ich sage mal, mit Stimmproduktionen, Monitoring und Gesang im Allgemeinen kenne ich mich ganz gut aus. Ich weiß, wie meine Kopfhörer eingestellt sein müssen. Als Toningenieur kann ich locker mithalten.

Ihr erster Misserfolg war das „Big Thing“-Album von 1988. Einen ähnlichen Acid-Rock-Sound griffen U2 später mit „Achtung Baby“ oder INXS mit „Welcome To Wherever You Are“ auf.
Wir hatten zuvor sehr großen Erfolg. „Big Thing“ klang neuartig, aber die Leute sehnten sich vielleicht schon nach einer neuen Band. Viele wechselten dann möglicherweise rüber zu U2. Die Welle trug die Leute von uns weg, aber seit unserer Reunion von 2004 sind sie wieder bei uns – bis heute. „All You Need Is Now“ und „Paper Gods“, die Platten der Zehnerjahre, das war ein Gefühl wie ganz früher.

Gibt es Aufnahmen, die Sie bereuen?
Ja, unsere Coverversion von „Ball of Confusion“ der Temptations war ein Fehler …

… enthalten auf ihrem Coveralbum „Thank You“, von manchen britischen Medien als „schlechtestes Album aller Zeiten“ tituliert …
Unsere Fassung ist schlecht, weil ich gemerkt habe, dass es für mich als Sänger einfach nicht der richtige Song ist. Manches landete auch nur deshalb auf Platte, weil John Taylor (Bassist) insistierte.

Stimmt es, dass Duran Duran einst eine Zusammenarbeit mit Michael Jackson ausgeschlagen haben?
Ich bin mir nicht sicher, ob es ein konkretes Angebot war. Michael rief Nick zu Hause an. Irgendwann gelangte er an seine Telefonnummer. Nicks Mutter hob ab. „Nick, da ist jemand für Dich dran. Ein Michael. Ein Michael Jackson.“ Nick war sich sicher, es musste irgendein Michael Jackson sein, aber nicht DER Michael. Dann ging er ran – und hielt sofort die Hörmuschel zu. Er flüsterte: „Das ist wirklich Michael Jackson!“. Aber wir kamen nicht zusammen. Manche Sachen sollen einfach nicht sein. Man kann Samen pflanzen, und manchmal wächst daraus nichts. Mit Mike Garson wollte ich vor 20 Jahren schon zusammenarbeiten, und es hat erst jetzt funktioniert.

Es wäre jedenfalls das erste Mal gewesen, dass Jackson nicht einfach nur mit einem Co-Sänger duettiert, sondern mit einer komplett fremden Band arbeitet. Warum hat er nicht Sie angerufen?
Wahrscheinlich kam er an meine Nummer nicht ran, nur an Nicks!

1985 ging Ihr Unfall auf hoher See in die Geschichte ein: ihre Yacht kenterte, alles stand kopfüber, Sie waren 40 Minuten eingeschlossen in einer Luftblase unter dem Boot. Ein Rettungshubschrauber zog ihre Crew und Sie per Leine meterhoch aus dem Wasser, Sie trugen nur eine Unterhose. Viele kommentierten dies hämisch als unfreiwilliges Spektakel eines dekadenten Popstars. Aber diesen Unfall hat seitdem, um es zynisch zu sagen, keiner aus Ihrer Branche getoppt, oder?
Ja, aber es hätte tödlich enden können. Diese Art Unfall kann nicht jedem passieren, sie kann auch nicht jedem Popstar passieren, sie kann nur solchen Popstars passieren, die an Yacht-Rennen teilnehmen. Die „Drum“ war kein Segelboot, es war ein Rennboot, also aus leichtem Material. So ist die Gefahr zu kentern größer. Der Kiel brach entzwei. Nun, einen Popstar gefangen unter seinem Boot und gerettet nur in Unterhosen? That’s a one-off.