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ROLLING-STONE-Story

Suede: Dinosaurier der Dekadenz

Tiere findet Brett Anderson schön – vielleicht noch schöner, wenn sie tot sind. Ein verendeter Vogel liegt am Straßenrand im Schnee, Wind streicht durch sein Gefieder. Aber auch im Tod sieht der Spatz noch edel aus. Diesen Kadaver und nichts mehr zeigt der 45-sekündige, stille Clip zum neuen Suede-­Werk, „The Blue Hour“ – und versetzte Zuschauer zwei Monate vor der Albumveröffentlichung in Entzücken. Auf YouTube kommentierte jemand das Video schlicht mit: „What is this?“

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Vielleicht die wichtigste Frage. Anderson seufzt, dann lacht er: „In Schönheit sterben, das assoziieren sie also mit uns.“ Natürlich! Seit bald 30 Jahren sind dem Untergang geweihte Lebewesen sein bestimmendes Thema. Und der Mensch ist für ihn nur das vermeintlich bessere Wesen. Anderson spricht vom „elevated beast“, aber ihn fasziniert der Zoomorphismus nicht nur, er schreibt auch Songs darüber: „We Are The Pigs“ und „Animal Ni­trate“. „Dog Man Star“ heißt sein ambitioniertestes Album: Tier und Mensch, nicht mehr Sklave und Herr, sondern gleichrangig – Stars.

Die Vorstellung von verrottendem Fleisch ist für den Sänger und Kopf der bis heute von Freunden glamourös­-dekadenter Popmusik verehrten Band so bezaubernd wie makaber. „Klingt wie ein Gothic-­Klischee. Aber tote Tiere sind Bestandteil britischer Landschafts- und Straßenszenen“, sagt Anderson. Er hört eine Weile zu, dann unterbricht er höflich, aber nachdrücklich: „­Suede sind meinetwegen schön – aber sterben? Werden wir ganz sicher nicht!“

In dieser Selbstauskunft steckt viel von dem, was Suede, die zwei Jahre, 1993/94, als wichtigste Band Großbritanniens gefeiert wurden, ausmacht. Der Kampf gegen Klischees – und dafür, auf einer selbstbestimmten Entwicklungslinie zu bleiben. Anderson bezeichnet es als „zugleich größte Stärke und Schwäche“ seiner Band, dass sie niemals „der Herde“ gefolgt sei.

Suede: Stars über Nacht

Die Herde, das waren damals der Shoe­gaze-Stil (die Musiker stierten beim Spielen versunken nach unten), die Rave- und Madchester-­Gruppen wie Happy Mondays und Inspiral Carpets, schließlich Britpop. Man kann nicht behaupten, dass Suede mit ihrer Marschroute immer Erfolg hatten. 1989 gründeten Anderson, Bassist Mat Osman und Gitarristin Justine Frischmann (sie wurde später Sängerin von Elastica, und sie verließ Anderson für den Blur-Sänger Damon Albarn) die Band in London. Später stieß Bernard Butler als Leadgitarrist hinzu. Er entwickelte jenen für die Frühphase so charakteristischen flächigen Fuzz-Sound. In den ersten drei Jahren jedoch wollte das alles noch keiner hören. Quasi über Nacht ernannte sie dann 1992 der auf der Insel einflussreiche, inzwischen eingestellte „Melody Maker“ zu den größten Gitarrenpop-­Musikern seit den Smiths – obwohl kein einziger Song veröffentlicht war. Ein Auftritt im Camden Underworld diente als Bewertungsgrundlage. Im Publikum befanden sich Morrissey, Kirsty MacColl sowie der Madness-Sänger Graham „Suggs“ McPherson.

Die Ahnung kommenden Ruhms lag schon lange vorher in der Luft. In seiner Autobiografie „Coal Black Mornings“ (Anfang des Jahres veröffentlicht, aber noch nicht in deutscher Übersetzung erschienen) berichtet Anderson mit atemberaubender Nebensächlichkeit von einer Würdigung, die fast zu schön klingt, um wahr zu sein. Auf eine frühe „Drummer gesucht“-­Annonce meldete sich nämlich auch ein Mike. Ein Mike aus Manchester. Ein Mike Joyce aus Manchester. Mike Joyce aus Manchester: Ex-Schlagzeuger der Smiths. Er kam zu einer Probe, doch man wurde sich nicht einig. Anderson schreibt, er habe Angst gehabt, vom Legenden­status der Smiths erdrückt zu werden. Auch da war noch keine eigene Single gepresst.

1993 erschien endlich das Debüt, „­Suede“, kurz nach den ersten Lebenszeichen mancher Künstler, die man bald dem Britpop zurechnen würde. Auch Suede wurden von der „B“-Etikettierung, die kein wirklich wichtiger Musiker selbst je so vornahm, vereinnahmt. Dabei hatten Suede ein absolutes Alleinstellungsmerkmal: ­eine Mischung aus Glam-Rock, Clownstränen, Arbeiterklasse und drogeninduzierten „Dungeons & Dragons“-Fantasien. Offensichtlich aber war Großbritanniens Musikpresse damit überfordert. Einen Ausweg suchten manche in der sensationsgeilen Frage, ob der schöne, schlaksige, mit seinem Mikrokabel das „Lassoing“ kultivierende Anderson vielleicht homo-, mindestens bisexuell sei, sang er doch: „We kissed in his room/ To a popular tune.“

Weil Anderson derart jauchzte, als ginge es auch bei einem Ausflug zum Eis-Essen im Kurort Worthing um Leben und Tod, ernannte man Suede außerdem zur „humorlosesten Band seit Joy Division“. Es nährte das Mysterium nur noch mehr: Welche Geheimnisse sich wohl an den Orten verbargen, in denen andere nur das schöne, langweilige, sorgenlose Leben sahen?

Ende der 90er-Jahre, Bernard Butler war längst ausgestiegen, kamen die richtig schlechten Suede-­Alben. Sie klangen wie Keane: teuer, aber sinnfrei. Die Band löste sich auf. Zehn Jahre kein Suede. Umso beeindruckender, dass Anderson und Osman, Schlagzeuger Simon Gilbert sowie die Gitarristen Richard Oakes und Neil Codling 2013 mit dem Reunion-­Werk „Bloodsports“ gleich wieder zurück in die Charts fanden.

Tiere, die am Straßenrand verrecken

Die Platte verkaufte sich gut, aber nicht wegen einer gewissen Retro-Hipness, die ihr von erinnerungsseligen Menschen zugeschrieben wird. Sondern weil die Lieder in Ordnung waren. Auch ihr neues, achtes Album, „The Blue Hour“, bietet jenen Pop, der als „erwachsen“ bezeichnet werden könnte – jedoch nicht im uncoolen Sinne von Adult Contemporary, wie man ihn in „Playlisten für Zerstreuungen“ findet. Songs wie „Roadkill“ oder „Deadbird“ präsentieren Anderson, der jetzt 51 Jahre alt wird, als Überlebenden. Er überlebte seine Heroin­abhängigkeit in den 90er-­Jahren, später Crack und Kokain. Auch deshalb immer wieder Lieder über Tiere, die in Gefahr sind, unachtsam waren, angefahren wurden und am Straßenrand verreckten.

Zwei Buchstaben sind es, die über die Jahre für Suede zu Warnschildern wurden. Zum einen das D, wobei das D nicht für Drogen, sondern für eine räumliche Anordnung steht: Wenn ihr Konzertpublikum in einem großen Bogen vor der Bühne steht, ­also kein Zuschauer richtig nahe ranwill, bilden Bühne und Fans von oben betrachtet ein D. Dann schrillen bei ­Suede die Alarmglocken. Vier Jahre lang war das so, als sie in halb leeren Sälen spielten. Das hatte Anderson, wie er in „Coal Black Mornings“ andeutet, fast traumatisiert.

Zweitens eben das B-Wort, über das Anderson sich in Rage reden kann: Britpop. „Musiker, die in den Neun­zigern die britische Nationalflagge schwenkten: Das war keine ­Mode, sondern ekelhafter Nationalismus! Ein paar Idioten, die auf der Bühne den Union Jack hochhielten. Britpop war leider nicht mehr als das.“ Auch den Brexit empfindet er als Katastrophe. Er befürchtet, die „Britishness“ junger Musiker könnte zum Faschismus führen.

Klare Worte eines Songwriters, der sonst ein sehr eigenes Verständnis von Politik pflegt. „Für mich hat Politik weniger etwas mit der Arbeit gewählter Parteien zu tun. Politik zeigt sich für mich darin, wie zwei Liebende sich arrangieren, Abhängigkeiten aushalten, Macht ausüben.“ Ihr Hit „Stay Together“ war so ein Song, in dem Liebe zu Tragik führt, das neue „Mistress“ ist auch so ein Stück. „Politik hat keinen Zauber. Kunst aber hat einen Zauber. Politik will Lösungen bieten, Kunst dagegen die richtigen Fragen stellen. Politik und Kunst können also nicht miteinander existieren.“ Er spricht von „kognitiver Dissonanz“.

Anderson bevorzugt die Indirektheit. Sein liebster politischer Song ist Bob Dylans „North Country Blues“. Er beschreibt das Leid der Witwe eines Minenarbeiters, der im Stollen umkam. „Aber Dylan klagt nicht – was zu simpel wäre – bestimmte politische Entscheidungsträger an. Politik ist hier sekundär. Primär ist das Gefühl des Verlustes für die Frau.“

Die „Big Four des Britpop“

Eine Antihaltung prägte Suede also seit Beginn ihrer Karriere, aber auch dieser Antihaltung zum Trotz wurden sie in eine bestimmte Schublade verfrachtet. Schlimmer noch für Anderson: Seine Band wurde in den Stand der „Big Four“ des Britpop erhoben. ­Alle vier Bands veröffentlichten hochklassiges Material, aber keine kam unbeschädigt aus der geplatzten Britpop-­Blase heraus.

Es gab Pulp, deren Sänger Jarvis Cocker irgendwann wie ein Bibliothekar auftrat und das Orchester von Peter Thomas sampelte. Natürlich Oasis. Aber die Gallagher-Brüder wollten – oder konnten – sich gemeinsam nicht weiterentwickeln. Am Ende fiel ­Liam nur noch damit auf, wie er sich für jede Platte eine neue Frisur im Stil der verschiedenen „Beatles Blau“-Jahre (1967 bis 1970) zulegte. Schließlich Blur um den Theaterstudenten Damon Albarn. Mit ihrer Hinwendung zum College-­Rock ab den späten 90er-Jahren, später zur Weltmusik durchliefen sie die wahrscheinlich spannendste Entwicklung der „Großen Vier“. Um den Preis allerdings, dass Albarn die Alleinherrschaft in der Gruppe übernahm.

Weder im Gespräch noch in seinen Memoiren erwähnt Anderson den Konkurrenten, der ihm einst die Seelenver­wandte Justine Frischmann ausspannte, namentlich. Aber es erscheint klar, dass er auch Blur des sogenannten Laddism bezichtigt. Das meint jene Haltung, die ab den mittleren Neunzigern die britische Popkultur dominierte. Leute aus der Mittelschicht machten auf Unterschicht, indem sie bei der Fußball-EM 1996 nach Bier brüllten („Lager! Lager!“, wie im Underworld-Hit „Born Slippy“) oder dem Heroin-Schick von „Trainspotting“ nacheiferten. „Cool ­Britannia“, herrje! Als „Sozialtouristen“ bezeichnet Anderson Menschen, die im Zweifel sogar Dialekte nachäffen.

Verständlich. Er selbst stammt aus dem Örtchen Lindfield an der englischen Südküste und ist ein von relativer Armut geprägtes Unterschichtskind. In seinem Buch schildert er die tägliche Pein, sich in der ­Grundschule bei der Essensausgabe in die Schlange für Gratismahlzeiten einreihen zu müssen, was für ihn einer Zurschaustellung gleichkam. Kinder aus der Bezahlessen-­Reihe lachten ihn aus, es war eine Szene „wie aus den Charles-Dickens-Romanen mit ihren Besserungsanstalten“. Eine Bestrafung dafür, arm zu sein.

Auch ein Blick in Andersons Elternhaus zeigt, warum Suede so wurden, wie sie sind. Weil kein Geld da war, ernährte die Mutter ihn und seine Schwester mit Gewildertem: Sie ging in den Wald hinter dem Haus, suchte nach Tieren, rupfte Vögel und häutete Hasen, und das Fleisch landete im Topf. „Als kleiner Junge kam mir nie in den Sinn, dass andere Kinder ihren Eltern nicht dabei helfen müssen.“

„Herr der Fliegen“ bei den Andersons

So entstand Andersons Faszination für das Songthema: verendete Lebewesen und wie sie vom Menschen, jenem „elevated beast“, betrachtet oder verwertet werden können. Als Jugendlicher wurde er dann Vegetarier. Im Winter scharten sich die Andersons angeblich um ein offenes Feuer, um sich vor Kälte zu schützen. Es nährte seinen Respekt vor der Natur und ihren Jahreszeiten – im Hause Anderson wirkten Stadt und Land wie entgrenzt.

In dem Waldstück hinter dem Anwesen stieß Brett auf Jugendgangs, die aus ausrangierten Möbeln eine Parallel­welt erschufen, manchmal feindselig waren und eine „Herr der Fliegen“-Gesellschaft mit klaren Hier­archien entwarfen. Das neue Suede-­Video, „Life Is Golden“, huldigt diesen Übergangswelten zwischen Zivilisa­tion und Wildnis. Es zeigt, wie die Natur sich die seit 32 Jahren verlassene ukrainische Geisterstadt Prypjat zurückerobert hat – die Einwohner wurden nach der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl evakuiert.

Die Kindheit war auch die Zeit, in der das entstand, was Anderson heute selbstbewusst als „­Suede World“ bezeichnet. Pomp und Kitsch waren nicht nur okay, sondern sogar notwendig, denn sie ermöglichten die Gedankenflucht in ein glamouröses Leben ohne gehäuteten Hasen, Brennholz und Schlange an der Essens­ausgabe in der Grundschule. Wenn er heute durch London streift und nach Inspirationen sucht, findet er auch dort das Unperfekte, die „blaue Plastiktüte, die sich im Baum verfangen hat“, sowie das Anfällige, das „Rattern des alten Fahrstuhls.“ Und schreibt dann seinen Song.

Schon Andersons Vater war ein Träumer. Ein Gelegenheitsarbeiter mit verschiedenen Jobs, meist verdiente er sein Geld als Taxifahrer. Nachts aber drehte er die Musikanlage auf, Liszt, Chopin und Wagner schallten durchs Haus. Die turmhohen Musikstücke aus dem „Ring des Nibelungen“ prägten den jungen Brett. Bis heute arbeiten Suede mit Klassik-­Ensembles zusammen, die ihren Stücken schöne Akzente verleihen.

Wie unpeinlich Pop und Klassik miteinander harmonieren können, bewiesen Suede mit dem viel geliebten, orchestral begleiteten Song „Still Life“, der „Dog Man Star“ als wuchtiges Finale beschließt. Anderson bewertet den Fan-Favoriten heute allerdings etwas strenger: „Das war zu pompös, zu blumig.“ Er wolle den Eindruck von allzu prätentiöser „Neoklassik“ vermeiden, also den dunklen, eher romantischen Pop wie den von Dead Can Dance oder den reinen Schönklang mancher zurzeit angesagten Neutöner.

Für die neue Platte ließen Suede sich von den Prager Philharmonikern unterstützen. Sie schufen teils dissonante Arrangements, die Anderson als „leftfield“ bezeichnet. Die Chöre erzeugen, wie im neuen Song „As One“, kontinuierlich tiefe, beunruhigende ­Töne – als ob etwas schlummert, das besser nicht aufwachen sollte.

Als Vorbild diente die Avantgarde-­Klassik Krzysztof Pendereckis. Anderson liebt dessen „Threnody To The Victims of Hiroshima“ („Threnos – Den Opfern von Hiroshima“), die musikalische Verbeugung vor den Toten des ersten Atombombenabwurfs von 1945. Zuletzt verwendete Regisseur David Lynch die wie ein Sturm einbrechende Klangkulisse für seine dritte „Twin Peaks“-Staffel: Sie kündigte die Geburt des außerirdischen Bösen in unserer Welt an. Damit werden Suede in „The Blue Hour“ nun ihrem Publikum begegnen. „Vielleicht erscheine ich wie ein Dinosaurier, wenn ich das jetzt sage“, seufzt Anderson, „aber mit aktueller populärer Musik kann ich einfach nichts mehr anfangen“.

Dinosaurier haben ein trauriges Image: Sie sind mächtige Tiere aus einer Vorwelt, deren Zeit aber irgendwann abgelaufen war. Dabei gab es sie Millionen Jahre lang. Suede haben ­also noch ein wenig. Und sterben, das sagte Brett Anderson ja schon zu Beginn des Gesprächs, werden Suede so schnell ganz sicher nicht.


Coldplay: Geschichte einer enttäuschten Liebe

Was ist nur aus dieser Band geworden, die einmal so treffend den „Trouble“ nach der verloren gegangenen Liebe besang, sich in die Gehirnwindungen eines Wissenschaftlers vergraben konnte, das erbarmungslose Verstreichen der Lebenszeit in eine grelle Klavier-Tanz-Nummer überführte und den Titel eines ihrer kürzesten und schönsten Songs dem goldenen Mantra eines Kultbuchs für Nerds und Studenten entlieh? Ich muss zugeben, dass ich an Coldplay verzweifle. Ich kann nicht begreifen, wie es möglich sein kann, dass vier doch recht begabte Typen, die einen Haufen unsterblicher Lieder geschrieben haben, plötzlich aufgehört haben, Musik zu machen. Oder wenigstens Musik, die berühren will. Wie sensibel…
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